Un, deux, trois, quatre, cinq

Das politische System Frankreichs steckt in der Krise, die Fünfte Republik soll am Ende sein. Aber – was ist das eigentlich?

Die französischen Staatspräsidenten Charles de Gaulle, Georges Pompidou und Valery Giscard d'Estaing, (oben,v.l.), Francois Mitterrand, Jacques Chirac, Nicolas Sarkozy und Francois Hollande (unten, v. l.). Foto: DPA, Keystone

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Frankreichs Fünfte Republik sei am Ende, hat man nach dem ersten Gang der Präsidentschaftswahl gehört und gelesen. Ausschlaggebend für die Diagnose ist dies: Seit der Gründung der Fünften Republik 1958 hatten sich die bürgerliche Rechte und die Linke an der Macht abgewechselt; diesmal aber sind die entsprechenden Kandidaten ausgeschieden und im zweiten Wahlgang nicht vertreten.

Das französische System ist nicht mehr stabil; eine neue Zeit scheint anzubrechen. Doch wie sieht eigentlich die Vergangenheit aus, wie war das genau mit den Republiken eins bis fünf, wie entstanden sie, was prägte sie?

Erste Republik, 1792 bis 1804. Frankreich, das ist der Sonnenkönig, das sind die absoluten Monarchen, das ist die Anlage von Versailles. Mit der Französischen Revolution endet die stolze Phase. Freilich zeitigen die Aufstände dieser Welt oft unerwartete Ergebnisse. Die Französische Revolution bringt die Guillotine hervor, Fanatiker wie Robespierre und am Ende einen neuen Diktator: Napoleon. Mit seiner Krönung entsteht das Kaiserreich; adieu, Republik.

Zweite Republik, 1848 bis 1852. Ein kurzlebiges Gewächs, diese Zweite Republik, die mit der sogenannten Februarrevolution beginnt. Louis-Philippe, letzter regierender König des Landes, wird abgesetzt; fortan lebt er als Graf von Neuilly im englischen Exil. In der Einrichtung der neuen Republik konkurrenzieren sich fortschrittliche Elemente (kostenlose Grundschule) und konservative Elemente (öffentliche Ordnung als Grundprinzip des Staatswesens). Zugrunde geht sie am Staatsstreich des Napoleon-Neffen. Er regiert als «Prince-Président» und legt sich als Napoleon III. auch den Kaisertitel zu.

Dritte Republik, 1870 bis 1940. Mit der katastrophalen Kriegsniederlage gegen die Deutschen ist Napoleon III. erledigt. Es entsteht wieder eine Republik, aus der einzelne Dinge bis heute überleben: Zum Beispiel wird die katholische Kirche zurückgedrängt, der Laizismus – die strenge Trennung von Religion und Staat – ist fortan Grundbaustein der Staatsphilosophie. Frankreich ist lange Zeit, neben der Schweiz und San Marino, die einzige sich haltende Republik in einem monarchischen Europa. Als Siegermacht im Ersten Weltkrieg holt sie sich von den Deutschen Elsass-Lothringen zurück, darbt später in der Weltwirtschaftskrise, kapituliert im Zweiten Weltkrieg vor Hitlers Wehrmacht, die Paris besetzt. Mit dem Kollaborationsregime von Vichy ist die Dritte Republik 1940 tot.

Vierte Republik, 1946 bis 1958. Nach dem Aus für Vichy und dem Ende des Zweiten Weltkriegs kommt die Vierte Republik. Deren politische Landschaft ist enorm zerklüftet mit vielen Parteien. Das heisst: Instabilität mit unzähligen Regierungen nacheinander, die sich oft aus mehreren Partnern zusammensetzen. Dies ist die Periode, in der Frankreich seine Kolonien aufgeben muss. Gleichzeitig verliert die Regierung die Kontrolle über das Militär, das sich quasi verselbstständigt und von Algier aus putschen will. Schliesslich kommt Kriegsikone General Charles de Gaulle aus dem Ruhestand zurück und übernimmt die Macht. Er arbeitet massgeblich die Verfassung der Fünften Republik aus.

Fünfte Republik, 1958 bis heute. Die Fünfte Republik ist auf starke Präsidenten zugeschnitten; auf Figuren wie de Gaulle und François Mitterrand, die ihr Amt füllen und praktisch ohne Parlamentseinfluss im Alleingang die Aussen- und Sicherheitspolitik gestalten: Man redet von «Präsidialmonarchie». Lange Zeit gibt es nur alle sieben Jahre eine Präsidentenwahl, später alle fünf Jahre. Zweiter wichtiger Faktor ist das Majorzwahlrecht, das die grossen Parteien begünstigt, sodass zwei starke Blöcke sich über die Jahrzehnte gegenüberstehen, die Linken und die Bürgerlichen. So ist das bis in die Gegenwart, in der das System schwächelt und an seine Grenzen stösst.

Emmanuel Macron, der reformerische Strahlemann von der Neobewegung En Marche, und Marine Le Pen vom rechtsextremen Front National bestreiten den zweiten Wahlgang. Das zeugt davon: Frankreichs Wahlvolk hat genug von den dominanten Parteien und Mechanismen der Fünften Republik.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.05.2017, 23:44 Uhr

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