Überall in Europa herrscht Ökoboom – nur im Bel Paese nicht

Die «Verdi» dümpeln bei 2,3 Prozent Stimmenanteil: Warum Italiens Grüne nicht vom Fleck kommen.

Symbol der Sorglosigkeit: Das riesige Stahlwerk Ilva in der apulischen Hafenstadt Taranto. Foto: Ivan Romano (Getty Images)

Symbol der Sorglosigkeit: Das riesige Stahlwerk Ilva in der apulischen Hafenstadt Taranto. Foto: Ivan Romano (Getty Images)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Manchmal glaubt man, den Klimawandel greifen zu können. 28 Grad an einem Junimorgen, das ist auch für Rom zu viel: ein staubtrockener Vorbote des Hochsommers. Im 63er-Bus zur Piazza Fiume ist mal wieder die Klimaanlage ausgefallen, durch die offenen Schlitzfenster zischt heisse Luft. Im ersten Stock eines Wohnhauses haben Italiens Grüne ihren Parteisitz – die «Verdi». Ein kleines Büro, drei Zimmer. An den Wänden hängen Plakate alter Kampagnen, auf einem steht: «Eine Nation, die ihren Boden zerstört, zerstört sich selbst.» Es ist eine verzweifelte Klage.

«Wir haben es schwer, Wähler zu finden», sagt Angelo Bonelli, Römer, 56 Jahre alt, der Chef der Verdi. Und das ist schon verwunderlich in einer Zeit, da den Grünen fast überall sonst in Europa die Herzen zufliegen, auch solche von jungen Wählern. Getragen von einem neuen Umweltbewusstsein, vom Elan Greta Thunbergs, von der Sorge um die Zukunft des Planeten. Die jüngsten Europawahlen haben es gezeigt. In Deutschland schafften die Grünen 20,5 Prozent. In Frankreich 13,5 Prozent. In Grossbritannien 12 Prozent. Unter den grossen Ländern tanzt nur Italien aus der Reihe: 2,3 Prozent, weit unter der Sperrklausel. 621'000 Stimmen.

Ein «Flop», ein «Debakel»

«Lächerliche Zahlen» seien das, schrieben die Zeitungen. Ein «Flop», ein «Debakel». Die linke «Repubblica» erklärte das Ergebnis so: «Wir gehen gierig und aggressiv mit unserer Natur um, und obschon sie ja so schön ist, behandeln wir sie noch immer wie eine Stiefmutter.» Bonelli formuliert es etwas anders, meint aber dasselbe. Den Italienern fehle es dramatisch an Verantwortungsethik – für die Umwelt, für das Gemeinwohl, alles Kollektive. «Unser Daheim pflegen wir mit aller Sorgfalt, doch die Abfallberge gleich vor der Tür, diese ganze Dekadenz – sie kümmert uns nicht.»

Angelo Bonelli, Parteichef der italienischen Grünen. Foto: PD

Bonelli spricht leise, sein Haar trägt er lang. In den Medien heisst es, es fehle ihm an Charisma. An seiner Hingabe für die Sache zweifelt aber niemand. Sein ganzes Leben lang kämpft Bonelli schon für ein Umdenken, seit zehn Jahren als «Nationaler Koordinator der Exekutive der Grünen». Ein umständlicher Titel für einen Chef. Früher zerrissen sie sich oft in internen Kämpfen, es ging dabei nicht immer nur um Inhalt und Ideologie. «Wir haben Fehler gemacht», sagt Bonelli. «Ich auch.»

Gegründet wurden die Verdi 1987, als exotisches Gewächs. Umweltschutz galt in Italien immer als Luxus. Es herrschte lange Zeit die Meinung vor, dass nichts den Fortschritt und die Wirtschaft behindern dürfe, dass dem Recht auf Arbeit und Wohlstand alles zu unterwerfen sei. Küsten wurden zubetoniert. Fabriken entstanden mitten in Städten, ohne Sorge vor Gesundheitsschäden. Die giftigen Abfälle? Einfach verscharrt oder verbrannt unter freiem Himmel. Um Wohnraum zu schaffen, wurden Flussbetten eingeengt. Gebaut wurde auch in Gegenden, in denen nun wirklich nicht gebaut werden sollte: in der «zona rossa», höchste Erdbebengefahr. «Dann weinen wir jeweils, wenn wieder eine Katastrophe passiert», sagt Bonelli.

Die Aussicht auf Vergebung legt sich wie eine wohlige Decke auf das schlechte Gewissen.

Statt die illegale Bauwut zu bestrafen, beschliesst die Politik alle paar Jahre einen allgemeinen Ablass. «Unseren Begriff dafür, ‹condono edilizio›, gibt es in anderen Sprachen nicht einmal.» Der Staat, sagt Bonelli, legalisiere die Illegalität. «Da ist eine Partei wie unsere, die Respekt für die Gesetze und den Landschaftsschutz fordert, natürlich nicht sehr populär.» Die Italiener würden nur darauf warten, dass man ihnen die Sünden erlasse, da seien sie sehr katholisch. Die Aussicht auf Vergebung legt sich wie eine wohlige Decke auf das schlechte Gewissen. Im protestantischen Norden Europas sei das eben anders, sagt Bonelli.

Vor einigen Jahren hat er ein Buch geschrieben über das grosse Stahlwerk Ilva im apulischen Taranto, ein Symbol der Sorg-losigkeit. In «Good Morning Dioxin» erzählt Bonelli, wie tragisch viel höher das Risiko sei, in Taranto an Krebs zu erkranken, auch für Kinder. Das Buch erschien auch auf Englisch. Bonelli wurde von der BBC interviewt, er trat an Fachkonferenzen auf – nur im Ausland. «In Italien interessierte sich niemand für das Buch.» Vor den Europawahlen wurden die Verdi in keine einzige Talkshow eingeladen.

Jahresbudget: 257'000 Euro

2,3 Prozent also. Es ist eines der besten Resultate in der Geschichte der italienischen Grünen. Ihr Rekord liegt bei 3,6 Prozent: 1999 war das, bei den Europawahlen. Bis 2008 sassen die Verdi im italienischen Parlament, auch Bonelli war Abgeordneter. Einige Parteigänger schafften es in linken Regierungen zu Ministerposten. Doch als die Cinque Stelle aufkamen, die in ihren Anfängen eine ökologische Seele hatten, verschwanden die Grünen fast ganz. Mit einem Jahresbudget von zuletzt 257 000 Euro lässt sich nicht viel ausrichten.

Im Büro arbeiten zwei Teilzeitangestellte und zwei Praktikanten. Das vermeintliche «Debakel» macht ihnen Mut. Ständig klingle jetzt das Telefon im Büro. Zu den Versammlungen kommen nicht mehr nur zehn Leute, sondern auch mal fünfzig, sechzig. Es ist ja so, dass es in Italien viele Organisationen mit sozial engagierten Freiwilligen gibt. Tausende davon, man muss die Leute nur begeistern können. Und viele Wähler der Cinque Stelle suchen bereits wieder eine neue politische Heimat, sie fühlen sich betrogen.

«Wir müssen aufhören, nur Alarm zu schlagen», sagt Bonelli. Man wolle jetzt wie die deutschen Grünen mit einem Vollprogramm Wähler aus allen Spektren ansprechen, querbeet, aber vor allem in der Mitte, möglichst unideologisch. Für einen plötzlichen Boom, wer weiss.

Erstellt: 14.06.2019, 08:33 Uhr

Artikel zum Thema

Rom manövriert sich in eine totale Isolation

Lega und Cinque Stelle droht die Bedeutungslosigkeit in der EU. Sie suchen deshalb nach neuen Alliierten. Mehr...

Der Engel kehrt in die Hölle zurück

Video Fast vier Jahre sass sie im Gefängnis, ihr Prozess verkam zum Medienspektakel: Nun ist Amanda Knox erstmals seit ihrem Freispruch wieder in Italien. Mehr...

2,3 Billionen Euro Schulden: Italien droht eine Milliardenbusse

Wegen der enormen Schuldenlast empfiehlt die EU-Kommission ein Strafverfahren gegen das Land Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Bitte lächeln: Frankie die Bordeauxdogge stellt sein Löwenkostüm zur Schau. Er nimmt mit seinem Herrchen an der Tompkins Square Halloween Hundeparade in Manhattan teil (20. Oktober 2019).
(Bild: Andrew Kelly) Mehr...