Trump und Johnson: «Special relationship» mit Absturz-Potenzial

London und Washington stehen vor einem Neustart ihrer Beziehungen. Doch Achtung: Die beiden Alphatiere könnten sich in die Quere kommen.

«Er wird grossartig sein», twitterte der US-Präsident nach Johnsons Kür zum neuen Chef der konservativen Tories. Foto: Reuters/Archiv 2017

«Er wird grossartig sein», twitterte der US-Präsident nach Johnsons Kür zum neuen Chef der konservativen Tories. Foto: Reuters/Archiv 2017

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Die Chemie zwischen US-Präsident Donald Trump und dem neuen britischen Premierminister Boris Johnson scheint zu stimmen. Ihr zur Schau gestelltes Verhältnis gilt für viele als Chance, um die «besonderen Beziehungen» zwischen den USA und Grossbritannien wiederzubeleben. Aber die beiden launenhaften Politiker könnten schwerer miteinander auskommen als gedacht.

Trump war einer der Ersten, der Johnson zu seinem neuen Posten als Regierungschef gratulierte. «Er wird grossartig sein», twitterte der US-Präsident gerade einmal eine halbe Stunde nach Johnsons Kür zum neuen Chef der konservativen Tories.

Seine Sympathien für Johnson stehen in krassem Kontrast zu Äusserungen über dessen Vorgängerin Theresa May. Erst vor kurzem attestierte ihr Trump, beim angestrebten EU-Austritt Grossbritanniens «einen sehr schlechten Job» gemacht zu haben.

Johnson, ein USA-Versteher

Die traditionell guten Beziehungen zwischen den Verbündeten USA und Grossbritannien flauten unter Trump und May mächtig ab. Sie erreichten gar einen Tiefpunkt mit der Kontroverse um den inzwischen zurückgetretenen britischen Botschafter in Washington, Kim Darroch. Dieser hatte Trump in internen Vermerken als «unsicher» und «inkompetent» kritisiert.

Lächeln nur für die Kameras: Trump und May verstanden sich nicht. Foto: Simon Dawson/Reuters

Der in New York geborene Johnson stehe dagegen für einen «deutlichen proamerikanischen Blick», sagt Nile Gardiner vom konservativen US-Thinktank Heritage Foundation, der einst ein Mitarbeiter von Margaret Thatcher war. Der neue Regierungschef habe eine «tiefsitzende Affinität für das transatlantische Bündnis».

Zwei «ideologische Patrioten»

Johnson ist fest entschlossen, Grossbritannien bis zum 31. Oktober aus der Europäischen Union zu führen. Ein Schritt, den Trump als Gegner des Multilateralismus unterstützt. In der Folge strebt Johnson auch engere wirtschaftliche Beziehungen zu den USA an.

Der US-Präsident und der britische Premier – sie wirken wie Gleichgesinnte. «Im Prinzip sind sie ideologische Patrioten, rechts, populistisch, gegen die politische Korrektheit und das Establishment», bemerkt Ian Bremmer vom Forschungsinstitut Eurasia Group. Bei näherer Betrachtung sei ihre Beziehung aber «viel anfälliger und unsicher».

«Boris Johnson hat schon eine Menge Menschen beleidigt»

«Boris Johnson und Donald Trump haben ähnliche Persönlichkeiten und ähnliche Einstellungen gegenüber den Medien», ergänzt Bremmer. Beide interessierten sich am meisten für sich selbst. Diese Einschätzung scheint ausgerechnet der US-Präsident zu stützen, der Johnson am Dienstag als «Grossbritanniens Trump» pries.

Bei zwei Persönlichkeiten wie diesen, die das Rampenlicht lieben, können nach Einschätzung von Experten durchaus auch die Fetzen fliegen. Johnson, der für seine Fehltritte bekannt ist, könnte dem dünnhäutigen Trump leicht auf die Füsse treten. «Boris Johnson hat schon eine Menge Menschen beleidigt, die nicht so schnell beleidigt sind wie Trump», sagt Bremmer.

Johnson lästerte über New York und «die echte Gefahr»

Und völlig reibungslos war ihr Verhältnis auch nicht immer. Als der frühere Reality-TV-Star Trump im Präsidentschaftswahlkampf Teile von London wegen islamischer Radikalisierung zu No-go-Areas erklärte, keilte Johnson als damaliger Bürgermeister der Stadt zurück: Er selbst würde einige Gegenden New Yorks meiden – denn dort lauere «die echte Gefahr», Trump über den Weg zu laufen.

Seither hat sich Johnson, der knapp zwei Jahre lang britischer Aussenminister war, oft vom US-Präsidenten distanziert. So verurteilte auch er die jüngsten Twitter-Tiraden Trumps gegen vier Politikerinnen der US-Demokraten als «rassistisch».

Ein Handelsvertrag soll her

Auch zum Iran hat der neue britische Regierungschef in der Vergangenheit andere Standpunkte vertreten als Trump. Dies ging sogar so weit, dass er im vergangenen Jahr eine Delegation nach Washington anführte, um den US-Präsidenten doch noch davon zu überzeugen, nicht aus dem internationalen Atomabkommen mit dem Iran auszusteigen.

Obwohl Trump den Briten für die Zeit nach dem Brexit einen «phänomenalen» Handelsvertrag in Aussicht stellt, könnten sich solche Gespräche zwischen beiden Seiten zäh gestalten. «Auch wenn die beiden Seelenverwandte sind, liegen ihre Interessen nicht immer auf einer Linie», gibt Luigi Scazzieri vom Centre for European Reform in London zu bedenken.

Johnsons Bestrebungen, einen Handelsvertrag mit den USA unter Dach und Fach zu bekommen, könnte Trump mit seinem Pochen auf «America First» durchkreuzen, sagt Scazzieri. Trump werde sicherlich keine Zugeständnisse machen, sondern vielmehr den «maximalen Vorteil» für die USA suchen. (AFP)

Erstellt: 24.07.2019, 12:48 Uhr

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