Unermüdlich stellt sich der Sachsen-Versteher dem Unmut

CDU-Ministerpräsident Michael Kretschmer kämpft mit einer Art Gesprächstherapie um sein politisches Überleben in Sachsen. Doch die AfD ist stark.

«Ich sorge für euch»: So lautet die Botschaft, wenn Michael Kretschmer wie hier in Dresden Senf auf die Bratwurst streicht. Foto: Keystone

«Ich sorge für euch»: So lautet die Botschaft, wenn Michael Kretschmer wie hier in Dresden Senf auf die Bratwurst streicht. Foto: Keystone

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Michael Kretschmer ist der Mann am Grill. Wann immer es diesen Sommer in Sachsens Wahlkampf volksnah zugehen soll, brät der Ministerpräsident Würste oder zapft Bier, nicht selten dreimal am Tag. Langzeitbegleiter wollen beobachtet haben, dass der 44-Jährige bereits eine eigene Handbewegung entwickelt hat, um Würste und Fleischstücke zu wenden. Seht her, bedeutet der politische Grillmeister seinen Anhängern: Ich bin einer von euch. Und ich sorge für euch.

Gleichzeitig ist der Grill nur gastronomisches Accessoire einer politischen Strategie, die als «Gesprächstherapie» bekannt wurde: Seit Monaten zieht Kretschmer durch Sachsen und hört sich an, was die Unzufriedenen sagen. Er stellt sich Unmut und Kritik, gibt Fehler zu, erklärt und verspricht Besserung – zuletzt oft 14 Stunden am Tag, bis zur vollständigen Erschöpfung. Er esse, trinke, schlafe zu wenig, klagen seine Helfer.

«Satte Staatspartei»

«Der Eindruck ist: Er gibt keine Ruhe, bis er mit jedem der vier Millionen Sachsen persönlich gesprochen hat», sagt der Dresdner Politologe Hans Vorländer. Kretschmer verstehe sich vor allem als Kümmerer und Vermittler. Viele Menschen würden heute in einer Internetblase leben, meint der Politiker selber, über die traditionellen Medien seien sie oft gar nicht mehr zu erreichen. In dieser Lage helfe nur noch das direkte Gespräch.

Dass sich ein christdemokratischer Ministerpräsident in Sachsen so radikal auf Augenhöhe mit den Wählern begibt, ist neu. Seit der Wende vor 30 Jahren ist Sachsen für die CDU sozusagen politisches Erbgut. Stets hat die Partei regiert. Als Staatspartei glaubte sie irgendwann, das Volk auf sicher zu haben. «Sie wurde müde, träge, selbstzufrieden», sagt Vorländer. Kretschmer versuche nun zu zeigen, dass er die Lektion gelernt habe.

Als Staatspartei glaubte die CDU, das Volk auf sicher zu haben. Sie wurde müde, träge, selbstzufrieden.

Kretschmers Aufstieg ins höchste Amt begann mit einer doppelten Niederlage: Der Görlitzer verlor bei der Bundestagswahl im Herbst 2017 seinen Sitz sensationell gegen einen unbekannten Malermeister der Alternative für Deutschland (AfD). Und erstmals wurde seine CDU auch in ganz Sachsen von der AfD überholt. Der Schock fegte erst den blassen Stanislaw Tillich aus dem Amt, der seit 2008 Sachsen mehr verwaltet als regiert hatte. Und katapultierte den jungen Kretschmer, damals General­sekretär, ins Amt des Ministerpräsidenten.

Um das verlorene Vertrauen der Sachsen in seine Partei wiederzugewinnen, legte sich der schmächtige Rotschopf sogleich mächtig ins Zeug. Er begann mit seiner Gesprächstour, suchte die Auseinandersetzung mit den Enttäuschten und Wütenden. Er hörte nicht nur zu, sondern zog schnell erste Schlüsse – und änderte seine Politik.

Statt wie sein Vorgänger zu sparen, öffnete er die gut gefüllte Staatskasse und stellte Hunderte neue Polizisten und Lehrer, Dutzende neue Richter und Verfassungsschützer ein. Den klammen Gemeinden auf dem Land überwies er Hunderte von Millionen, um Investitionen in Infrastruktur, Verkehr und Internet zu ermöglichen. Er holte Bundesbehörden, Forschungsinstitute und Unternehmen nach Sachsen und siedelte sie bewusst auf dem Land an, nicht in den bereits überhitzten Grossstädten Dresden oder Leipzig. Und er verschärfte den Ton gegen kriminelle Asylbewerber.

Lage und politische Stimmung klaffen auseinander

Kretschmer politisiert betont konservativ, schliesslich will er in einem sehr konservativen Bundesland Wähler von der AfD zurückgewinnen. Er schaut den Wählern aufs Maul, aber nach dem Maul redet er ihnen selten. Als erster Ministerpräsident trat er an einer Demonstration gegen Neonazis auf und bezeichnete den Rechtsextremismus als Gefahr für sein Land. Von der AfD grenzt er sich deutlich ab. Vor kurzem sagte er, die Partei rede mittlerweile so wie früher die Neonazi-Partei NPD.

Im Wahlkampf vertraut er ganz auf sich selber. Weder die in Sachsen weithin unbeliebte Kanzlerin Angela Merkel zog er bei noch den AfD-nahen ehemaligen Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maassen. Auch die Unterstützung der Berliner CDU-Zentrale um Annegret Kramp-Karrenbauer war eher geduldet als erwünscht. Entsprechend werden Erfolg oder Misserfolg bei den Landtagswahlen am Sonntag Kretschmer nun quasi allein gehören.

«Viele Wähler haben sich von der CDU entfremdet, teilweise von der Politik überhaupt.»Hans Vorländer, Politologe

Setzt man die üblichen Massstäbe an, geht es Sachsen eigentlich gut: Es ist das wohlhabendste Bundesland im Osten, die Arbeitslosigkeit war nie geringer, das Bildungssystem ist spitze, die Bevölkerung wächst seit sieben Jahren wieder, vier von fünf Sachsen halten ihre persönliche Lage für gut oder sehr gut, drei von vier blicken zuversichtlich in die Zukunft.

Doch Lage und politische Stimmung klaffen auseinander. Spätestens seit der Flüchtlingskrise vertrauen viele konservative Wähler der CDU nicht mehr. Dagegen habe auch Michael Kretschmer wenig vermocht, meint der Politologe Vorländer: «Viele Wähler haben sich von der CDU entfremdet, teilweise von der Politik überhaupt.» Viele von ihnen wählten nun AfD. «Kretschmer kann tun, was er will, es hilft wenig.»

Kretschmers Werte steigen

Monatelang lagen CDU und AfD in Sachsen Kopf an Kopf, erst in den letzten Umfragen setzte sich Kretschmers Partei erstmals deutlich ab: 30 gegen 25 Prozent. Der Ministerpräsident selber ist nochmals erheblich beliebter als seine Partei: Zwei von drei Sachsen schätzen ihn, immerhin jeder zweite auch die Arbeit seiner Regierung. Wirkt seine Therapie am Ende doch?

Gewinnt die AfD entgegen den Prognosen, kann ein Putsch in der sächsischen CDU auch Kretschmer schnell aus dem Amt hebeln. Geht seine Wette hingegen auf, beginnt die Arbeit erst recht: Eine Koalition mit AfD und Linkspartei hat er ausgeschlossen, ebenso eine Minderheitsregierung, also muss er mit Grünen, SPD und allenfalls FDP eine Regierung zimmern. Die Expertise am Grill wird Kretschmer dabei kaum helfen.

Erstellt: 26.08.2019, 18:27 Uhr

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