«Trump ist Blochers Zwillingsbruder»

Daniel Cohn-Bendit, französisch-deutscher 68er, spricht über den rechten Vormarsch in Europa und seine Sehnsucht nach einer Politik der Lebensfreude.

«Ich bin ein absoluter Merkel-Fan»: Daniel Cohn-Bendit vor seinem Auftritt an den «Berner Reden» diese Woche. Foto: Fabian Unternährer (13 Photo)

«Ich bin ein absoluter Merkel-Fan»: Daniel Cohn-Bendit vor seinem Auftritt an den «Berner Reden» diese Woche. Foto: Fabian Unternährer (13 Photo)

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Wir haben eine österliche Frage an Sie...
... Sie bekommen aber keine österliche Antwort.

Wie halten Sie es mit der Religion?
Überhaupt nicht. Ich bin ein absoluter, einfacher Atheist.

Gab es bei Ihnen eine Erleuchtung der Ungläubigkeit?
Nee. Mein Vater war auch nicht gläubig, meine Mutter ein bisschen, ich und mein Bruder nie. Ob Sie Pessach oder Ostern nehmen, da läuft bei mir nichts.

Am Ende des Lebens also tiefe Nacht?
Weiss ich nicht, ich habe nur bis zu meinem Tod geplant. Kurz nach meinem Tod wird dann meine letzte Rede videomässig übertragen. Die habe ich aber noch nicht aufgenommen, ich bin ja nicht kurz vor dem Sterben.

Was wäre dann Ihre Botschaft?
Kann ich Ihnen heute doch nicht sagen. Ich weiss nur, dass ich diese vielen Nachrufe einfach gezwungen finde und schwierig. Ich will den armen Journalisten die Arbeit abnehmen.

Daniel Cohn-Bendit, Studentensprecher in Paris 1968 (französisch). Video: Ina.fr Officiel

Rudolf Augstein schrieb nach dem Tod von Franz Josef Strauss: «De mortuis nil, das geht nicht.» Nisi bene, das gehe auch nicht. Über Tote also auch das Schlechte.
Die hatten ja eine besondere Beziehung, die beiden.

Am Ostersonntag wird der Papst seinen Segen sprechen. Wie nehmen Sie ihn wahr?
Der jetzige Papst ist politisch spannend, gesellschaftlich weniger, weil er da nix voranbringt. Er ist eine Kraft im Kräftefeld des politischen Infernos. Ich erwarte von ihm nicht jeden Tag eine neue Losung aus Rom. Ich erwarte aber eines. Im Sommer ist er am katholischen Weltjugendtag nach Polen eingeladen. Da wird er reden, und ich bin gespannt, was er in Polen über Flüchtlinge sagen wird und zur jetzigen Regierung. Da erhoffe ich mir ein bisschen Zunder.

«Wir durften den grössten Unsinn von uns geben, ohne mit der Wimper zu zucken.»

Frage an den Atheisten: Wie erklären Sie sich die enorme Bedeutung, welche die Religion für Menschen haben kann? Manche riskieren für sie ihr Leben, andere leiten daraus ihre fanatischen Missionen ab.
Ich glaube, wenn wir uns das im planetarischen Massstab anschauen, fällt die Religion ab. Aber bei denen, wo sie noch bleibt, wird sie intensiver, stärker, ideologischer und verführerischer. Es gibt offensichtlich Menschen, die Ideologien brauchen als Lebensorientierung und Glaubenssicherheit, das kann der Islam sein oder der Kommunismus. Das gibt ihnen eine Struktur, aber es kann sie auch zu Unmenschen machen. Weil sie mit der Welt, wie sie ist, nicht fertig werden. Umgekehrt sprechen alle Religionen von Brüderlichkeit – und hassen alle Schwulen. Welche Angst haben sie vor der Homosexualität? Wir haben einen Durchbruch von Anerkennung der Homosexualität in der westlichen Gesellschaft, zugleich eine radikalisierte Regression in den Religionen. Das wäre ein österlicher Spruch des Papstes, der mir gefallen würde: «Es gibt Menschen, die sind homosexuell, und das ist gut so, Inch‘Allah.»

Bietet die Kultur denn Trost als Alternative zum Glauben?
Warum Trost? Ich will doch nicht immer jammern und weinen. Natürlich kann die Kultur einen berauschen, das kann ein Roman sein, ein Theaterstück, ein Film. In Frankreich läuft zur Zeit dieser utopische Film, «Demain» heisst er, «Morgen». Ein bisschen naiv, aber unglaublich schön. Der Film zeigt, wie man in dieser Welt anders leben könnte. Zirkulare Wirtschaft, andere Schule, alternative Agrarwirtschaft. Das schaut man sich dann über anderthalb Stunden an, geht da raus und sagt «ja, so könnte es sein». Und die Erkenntnis tut einem gut. Kultur kann einen auch herausfordern, bewegen, aufwühlen...

Geben Sie uns ein Beispiel.
Der Roman, der mich den letzten Jahren am meisten bewegt hat, heisst «Les Bienveillants» von Jonathan Littell, «Die Wohlgesinnten». Ein unfassbarer Roman, weil er mir zum ersten Mal klar gemacht hat: Was waren Nazis? Dabei ist Littell ganz jung, ein Nachgeborener. Aber er hat in dieser Geschichte die unterschiedlichen Facetten, die intellektuellen Debatten über den Faschismus nachvollzogen. Als Höhepunkt des Romans empfinde ich die eine Szene in Stalingrad. Die Hauptfigur des Romans, ein Mann der Waffen-SS, sitzt einem Agenten der NKVD gegenüber, also der stalinistischen Geheimpolizei. Die beiden unterhalten sich darüber, welche Ideologie die bessere sei, um die Menschen dahin zu führen, wo man sie hinführen will – der Faschismus oder der Kommunismus. Das ist genial, sozusagen das Denken von Hannah Arendt in einen Roman überführt. Seit der Lektüre nehme ich den Faschismus anders wahr.

Der Faschismus wurde lange Zeit für eine überwunden geglaubte Episode des 20. Jahrhunderts gehalten. Heute scheint man sich nicht mehr so sicher.
Ich bin vorsichtig. Ob man die nationalpopulistischen Strömungen unserer Zeit schon faschistisch nennen kann, weiss ich nicht. Natürlich kann man Verbindungsstränge zum Faschismus oder sogar zum Kommunismus ziehen. Ich sehe eher einen Sozialnationalismus oder einen Sozialegoismus am Werk. Das ist es doch, was diese Bewegungen ausmacht: der Wunsch in einer globalen Welt, sich als Ethnie oder Nation zu retten ohne Rücksicht auf die anderen. Das ist es, was diese Populisten heute auszeichnet.

Sehnsucht nach Grenzen?
Sehnsucht nach Sicherung der eigenen Existenz. Das sind Wohlstandsegoisten, die stets mit dem Ausschluss von anderen argumentieren. Darum ist auch der Dialog mit ihnen so schwierig. Wenn die sagen, «wir wollen keine Flüchtlinge. Mag sein, dass denen was Schreckliches angetan wurde, na und? Was hat das mit mir zu tun? Ich muss schauen, dass es mir gut geht und meiner Familie.»

Diese Tendenz hat in vielen europäischen Ländern zugenommen, nicht nur in Deutschland oder Frankreich.
Gerade die Schweiz kennt diese Tradition auch. «Das Boot ist voll», das hat es schon einmal gegeben. In allen Gesellschaften gibt es einen Sud an Egoismus. Der französische Schriftsteller Philippe Sollers hat den Begriff von der «France moisie» geprägt, dem verschimmelten Teil der Gesellschaft. Aber dagegen wehrt sich auch der Widerstand, das hat man gerade eben in Ihrem Land erlebt, bei dieser Durchsetzungsinitiative. Viele sind aufgestanden und haben gesagt, eine solche Schweiz wollen wir nicht. Darunter viele Junge.

Cohn-Bendit im Interview mit Peter von Kohl, 2014. Video: EU Reporter

Zugleich hat die Linke in mehreren europäischen Ländern verloren. In Frankreich liegt der PS weit hinter dem Front national, in den Niederlanden, in Dänemark und Finnland wächst der Druck ausländerfeindlicher Parteien auf die etablierte Sozialdemokratie, bei den letzten Länderwahlen in Deutschland konnte sich die SPD nur in Rheinland-Pfalz auf 36 Prozent halten. Was sagen Sie zu dieser Entwicklung?
Sicherlich hat die Linke kein faszinierendes, emanzipatives Projekt mehr, das einen mitreisst. Wenn ich junge Menschen sehe, die mit 23 auf die Strassen gehen, um für eine Rente zu demonstrieren, die sie mit 60 beziehen werden, sage ich, da läuft was schief. Das Problem geht aber über die Linke hinaus. Ich glaube wirklich, dass wir in einer Zeit leben mit riesigem Potential.

Wirklich?
Ja. Wir haben ein Potential an Emanzipation, an sich Aneignen von Möglichkeiten, das einem unendlich erscheint. Natürlich haben wir auch ein Potential an Zerstörung, nicht nur ökologischer – und wir sind nicht in der Lage, dieses Potential in eine positive Lebensvision einzubetten. Entweder macht uns die Globalisierung Angst, oder wir sind zurückgeworfen auf ein individuelles Leben. Die Vorstellung eines anderen kollektiven Zusammenlebens erscheint uns unmöglich. Deswegen finde ich diesen Film «Demain» so schön als Ausdruck von Lebensfreude. Er hat in Frankreich schon über eine Million Zuschauerinnen und Zuschauer erreicht. Aber die Linke schafft es nicht, als Reaktion auf all die Herausforderungen eine Lebensfreude mit zu mobilisieren. Das ergäbe eine neue Perspektive, das gäbe auch neue Kraft.

Sie haben einen Sohn, er ist 25 Jahre alt. Seine Generation bekommt an den Universitäten die Bologna-Reform verpasst, Ihre Generation, die 68er, war die letzte, die eine politische Utopie zum Erfolg brachten.
Wir hatten ein grosses Glück, damals: Wir durften den grösstmöglichen Unsinn von uns geben, ohne mit der Wimper zu zucken. Da gab es diese Revolte gegen eine Lebensmoral, welche die jungen Menschen nicht mehr wollten, also wir. Die Sprache, mit der wir revoltierten, war eine Sprache aus dem 20. Jahrhundert. Die einen inspirierten sich an der chinesischen Kulturrevolution, und das muss man erst mal schaffen, einen Genozid in Freiheit zu übersetzen. Andere waren für Nordkorea oder Pol Pot oder Tirana. Und wir, die Anarchisten, waren für die Loser der Geschichte. Wir haben uns mit den spanischen Anarchisten identifiziert, die von Franco und den Kommunisten niedergeschossen wurden. Wir haben die Pariser Kommunarden verehrt, die von der Armee massakriert wurden. Wir gedachten der Rätekommunisten, die von Stalin und Trotzki eliminiert wurden. Unser Bild von einer positiven Welt waren die Verlierer der Geschichte.

Moment. Ihre Generation protestierte in einer Hochkonjunktur, jeder hatte eine gute Stelle auf sicher, jeder lebt jetzt mit einer grossen Rente.
Die Frage nach der Rente haben wir uns damals nicht gestellt. Aber ja, es war eine Zeit ohne Arbeitslosigkeit, wir hatten keine Ahnung vom Klimawandel, ökologische Katastrophen kannten wir nicht, Aids gab es nicht. Sex war möglich, die Welt war offen, wir hatten keine Angst, wir waren prometheisch, hielten uns also für die Grössten. Heute stellt sich alles ganz anders und viel schwieriger dar. Aber dass Sie jetzt mit Bologna kommen, die Verschulung der Universität, ach ja… Daraus kann man doch ausbrechen. Ich sehe das bei meinem Sohn. Der hat einen Bachelor in Wirtschaftswissenschaften. Er hat gearbeitet, einen Fussballclub gegründet, er gibt Migrantenkindern Nachhilfe, hat ein positives Verhältnis zum Leben, jetzt macht er einen Master in Finanz-Soziologie. Und wenn ich sehe, was der alles macht, finde ich: Da ist doch viel möglich. Bologna ist Quatsch, die Verschulung auch, aber es kann doch nicht die Haltung sein zu sagen, damit könne man nichts mehr machen. Das glaube ich nicht. Was ich aber zugebe: Die Angst vor der Arbeitslosigkeit, die Angst vor dem Abstieg lastet auf den Jungen.

«Die Zukunft der Grünen ist von Angst besetzt.»

Die Grünen, zu denen Sie gehören, hätten schon eine Alternative, den ökologischen Umbau der Gesellschaft. Mit allerdings zwei Problemen. Erstens wird beim Umweltschutz gespart, wenn es der Wirtschaft schlechter geht, zweitens kommt die Ökologie vielen lustfeindlich vor, weil sie so sehr mit Verboten operiert.
Es stimmt: Der grüne Ansatz besagt, dass wir so nicht weiterleben können. Ist ja nicht falsch. Nur führt das dazu, dass die Zukunft der Grünen von Angst besetzt ist. Also müssen die Grünen dieses Gefühl umwandeln. Es gibt eine andere Art zu leben, die nicht nur aus Verzicht besteht. Anders leben heisst nicht asketisch oder puritanisch leben. Es muss eine neue, positive Idee von Lust entstehen, verbunden mit einem anderen Stil von Politik. Das grosse Problem der Grünen ist, dass sie wie Oberlehrer daherkommen und dauernd die Menschheit dabei belehren wollen, was richtig ist und was falsch. Und das nervt. Das war doch das Geniale, das Winfried Kretschmann in Baden-Württemberg geschafft hat, der grüne Ministerpräsident. Er hat seinen Wahlkampf mit dem einen Slogan geführt: «Regieren ist eine Frage des Stils.» Das braucht doch Mumm. Und er hat recht: Wie kann ich die Menschen, die verunsichert sind, durch meinen Stil, meine Offenheit zu mir herüberziehen. Die Veränderung unserer Gesellschaft kann nicht durch ein Gesetz erwirkt werden, eine Mehrheit der Gesellschaft muss das wollen. Dazu muss sie von der Politik überzeugt werden. Gerade das fällt den Grünen als Partei aber schwer.

Ist es nicht besonders schwierig, eine positive Botschaft glaubhaft zu vertreten? Barack Obamas «Yes, We Can» war ein guter Slogan. «Wir schaffen das» von Angela Merkel aber auch.
Ich bin ein absoluter Merkel-Fan. Ihr Fukushima war ein besonderes Ereignis: In der Schule klagte ihr ein palästinensisches Mädchen, seine Eltern könnten nicht nachziehen. Da sagte sie, sie könne nichts machen, das seien vermutlich administrative Hindernisse. Sie gab eine technokratische Antwort.

Wie so oft.
Ja, aber diesmal hat sie gemerkt, das war ein Fehler, so kann man nicht mit Menschen umgehen. Danach kamen die Bilder des kleinen Aylan, der in der Türkei ertrunken ist. Und Merkel hat gesagt: Das schaffen wir. Mich regen alle auf, die diese Äusserung als unvorsichtig bezeichnet haben. Mir ist eine unvorsichtige moralische Handlung lieber als eine vorsichtige unmoralische. Und dann sagte ihr Viktor Orban am EU-Gipfel, Deutschland werde genau wie Ungarn Stacheldraht um sein Land aufziehen. Sie antwortete: Wissen Sie, Herr Orban, ich habe zu lange in der DDR hinter Stacheldraht gelebt, als dass dies für mich eine Option wäre. Merkel ist von allen europäischen Regierungschefs die einzige, die in der Flüchtlingskrise Haltung, Moral und Standfestigkeit bewiesen hat.

Aktuell sieht es aber so aus, dass nur noch Flüchtlinge einreisen dürfen, die an Leib und Leben bedroht sind.
Merkel ist in die Ecke getrieben worden von all jenen Ländern, die keine Flüchtlinge mehr aufnehmen wollen - dazu gehört ja auch die Schweiz. Es ist Wahnsinn, hier eine Initiative gegen Flüchtlinge zu lancieren. Die Schweiz nimmt schon heute keine Flüchtlinge mehr auf. Da gibts keinen Grund, sich aufzuregen.

120’000 sollen es dieses Jahr sein.
In Deutschland hat man im vergangenen Jahr 2 Millionen aufgenommen. Frankreich will 32’000 in zwei Jahren aufnehmen - das ist einfach Blödsinn.

Auch die USA haben dichtgemacht.
Ja, leider. Mein Vorschlag ist, alle Luxusdampfer zu beschlagnahmen, mit Flüchtlingen zu füllen und in die USA zu bringen. Schliesslich haben die USA mit ihrer Nahostpolitik dieses Problem mitausgelöst – nicht allein, aber sie sind mitverantwortlich.

Man sollte alle Flüchtlinge in die USA bringen.

Daran wird Donald Trump seine Freude haben.
Das sollten wir noch in Obamas Amtszeit machen und ihn an sein «Yes, we can» erinnern. Ich finde ja auch diesen Deal mit der Türkei furchtbar. Aber Merkel ist in einer Zweckmühle. Wir müssen die Armut in Afrika bekämpfen. Der ehemalige französische Umweltminister Jean-Louis Borloo hat ausgerechnet, dass man mit 3 Milliarden Euro sämtliche Dörfer Afrikas mit Sonnenenergie elektrifizieren könnte. Das würde für einen nachhaltigen Wirtschaftsaufschwung sorgen. Selbst wenn es am Ende vier Milliarden kostet, ist das nichts im Vergleich mit den Bankgewinnen zwischen Genf und Zürich. Dazu schlage ich jedes Jahr 300’000 - 400’000 Greencards zur Legalisierung der Einwanderung in Europa vor. Wenn die Leute in Afrika die Möglichkeit haben, mit einem Multy-entry-Visum in Europa Arbeit zu suchen, wird die illegale Einwanderung stark zurückgehen.

Viele muslimischen Einwanderer haben ein rückständiges Frauenbild – sehen Sie das als Bedrohung?
Ein rückständiges Frauenbild gibts auch in anderen Religionen. Im Islam ist jetzt ja auch viel im Umbruch: Ich kenne junge Muslima in Frankreich, die sind total emanzipiert. Sie fühlen sich deshalb weiterhin als Muslima. Das muss man differenziert ansehen, auch bei den Männern. Es haben sich ja auch nicht alle Männer aus anderen Kulturen vom Patriarchat emanzipiert. Die Religion spielt da eine fatale Rolle. Aber der Islam wird sich in dieser Frage weiterentwickeln.

Da müsste Frankreich allerdings seine Segregation in den Banlieues aufheben. Banlieue heisst auf deutsch Bannmeile, dorthin wurden die Unliebsamen aus der Stadt getrieben. Hat Frankreich auf amerikanischem Niveau resigniert?
Frankreich hat in der Tat während 20, 30 Jahren diese Segregation vorangetrieben. Ein Drittel der Immigranten sind heute ohne Arbeit und Perspektive. Wir müssen uns fragen, wie wir da rauskommen. Frankreich braucht ein grosses Integrationsprogramm, ein Neukonzept für die Schulen. Es stellt sich schliesslich nicht mehr die Frage, ob wir die Muslime in Europa haben wollen. Sie sind da. Man muss jetzt eine Vorstellung haben von sozialer Veränderung. In Frankreich dauerte es nach der republikanischen Revolution 150 Jahre, bis die Frauen gleichgestellt waren. Und es war nicht der Papst, der das bewirkte, sondern der Kampf der Frauen.

Brüssel wurde diese Woche von schweren Anschlägen getroffen, auch das eine stark segregierte Stadt. Sehen Sie einen Zusammenhang?
Es ist grauenhaft, wir müssen diese Zeit überwinden. Das bedingt aber eine militärische Intervention gegen den IS und eine bessere Integration der Muslime in Europa. Anders ist der Frieden nicht zu haben.

Viele Imame in Europa zementieren die alten Rollenbilder.
Es gibt in Frankreich auch viele Imame, die eine fortschrittliche Rolle spielen. Sie besuchen die Kämpfer in den Gefängnissen und fragen sie: Warum willst du in Syrien kämpfen, wo steht das im Koran? Nirgends. Es gibt auch ein jüdisches Gebot, das fromme Juden jeden Morgen eigentlich beten müssten: «Ich danke Gott, dass ich nicht als Frau geboren wurde.» Auch nicht sehr fortschrittlich, oder?

«Wir müssen in Europa den Nationalstaat überwinden.»

Europa fehlt heute eine positive Utopie – oder sehen Sie eine?
Europa hatte eine positive Utopie nach 1945: Nie wieder Krieg zwischen den grossen europäischen Nationen. Das wurde erreicht und ist heute eine zivilisatorische Errungenschaft. Jetzt zeichnet sich die absehbare Zukunft ab: Ohne ein vereinigtes Europa wird der Einfluss Frankreichs auf die Welt in vierzig Jahren so gross sein wie jener von Andorra heute auf Europa, der Einfluss Deutschlands so gross wie jener Luxemburgs. Man kann so unbedeutend werden wollen, aber dann können wir die kulturellen europäischen Errungenschaften wie etwa den Sozialstaat oder die soziale Gerechtigkeit nicht verteidigen. Wenn wir von den USA aus Europa ansehen, dann haben wir noch eine vergleichsweise heile Welt hier. Aber das wird angesichts der grossen Herausforderungen wie etwa die Finanzkrise oder die Flüchtlingskrise nur so bleiben, wenn wir in Europa den Nationalstaat überwinden.

Dafür gibt es in allen Nationen keine politische Mehrheiten, die politische Union gemäss den Vorstellungen von Maastricht ist an den Urnen gescheitert.
Nein, sie ist nicht gescheitert! Sie braucht einfach länger Zeit. Ich erinnere Sie nochmals an die 150 Jahre, die Frankreich auf dem Weg vom feudalen Nationalstaat bis zur demokratischen Republik brauchte. Das sind lange, schwierige und widersprüchliche Prozesse. Aber da müssen wir hin, sonst werden wir weder die Klimafrage lösen können noch die Globalisierung gestalten. Wir werden keine andere Agrarpolitik schaffen, noch eine andere Energiepolitik, noch eine europäische Armee. Wenn wir die hätten, könnte eine europäische Armee etwa man bei einer Zweiststaatenlösung von Israel und Palästina die Grenzen schützen. Aber Europa überlässt nach wie vor alle militärischen Interventionen den USA – wenn die dann etwas machen, schimpfen wir, und wenn sie nichts machen, auch.

Sie wollen bewaffnete Interventionen europäischer Streitkräfte?
Ja, aber unter demokratischer Kontrolle. Wir brauchen einen bewaffneten europäischen Schutzschirm, damit unsere Diversität der Kulturen weiter bestehen kann und wir nicht nur ein Anhängsel der USA sind.

Wie beurteilen Sie den Durchmarsch von Donald Trump bei den US-Republikanern? Als letztes Gefecht des älteren weissen Mittelstands?
Bleiben wir auf dem Boden, Trump hat die Wahlen noch nicht gewonnen. Er ist im Übrigen der Zwillingsbruder von Christoph Blocher, der Schwiegervater von Frauke Petry und die heimliche Liebschaft von Marine Le Pen. Die Welt ist verrückt geworden.

Wie sind Sie eigentlich vom Utopisten zum Realo geworden, gab es da ein Schlüsselerlebnis?
Ich hab Ihnen ja erzählt, dass wir Spontis und Anarchisten stets eine grosse Zuneigung für die Verlierer der Geschichte hatten. Irgendwann hat man aber keine Lust, immer zu den Losern zu gehören, Recht zu haben, ohne dass etwas geschieht. Dort beginnt die Realpolitik: Man versucht, Mehrheiten für politische Veränderungen zu gewinnen. 1968 hielten wir Wahlen für Verrat. Wir wollten die Menschen ausserparlamentarisch mobilisieren. Aber sie wollten nicht 24 Stunden am Tag mobilisiert werden. Sie wollen leben, lieben, ins Kino gehen, kontrollieren und bestimmen, aber auch delegieren. So funktioniert die parlamentarische Demokratie, und wenn man das erkannt hat, wird man automatisch zum Realo. Politik ist ein Abenteuer, oft weiss man nicht, was am Ende aus den Kompromissen herauskommt.

Erstellt: 25.03.2016, 16:53 Uhr

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