Auf den Wahlkrimi folgt eine Gartenparty

Im Park eines Wiener Palais gab der designierte Präsident Alexander Van der Bellen ein erstes Statement ab.

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Plötzlich wirkt alles friedlich und entspannt. Nach einem Polit-Krimi sondergleichen herrscht im Garten des Palais Schönburg in Wien nun die wohlige Atmosphäre einer gelungenen Gartenparty.

Eine gute Stunde, nachdem Österreichs Innenminister Wolfgang Sobotka endlich das Ergebnis der Bundespräsidentenwahl verkündet hat, tritt der designierte neue Staatschef vor die Presse.

Es ist schon in diesem Moment ein Auftritt mit Symbol-Charakter: Hinter Alexander Van der Bellen weht nicht nur die rot-weiss-rote Fahne der Alpenrepublik, sondern auch die blaue Europaflagge mit ihren zwölf Sternen.

Historisches Patt

Österreichs Aussenminister hatte schon vor der Bekanntgabe des Endergebnisses versucht, die national wie international hochgefahrene Aufregung rund um die Wahl zu glätten. «Es war eine freie und faire demokratische Wahl in Österreich. Was immer das Ergebnis sein wird, wir werden ein verlässlicher Partner in der EU bleiben», schrieb Sebastian Kurz (ÖVP) am Montagmittag auf Twitter.

Die Präsidentenwahl in Österreich hatte am Sonntag zunächst ein historisches Patt ergeben. Tags darauf fuhr FPÖ-Kandidat Norbert Hofer schliesslich mit 49,7 Prozent der Stimmen ein Rekordergebnis ein – noch nie waren die Rechtspopulisten in Österreich so stark. «Weckruf» und «Signal» waren in Reaktionen aus Brüssel bis Berlin viel strapazierte Begriffe.

Wolfgang Sobotka, der österreichische Innenminister, präsentiert das Wahlergebnis. (Reuters)

Kein Öl ins Feuer

In Österreich selbst versuchten die Kandidaten nach Wahlschluss nicht noch mehr Öl ins Feuer zu giessen. Van der Bellen zollte noch am Sonntagabend in der ORF-Wahlsendung seinem Kontrahenten seinen Respekt für dessen Einsatz. Auch werde er sich im Ausland dafür einsetzen, dass das Land differenziert wahrgenommen werde.

Nicht alle Wähler der «Blauen» – das ist die Farbe der FPÖ – seien rechts. «Das ist nur ein Teil, vielleicht ein kleiner Teil. Der andere Teil der Wähler ist zornig, wütend über die Vergangenheit des Stillstands.»

Ficht FPÖ Wahl an?

Auch Hofer gab sich nach dem zuletzt beinharten Wahlkampf konziliant. Er werde Präsident «aller Österreicher» sein und wolle versuchen, die Gräben zuzuschütten.

Am Montag schrieb er auf Facebook: «Natürlich bin ich heute traurig. Ich hätte gerne für Euch als Bundespräsident auf unser wunderbares Land aufgepasst.» Zunächst war das alles. Erst am Dienstag will die FPÖ sich wieder äussern – unter anderem zur Frage, ob sie die Wahl anfechten wird.

«Verärgerte» und «enttäuschte» Wähler

Jedenfalls geht es nach dieser Wahl um das Brückenbauen. «Österreich politisch zerrissen», titelte das Boulevardblatt «KronenZeitung» zum 50:50-Ergebnis. Dabei geht es um mehr als ein «Unentschieden». Die beiden Lager trennen Welten.

«Die denken bei fast jedem politischen Thema ganz anders», sagt der Politologe Peter Filzmaier. Ein einziges Motiv scheinen die Wähler von Van der Bellen und Hofer laut Wahlanalysen gemeinsam zu haben: Den Ärger über die rot-schwarze Koalition in Wien. «Die «Verärgerten» haben Hofer gewählt, die «Enttäuschten» Van der Bellen», sagt Filzmaier.

Ängste ernstnehmen

Nicht von ungefähr kam der Slogan Hofers vom «neuen Amtsverständnis» des Bundespräsidenten gut an. Eine Aktivierung des «schlafenden Riesen» in der Hofburg wünschen sich viele Wähler. Er solle auf seine Art dafür sorgen, dass es dem von Rekordarbeitslosigkeit geplagten Land wieder besser geht.

Wenn Van der Bellen auch seine Gegner mittel- und langfristig gewinnen will, muss er deren Angst vor dem Abstieg, vor einer Verschlechterung der Lebensqualität ganz ernst nehmen.

«Rotes Wien» sicherte Van der Bellens Sieg

Van der Bellen wurde getragen von einer Anti-Hofer-Bewegung. 48 Prozent seiner Wähler haben ihm vor allem deshalb ihre Stimme gegeben, weil sie Hofer verhindern wollten. «Van der Bellen ist für viele zu links, bürgerliche Wähler auf dem Land taten sich schwer», meint die Politologin Kathrin Stainer-Hämmerle.

Wahlbestimmend war das Stadt-Land-Gefälle. In den grossen Städten konnte der 72-Jährige eine grosse Anhängerschaft versammeln. Zugespitzt: Das «rote Wien» hat ihm die Staatsspitze gesichert. Dort sammelte er bei der Urnenwahl 61 Prozent, bei der Briefwahl gar um die 70 Prozent ein. Das reichte für den knappen Sieg.

Mit seiner dezidiert EU-freundlichen Haltung wird Van der Bellen in den EU-Mitgliedsstaaten mit Freude empfangen werden. (mch/ij/sda)

Erstellt: 23.05.2016, 19:31 Uhr

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