Und jetzt noch eine Quote für Ossis?

Auch 30 Jahre nach der Wende besetzen Ostdeutsche nur 1,7 Prozent der Spitzenjobs in Deutschland. Jeder zweite Bürger der neuen Bundesländer befürwortet eine Quote, um das zu ändern.

Auf der Suche nach einstiger Grösse: Blick auf Dresden um 1756 im städtischen Panometer. Foto: Laif

Auf der Suche nach einstiger Grösse: Blick auf Dresden um 1756 im städtischen Panometer. Foto: Laif

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Es waren vielleicht nicht zufällig zwei Profis für politische Bildung, die die Debatte ins Rollen brachten. Thomas Krüger, Leiter der entsprechenden Bundeszentrale, sprach davon, dass die Dominanz westdeutscher Eliten im Osten zunehmend als «kultureller Kolonialismus» wahrgenommen werde. Drei Jahrzehnte nach der Wende fühlten sich viele Ostdeutsche immer noch fremd­bestimmt. Krügers sächsischer Kollege Frank Richter, ein ausgewiesener «Wutbürger-Versteher», nahm dann als Erster das böse Q-Wort in den Mund. Vielleicht sei jetzt die Zeit gekommen, Ostdeutsche in Führungspositionen mittels Quote zu fördern, analog zu Quoten für Frauen.

Vor eineinhalb Jahren, als Krüger und Richter den Anstoss gaben, ebbte die Diskussion bald wieder ab. Doch nun, im 30. Jahr nach dem Mauerfall und vor drei Landtagswahlen im Osten, bei denen die rechtspopulistische Alternative für Deutschland (AfD) triumphieren könnte, kehrt sie mit Wucht zurück.

Weniger vertreten als Frauen

Die Linkspartei, die im Osten ­jeden fünften Wähler vertritt, brachte im Bundestag kürzlich einen Antrag ein, der eine Quote verlangt, um Ostdeutsche in Behörden angemessen zu repräsentieren. Gregor Gysi begründete das Anliegen damit, dass das Fehlen ostdeutscher Führungskräfte im Osten Unmut und Ressentiments auslöse und Misstrauen in Demokratie und Staat schüre. Die AfD will das Problem ebenfalls angehen. Eine Quote lehnt sie zwar ab, fordert aber, mehr Bundesbehörden in den Osten zu verlegen.

Eine Umfrage hat gerade gezeigt, dass die Ostquote ziemlich populär ist, mindestens im Osten: Exakt die Hälfte der Befragten stimmt ihr dort zu. Im Westen nur jeder Vierte.

Wie schlecht Ostdeutsche an den Spitzen deutscher Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur vertreten sind, zeigt eine eineinhalb Jahre alte Studie ostdeutscher Soziologen: 1,7 Prozent beträgt ihr Anteil insgesamt – ihr Prozentsatz an der Bevölkerung ist zehnmal so gross. So krass untervertreten sind nicht einmal Frauen im Topmanagement deutscher Konzerne.

Kein Rektor einer deutschen Hochschule ist Ostdeutscher, nur 3 von 336 Bundesrichtern, nur 2 von 200 Generälen, nur 3 von 190 Chefs grosser Konzerne. Im Osten selbst ist das Miss­verhältnis weniger gross, aber ­immer noch frappant: Nur 78 von 585 Richtern im Osten stammen aus dem Osten, nur 28 der 100 grössten Ostunternehmen werden von einem Einheimischen geleitet, sogar auf niederen Behördenstufen ist es oft nur einer von drei oder vier. Am besten repräsentiert sind die Ostdeutschen noch an der Spitze der Politik: Bundeskanzlerin Angela Merkel ist ebenso ostdeutsch wie der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck. Auch vier von fünf Bundesländern im Osten werden heute von «Ossis» regiert.

Woher das Missverhältnis rührt, lässt sich leicht erklären: Weil bei der Wiedervereinigung die DDR faktisch der Bundesrepublik beitrat, war der Austausch der ehemaligen Ost- durch Westeliten politisch gewollt und praktisch unumgänglich. Kein DDR-Richter, -Rektor oder -Verwaltungschef wäre mit den neuen Gesetzen und Anforderungen vertraut gewesen. Also mussten Fachleute aus dem Westen her.

Selbst Experten hat aber überrascht, dass sich der Elitenaustausch über die vergangenen Jahrzehnte nicht normalisiert, sondern vielmehr verstetigt hat. Soziologen erklären, westliches Führungspersonal im Osten neige dazu, auch Nachfolger aus dem Westen heranzuziehen. Ostdeutsche bemerken, dass sich beim Gerangel um Spitzenjobs westdeutsche Werte durchgesetzt hätten: Während Wessis drängelten und zur Selbstdarstellung neigten, würden sich Ossis eher zurückhalten oder gar verstecken.

Die juristische Grundlage für eine Ostquote finden Befür­worter wie Gregor Gysi im deutschen Grundgesetz: Artikel 36 legt fest, dass bei den Bundes­behörden Beamte «aus allen Bundesländern in angemessenem Verhältnis» beschäftigt sein müssen. Laut Gysi verletzen ­Regierung und Bundestag die Verfassung. Nach 30 Jahren ­Stillstand könne man dies nicht länger hinnehmen.

Ganz anders sieht dies der ­bekannte ostdeutsche Theologe Richard Schröder. Man könne Qualifikationen nicht durch Herkunft ersetzen. Und wenn im Fernsehen gefragt werde: «Wer beherrscht den Osten?», entstünden ohnehin «falsche Bilder. Da wird suggeriert, Ost- und Westdeutsche seien verschiedene Ethnien» – eine Sicht, die auch hohe deutsche Gerichte bereits abgelehnt haben.

Wer ist «ostdeutsch»?

Das grösste Problem aber sei, so Schröder, dass sich juristisch kaum definieren lasse, wer eigentlich «ostdeutsch» sei: Wer im Osten geboren ist? Ostdeutsche Eltern hat? Dort sozialisiert wurde? Was ist mit den Auswanderern, die in den Osten zurückkehren? Mit den Wessis, die schon 20 Jahre im Osten leben? Diese Übung führe «ins Elend», meint auch Christian Hirte (CDU), der Ostbeauftragte der Bundesregierung.

Hirte lehnt eine Ostquote auch deshalb ab, weil sie die Unterschiede zwischen Ost und West erst recht zementiere und ostdeutsche Spitzenkräfte als hilfsbedürftige «Quoten-Ossis» abwerte. Viele Ostdeutsche hingegen sehen eine Quote geradezu als Beleg neuen Selbst­bewusstseins: Die Ossis wollten ihr Schicksal endlich in die eigene Hand nehmen.

Erstellt: 27.03.2019, 19:06 Uhr

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