Vergewaltigung aus Angst vor Rassismusdiskussion nicht angezeigt

Die junge deutsche Politikerin Selin Gören befürchtete, mit ihrer Anzeige ungewollt den Fremdenfeinden zu nützen.

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In Mannheim wird eine junge Frau vergewaltigt. Von drei Männern, die arabisch aussehen und sie auf Kurdisch oder Farsi beschimpfen. Die junge Frau geht zur Polizei. Und erklärt, sie sei bestohlen worden. Von drei Männern, die Deutsch sprachen.Die Vergewaltigung erwähnt sie nicht, die Herkunft der Täter ebenfalls nicht. Denn Selin Gören befürchtet, mit ihrer Anzeige die Rassismusdiskussion rund um das Thema Flüchtlinge weiter anzuheizen. Gören ist 24-jährig, Deutsch-Türkin, Nachwuchspolitikerin und Sprecherin der deutschen Linksjugend.

Was ihr tatsächlich widerfahren ist, erzählt sie nur ihrem Freund. Er ist ausser sich, bekniet sie, sofort Anzeige wegen Vergewaltigung zu erstatten. Nicht nur wegen des Verbrechens, das schwerwiegend genug sei. Sondern auch, weil womöglich schon andere Frauen Opfer dieser Männer geworden seien. Und weil vielleicht weiteren Gefahr drohe. Selin Gören hadert, eine ganze Nacht lang, dann wird sie erneut bei der Polizei vorstellig und schildert den Tathergang so, wie er sich wirklich abgespielt hat. Fünf Monate später, Anfang Mai, wird das Verfahren eingestellt. Die Täter wurden nicht gefasst.

Selin Gören geht es so weit gut. Aber ausgerechnet sie, die selbst Migrantin ist, verspürt seit jener Nacht im Januar Angst vor arabisch aussehenden Männern. Ist das nun rassistisch?

Nicht alle Flüchtlinge sind nett

Just darum geht es in dieser Geschichte, die der «Spiegel» in seiner aktuellen Ausgabe publik gemacht hat: um Flüchtlinge und Rassismus und wie man darüber redet, wenn jene, die offiziell zu den Guten erklärt worden sind, sich nicht so verhalten. Die Geschichte zeigt auf erschütternde Weise, wie gehemmt und verkorkst sie abläuft, diese Diskussion, die längst keine mehr ist, sondern nur noch ein hysterisches Geschrei. Und zwar auf beiden Seiten. Hilfreich ist keine davon.

Da sind jene, die in jedem Fremden einen Frauenschänder wittern und Ausländer-raus!-­Parolen kreischen, und da sind die anderen, die nicht wahrhaben wollen, dass es unter den Flüchtlingen solche gibt, die es nicht gut meinen, die ganz einfach nicht nett sind. So, wie es unter Deutschen und Schweizern solche gibt, die nicht nett sind. Weil es Menschen gibt, die nicht nett sind, das ist ja doch keine Nationalitätsfrage.

Aber die Diskussion scheitert an der Schere im Kopf, an dieser Verklemmtheit, diesem vorauseilenden Gehorsam, diesem Was-nicht-sein-darf-gibt-es-nicht-Denken. Und vor allem an diesem Schwarz-Weiss-und Links-Rechts-Ding, das so lähmend wirkt, wie es wütend und hilflos macht, das so weit geht, dass eine junge Frau ein an ihr begangenes Verbrechen aus ideologischen Gründen zunächst lieber totschweigt. Und damit die Täter schützt, weil diese zufälligerweise ausländischer Herkunft waren. Eben: zufälligerweise.

Wer sich zu Recht dagegen wehrt, dass alle Flüchtlinge in einen Topf geworfen werden – in den Topf der Kriminellen und Schmarotzer –, darf nicht denselben Fehler begehen und sie kollektiv als lieb darstellen. Das ist genauso versimplifizierend, dumm und falsch. Wer meint, mit Vertuschen und Schönreden und ja: Lügen der Sache einen Gefallen zu tun, ist feige und erweist ihr einen Bärendienst. Wer meint, damit jenen Stimmen, welche die fremdenfeindlichsten Parolen schreien, den Wind aus den Segeln zu nehmen, erreicht genau das Gegenteil. Denn wenn es dann doch rauskommt, und es kommt immer raus, das war schon bei den Übergriffen der Silvesternacht von Köln so, hinterlässt das nicht nur einen schalen Nachgeschmack. Es sieht vor allem so aus, als ob die mit den hässlichen Parolen recht hätten. Es ist deshalb egal, wer ein Verbrechen begeht. Bei dessen Beurteilung hat weder eine Rolle zu spielen, woher der Täter stammt, noch wo man politisch steht. Nur schon der Respekt vor den Opfern verbietet es, mit Tätern, erst recht mit Sexualstraftätern, solidarisch zu sein. Eine Vergewaltigung ist nicht weniger schlimm, bloss weil der Täter in einem überfüllten Schlauchboot das Mittelmeer überqueren musste.

Das festzuhalten, ist nicht rassistisch. Sondern schlicht angemessen.

Erstellt: 04.07.2016, 19:22 Uhr

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