UNO-Hilfswerk fordert Alternativen zur Bootsflucht

Vor Tunesien sind 80 Migranten ertrunken. Libyen erwägt, seine Lager mit schätzungsweise 8000 Insassen zu schliessen.

Man müsse «sinnvolle Alternativen» finden, fordert das UNHCR, damit die Flüchtlinge künftig nicht mehr auf Schlauchboote steigen. (Foto: Keystone)

Man müsse «sinnvolle Alternativen» finden, fordert das UNHCR, damit die Flüchtlinge künftig nicht mehr auf Schlauchboote steigen. (Foto: Keystone)

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Vor Zarzis, einer Küstenstadt im Südosten Tunesiens, haben Fischer vier Überlebende einer Flüchtlingskatastrophe geborgen. Einer der Geretteten starb später im Krankenhaus. An Bord des Bootes, das in Libyen abgelegt hatte und vor Zarzis kenterte, sollen ursprünglich 84 Menschen gewesen sein. Man geht davon aus, dass die Verschollenen alle tot sind.

«So kann das nicht weitergehen», sagte Vincent Cochetel, der beim Flüchtlingshilfswerk UNHCR für das zentrale Mittelmeer zuständig ist. Niemand nehme so grosse Risiken auf sich, wenn er nicht völlig verzweifelt sei. In den libyschen Internierungslagern für Migranten sind die Zustände dermassen katastrophal, dass viele in der gefährlichen Flucht an Bord von überfüllten Schlauchbooten den einzigen Ausweg sehen.

Zwischen den Fronten

In diesem Zusammenhang begrüsst das UNHCR, dass die libysche Einheitsregierung nun erwägt, alle Lager mit ihren schätzungsweise 8000 Insassen zu schliessen. Anlass für diese Überlegung ist der Luftangriff, bei dem diese Woche in einem Vorort von Tripolis mindestens 53 Migranten getötet und über 130 verletzt wurden. Noch sind die Hintergründe des Bombardements nicht geklärt. Klar ist aber, dass die Flüchtlinge immer öfter zwischen die Frontlinien der Bürgerkriegsparteien geraten.

Man müsse «sinnvolle Alternativen» finden, fordert das UNHCR, damit die Flüchtlinge künftig nicht mehr auf Schlauchboote steigen. Die Anzahl der Überfahrten sei zwar in jüngerer Vergangenheit drastisch gesunken. Die Wahrscheinlichkeit aber, dabei zu sterben, sei jetzt höher, weil es vor Ort weniger Helfer gibt. «Jeder sechste Flüchtling stirbt bei der Überquerung des Mittelmeers», schätzt das UNHCR. Allein seit Jahresbeginn wurden 507 Opfer gezählt. Die Dunkelziffer dürfte noch höher sein.

Ohne GPS auf hoher See

Seit einigen Wochen kreuzen nun aber wieder mehrere Schiffe von internationalen Hilfsorganisationen in den internationalen Gewässern vor Libyen, mit Zeugen und Rettern. Die NGO Sea-Eye berichtete gestern, ihr Schiff Alan Kurdi habe 34 Seemeilen vor der libyschen Küste 65 Flüchtlinge gerettet. Sie waren auf einem Schlauchboot unterwegs gewesen. Treibstoff hatten sie offenbar genügend dabei gehabt, doch ohne GPS-Gerät waren sie verloren.

Das Segelschiff Alex von der italienischen Organisation Mediterranea, das erst vor einigen Tagen ausgelaufen war, nahm vor Tunesien 54 Migranten an Bord, unter ihnen zwei schwangere Frauen. Mediterranea bat die maltesische und die italienische Küstenwache um Hilfe, weil ihr Schiff nicht für den Transport von so vielen Menschen geeignet sei. Italiens Innenminister Matteo Salvini richtete der Crew aus, auch für sie sei der Hafen von Lampedusa geschlossen.

Erstellt: 05.07.2019, 23:05 Uhr

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