Und plötzlich ist der Krieg zurück

Warum wurde in der Region Berg-Karabach von einem Tag auf den anderen gekämpft? Fragen und Antworten zu einem brandgefährlichen Konflikt.

Ein eingefrorener Konflikt wird wieder heiss: Armenische Truppen feuern in Berg-Karabach in Richtung aserbeidschanischer Stellungen. (3. April 2016)

Ein eingefrorener Konflikt wird wieder heiss: Armenische Truppen feuern in Berg-Karabach in Richtung aserbeidschanischer Stellungen. (3. April 2016)

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Vier Tag in Folge wurde geschossen. Mehr als 60 Menschen wurden getötet, mehrere Hundert verletzt. Der eingefrorene Konflikt zwischen Armenien und Aserbeidschan um die Region Berg-Karabach ist scheinbar aus dem Nichts eskaliert. Dazu die wichtigsten Fragen und Antworten:

Wer ist schuld an der Eskalation?
Gekämpft wurde seit dem Wochenende vor allem an den nördlichen und südlichen Rändern der Region Berg-Karabach. Warum genau die ersten Schüsse fielen, ist bislang für Aussenstehende nicht nachvollziehbar. Beide Kriegsparteien beschuldigen sich gegenseitig. Laut Jeronim Perovic, Professor für Osteuropäische Geschichte an der Universität Zürich und Spezialist für die Kaukasus-Region, sind nur sehr wenige externe Beobachter in der Region stationiert. Er ist jedoch nicht überrascht, dass es zur Eskalation gekommen ist. «Die Frage war nicht ob, sondern wann», sagt Perovic. Der Berg-Karabach-Konflikt sei extrem militarisiert. Beide Seiten hätten sich in den letzten 20 Jahren kaum angenähert. Nach dem Waffenstillstand von 1994 sei entlang der Front eine militärisch hoch aufgerüstete Zone entstanden.

Die Karte zeigt die international anerkannten Landesgrenzen von Armenien und Aserbeidschan. In Aserbeidschan hält Armenien ein grösseres Gebiet besetzt (orange eingefärbt). Innerhalb dieses besetzten Gebietes liegt die Region Berg-Karabach (braun eingefärbt).

Weshalb gibt es den Konflikt um Berg-Karabach?
Die Wurzeln des Konflikts reichen in die Anfänge des 20. Jahrhunderts zurück. Zwar gab es in der Region, die historisch von christlichen Armeniern und türkischstämmigen Aseris besiedelt wird, schon unter der Herrschaft der russischen Zaren vereinzelt gewalttätige Auseinandersetzungen. Doch erst nach der Oktoberrevolution kam es zu einem Krieg. Sowohl Armenien als auch Aserbeidschan beanspruchten kurzzeitig das Gebiet. In den frühen 20er-Jahren übernahm die Sowjetunion die Kontrolle über die gesamte Region und teilte das mehrheitlich von Armeniern bewohnte Berg-Karabach der Aserbeidschanischen SSR zu.

Mit dem Zerfall der Sowjetunion brach der Konflikt um die Region Ende der 80er-Jahre wieder aus. Es kam zu Pogromen zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen. 1991 erklärte sich Berg-Karabach zu einer selbstständigen Republik. In der Folge kam es zu einem offenen Krieg zwischen Armenien und Aserbeidschan, der zwischen 20'000 und 30'000 Tote forderte und Hunderttausende zur Flucht zwang. Armenien gewann und kontrolliert seither die Region um Berg-Karabach. 1994 wurde ein Waffenstillstand vereinbart. Die Region wurde ethnisch praktisch komplett gesäubert und wird heute fast ausschliesslich von Armeniern bewohnt.

Gegen den Waffenstillstand wurde in den letzten zwei Jahrzehnten zwar wiederholt verstossen, jedoch nie in dem Ausmass wie in den letzten Tagen. Der Konflikt galt bis vor vier Tagen als eingefroren. Laut Experte Perovic gab es jedoch auch kaum Aussichten auf eine endgültige Beilegung. Die Positionen seien seit Jahren extrem verhärtet. Kompromissbereitschaft sei auf keiner Seite zu erkennen gewesen.

Aufnahmen vom Sonntag aus der Umgebung der Stadt Mardakert im Norden von Berg-Karabach. (Video: Radio Swoboda/Storyful)

Wer hat ein grösseres Interesse an der Eskalation – Armenien oder Aserbeidschan?
Aserbeidschan hat den Krieg Anfang der 90er-Jahre verloren, seinen Anspruch auf das Gebiet aber nie aufgegeben. Das Land, das vom Clan von Präsident Alijew autokratisch regiert wird, lebt vor allem von seinem Einnahmen aus dem Öl- und Gas-Geschäft. Wirtschaftlich geht es Aserbeidschan derzeit wegen der tiefen Rohstoffpreise schlecht. Historiker Perovic will deshalb nicht ausschliessen, dass die Führung von Aserbeidschan mit der Eskalation des Berg-Karabach-Konflikts von internen Problemen abzulenken versucht. In den wirtschaftlichen Boomjahren hat Aserbeidschan zudem seine Armee stark hochgerüstet. Das Internationale Friedensforschungsinstitut (Sipri) schätzt, dass sich die Militärausgaben Aserbeidschans zwischen Mitte der 2000er-Jahre und heute beinahe versechsfacht haben – auf inzwischen rund drei Milliarden Dollar. Das Militärbudget Armeniens beziffert das Sipri dagegen auf rund eine halbe Milliarde Dollar. Gemäss Perovic hat aber trotzdem keine der beiden Parteien realistische Aussichten auf einen militärischen Sieg.

Welche Rolle spielen Russland und die Türkei?
Die Beziehungen zwischen Russland und der Türkei sind seit dem Abschuss eines russischen Kampfflugzeugs an der syrisch-türkischen Grenze im letzten Herbst sehr schlecht. Im Konflikt zwischen Armenien und Aserbeidschan stehen die beiden dominanten Mächte der Region auf unterschiedlichen Seiten:

  • Die Türkei ist stark mit Aserbeidschan verbunden, der türkische Präsident hat dem Land am Wochenende Unterstützung «bis zum Ende» versprochen, zwischen der Türkei und Aserbeidschan existieren diverse militärische Abkommen.
  • Russland ist stärker mit Armenien verbunden, ist aber für beide Konfliktparteien der Hauptlieferant für Waffen. In den letzten Tagen hat sich Russland anders als die Türkei um eine Deeskalation des Konflikts bemüht.

Experte Perovic sagt, dass Russland gute Beziehungen zu Armenien und Aserbeidschan wolle und deshalb keinerlei Interesse an einer militärischen Eskalation in der Region habe. Auch ein aktives Eingreifen der Türkei in den Konflikt hält er praktisch für ausgeschlossen. Letztlich handle es sich um einen Konflikt zweier unabhängiger Parteien, ohne den direkten Einfluss der Grossmächte der Region.

Einer zu starken Einflussnahme von aussen stehen laut Perovic sowohl Armenien als auch Aserbeidschan eher skeptisch gegenüber. Dennoch müssten gerade jetzt die wichtigsten äusseren Akteure, neben Russland auch die USA, unbedingt auf die Parteien einwirken und sie dazu bewegen, sich an den Waffenstillstand zu halten. Ansonsten könne die Situation weiter eskalieren.

Erstellt: 05.04.2016, 14:30 Uhr

Einigung auf Feuerpause

Im Konflikt um Berg-Karabach ist am Dienstag eine Waffenruhe vereinbart worden. Die Regierung in Aserbaidschan bestätigte am Mittag Angaben von armenischer Seite.

Am Wochenende war bereits einmal eine Feuerpause verkündet worden, die dann jedoch nicht gehalten hatte. Diesmal meldete ein Reporter der Nachrichtenagentur AP, der am Morgen noch das Einschlagen von Geschossen gehört hatte, seit dem Nachmittag sei kein Gefechtslärm mehr zu hören. (SDA/AFP)

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