Übergriffe in der Brüsseler Blase

Die Vorwürfe wegen sexueller Belästigung im Europaviertel häufen sich. Sie werfen ein Schlaglicht auf die Arbeitsverhältnisse von Praktikantinnen und Praktikanten.

Nicht nur Hollywood, auch das EU-Parlament und das Brüsseler Europaviertel haben ihren Skandal um sexuelle Belästigung.

Nicht nur Hollywood, auch das EU-Parlament und das Brüsseler Europaviertel haben ihren Skandal um sexuelle Belästigung. Bild: Patrick Seeger/Keystone

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Jeden Donnerstagabend ist Party. Auf der Brüsseler Place du Luxembourg und in den umliegenden Bars tummelt sich Europas Zukunftshoffnung nach Arbeitsschluss. Die Partyszene der Assistenten und Praktikanten auf dem Platz vor dem EU-Parlament ist allerdings nur die ­Sonnenseite, die oft prekären Arbeitsverhältnisse der Praktikanten in Europas Maschinenraum kein Geheimnis. Vorwürfe über sexuelle Belästigung werfen jetzt einen üblen Schatten auf die Brüsseler Euroblase.

Nicht nur Hollywood, auch das EU-Parlament und das Brüsseler Europaviertel haben ihren Skandal um sexuelle Belästigung. Auch in der Euroblase trifft das Klischee nicht selten zu, dass ältere Männer gerne junge Frauen für die prekären Einstiegjobs einstellen. Im Zuge der Enthüllungen um den US-amerikanischen Produzenten Harvey Weinstein haben die britische «The Sunday Times» und die Onlineplattform «Politico» schwere Vorwürfe von Stagiaires und von Parlamentsmitarbeiterinnen öffentlich gemacht.

Es geht um mehr als ein Dutzend ­sexueller Übergriffe und unerwünschte Annäherungsversuche, bei denen meist Frauen von männlichen Abgeordneten bedrängt, begrapscht oder anderweitig verfolgt wurden. In einem Fall soll ein Parlamentarier vor einer jungen Assistentin masturbiert haben, schreibt die «Sunday Times». Ein deutscher Abgeordneter soll einer 24-jährigen Assistentin anzügliche Avancen gemacht und ihr den Ausgang aus einem Sitzungssaal versperrt haben.

In einem Fall soll ein Parlamentarier vor einer jungen Assistentin masturbiert haben.

In einem anderen Fall hat ein führendes Mitglied des EU-Parlaments eine Mitarbeiterin in einem Fahrstuhl bedrängt. Sie fühle sich behandelt «wie ein Stück Fleisch», wird eine Assistentin zitiert. Es passiert in den engen Korridoren des Parlaments, am Rande von Arbeitsessen nach Veranstaltungen oder besonders in Strassburg, wo man sich einmal im Monat zur Plenarsitzung trifft und Abgeordnete ebenso wie Mitarbeiter in Hotels übernachten müssen. In den Berichten werden die Namen der Täter nicht genannt. Dies aus Rücksicht auf die Opfer, die sonst um ihre Karriere und ihre Zukunftschancen fürchten müssten. Mit der Ausnahme eines ehemaligen französischen Umweltministers und heutigen EU-Abgeordneten der Grünen, der einer 25-jährigen Assistentin anzügliche Textnachrichten geschickt haben soll.

Die Onlineplattform «Politico» hat bis gestern nach eigenen Angaben zusätzliche Zeugnisse von 95 Frauen und 7 Männern gesammelt, die nun verifiziert werden sollen. Langsam bröckelt die Mauer des Schweigens und weicht bei den Betroffenen die Angst. Das EU-Parlament ist dabei nicht der einzige Tatort in der Euroblase. Meldungen kommen auch aus Lobbyfirmen, Anwaltskanzleien oder regierungsunabhängigen NGOs im Umfeld der EU-Institutionen. Im Zuge der Kampagne #MeToo machen inzwischen selbst bekannte Politikerinnen ihre Erfahrungen mit sexueller Belästigung publik. Wie etwa Schwedens Aussenministerin Margot Wallström, die während eines Abendessens mit europäischen Staats- und Regierungschefs plötzlich die Hand des Tischnachbarn auf ihrem Oberschenkel spürte.

Ganz unten in der Hackordnung

Nuno Loureiro, Gründer des Vereins Brussels Interns, ist nicht überrascht über die Vorwürfe, auch wenn er selber keine Kenntnis von konkreten Fällen hatte. Der Portugiese hat die NGO einst gegründet, um die Interessen der sogenannten Stagiaires oder Praktikanten besser vertreten zu können. Praktikanten sind oft vielsprachig, haben mehrere Studienabschlüsse und sind hoch motiviert. Zu Tausenden kommen sie jedes Jahr im Alter von 20 bis 30 Jahren nach Brüssel und finden sich dort ganz unten in der Hackordnung wieder.

Es sind junge Leute aus allen 28 Mitgliedsstaaten, die oft voll Elan und mit Überzeugung am europäischen Projekt mitarbeiten wollen. Andere hoffen einfach auf einen der lukrativen Jobs im Umfeld der EU-Institutionen. Auch Nuno Loureiro ist einst in der Hoffnung auf eine europäische Karriere in die belgische Hauptstadt aufgebrochen. In seinem ersten Job organisierte Nuno Loureiro einem portugiesischen EU-Abgeordneten den Alltag, und zwar unentgeltlich. Erst nach sechs weiteren Stages fand der Portugiese einen Arbeitgeber, der ihn fest einstellte. Bis es so weit war, finanzierte der junge Mann seinen Lebensunterhalt mit einem Geldjob in einem Supermarkt.

Andere haben wohlhabende Eltern, die überbrücken helfen. Entgelt ist oft nur das Arbeitszeugnis, mit dem man sich gleich für das nächste Praktikum bewirbt. Brüssel ist die Hauptstadt der Praktikanten und Stagiaires. Es sei das Machtgefälle, das die Euroblase anfällig mache, sagt Nuno Loureiro. Er spricht von einer modernen Form der Sklaverei. Wer protestiert, ist schnell als Querulant abgestempelt.

Angst vor Kündigungen

Kein Wunder, werden die Vorwürfe wegen sexueller Belästigung nur anonym vorgebracht. Wer die Übergriffe melde, riskiere seinen Job, formuliert eine Assistentin stellvertretend für andere das Dilemma.

Der Arbeitsmarkt in der Brüsseler Blase ist gesättigt und der wichtigste ­Zugang in der Regel ein Praktikum für einen Hungerlohn. Zumindest bei den EU-Institutionen ist immerhin Schluss mit den Null-Euro-Praktika, seit Stagiaires vor ein paar Jahren auf der Place du Luxembourg nicht feierten, sondern protestierten. Die Praktikanten und ­Assistenten gehen ohnehin nur die erste Zeit der meist sechsmonatigen Stage wirklich entspannt zur Afterworkparty auf die Place du Luxembourg. Spätestens dann realisieren sie, dass sie sich im Wettbewerb mit Tausenden anderen mit ähnlichem Profil befinden.

Es soll laut den Medienberichten auch Fälle geben, in denen Abgeordnete Praktikanten einen Job im Tausch gegen sexuelle Handlungen offeriert haben. EU-Parlamentspräsident Antonio Tajani zeigte sich angesichts der Vorwürfe in einer Stellungnahme «schockiert und empört» und versprach, eine bereits laufende Sensibilisierungskampagne zu intensivieren. In einer Broschüre und auf Plakaten wird EU-Abgeordneten erklärt, worauf sie im Umgang mit ihren Mitarbeitern achten müssen und wo die Grenzen zur Belästigung überschritten sind. Heute will sich das EU-Parlament in einer kurzfristig anberaumten Debatte mit den Vorwürfen auseinandersetzen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.10.2017, 22:09 Uhr

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