Verheiratete Priester als Notfall

Der Papst könnte die Zölibatspflicht lockern. Für die Sache der Frau wäre damit nichts gewonnen.

Papst Franziskus hat angeregt, an der Amazonas-Synode über das Zölibat der Priester im Gebiet des Amazonas zu diskutieren. Foto: Keystone

Papst Franziskus hat angeregt, an der Amazonas-Synode über das Zölibat der Priester im Gebiet des Amazonas zu diskutieren. Foto: Keystone

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Schon wieder der Zölibat, der Dauerbrenner in der römischen Kirche, das heisse Eisen, auf das eigentlich niemand mehr heiss ist. Bis zum Überdruss sind die Argumente pro und kontra bekannt. Die Debatte tritt seit Jahrzehnten an Ort. Doch jetzt tut sich scheinbar etwas, ausgerechnet in Rom, an der dort tagenden Amazonas-Synode der Bischöfe.

Auf ihrer offiziellen Agenda steht das Thema «Viri probati»: die Möglichkeit, bewährte verheiratete Männer zu Priestern zu weihen. Die Zahl der Priester im Gebiet des Amazonas ist derart ausgedünnt, dass gewisse Bewohner nur einmal im Jahr zu Eucharistie und Beichte gehen können. Rom befürchtet die sakramentale Aushungerung der Bevölkerung und ruft den pastoralen Notstand aus.

Papst Franziskus selber hat die Synodenteilnehmer ermuntert, das Thema anzugehen. Zum Verdruss der Traditionalisten, die dadurch die Einheit der Kirche gefährdet sehen und ein Schisma herbeireden: Ist der Zölibat nicht göttlichen Ursprungs? Hat nicht Jesus selber ehelos gelebt? Doch unter den Synodenvätern in Rom zirkuliert offenbar ein Vorschlag, mit dem allenfalls beide Seiten leben könnten.

Rom befürchtet die sakramentale Aushungerung der Bevölkerung und ruft den pastoralen Notstand aus.

Das Zauberwort heisst «Dispens»: Männer in bestimmten Gegenden könnten nach einer Einzelfallprüfung vor der Priesterweihe vom Zölibat befreit werden. Verheiratete Priester im Notfall also – oder von Fall zu Fall. Es könnten viele, ja sehr viele Fälle sein – Hauptsache, das Prinzip bleibt unbefleckt, die «vollkommene und immerwährende Enthaltsamkeit um des Himmelsreiches willen», wie es das Kirchenrecht für Priester vorschreibt. Papst und reformwillige Bischöfe betonen, dass die priester­liche Ehelosigkeit als solche nicht abgeschafft werden soll.

Natürlich könnte die Dispens-Lösung der erste Schritt hin zur Aushöhlung oder Abschaffung des Zölibats werden. Das befürchten jedenfalls die Konservativen. Doch Ausnahmen von der Regel haben bei kontroversen Themen in der Kirche Tradition. Es sind Ausnahmen, die die Regel bestätigen sollen. So hat Franziskus unlängst die Kommunion für Wiederverheiratete in Ausnahmefällen und nach jeweils reiflicher Prüfung angedacht. Papst Benedikt seinerseits hatte 2010 davon gesprochen, in begründeten Ausnahmefällen dürfe das Kondom benützt werden, etwa von männlichen Prostituierten zum Schutz der Gesundheit.

Die Dispens vom Zölibat bedürfte freilich eines formalen, wahrscheinlich päpstlichen Aktes. Dieser müsste institutionalisiert, aber nicht neu erfunden werden. Längst gibt es auch in der römischen Kirche verheiratete Priester. Der Papst entbindet immer wieder verheiratete evangelische oder anglikanische Geistliche vom Zölibat, die katholische Priester werden wollen, oder verheiratete Priester, die aus den katholischen Ostkirchen stammen.

Der Reformstau bliebe in der Frauenfrage bestehen. 

Es sind deutsche Kirchenmänner wie Bischof Franz-Josef Overbeck oder Kardinal Walter Kasper, die das ­«Von-Fall-zu-Fall-Modell» begrüssen würden, überall dort, wo der Priestermangel einen sakramentalen Notstand bewirkt. Den gibt es nicht nur in Amazonien, sondern auch in Deutschland oder in der Schweiz.

Kasper meinte zur «Frankfurter Rundschau», sollten die Synodenteilnehmer Franziskus einvernehmlich um eine solche Lösung bitten, würde dieser zustimmen. Zumal ja der Zölibat kein Dogma, sondern eine Verwaltungsvorschrift aus dem Jahre 1139 ist.

Lösung oder Scheinlösung? Eine echte Reform ist die Umgehung des Zölibats durch Ausnahmebewilligungen jedenfalls nicht. Die Notfalllösung würde die Debatte um die Reform der Zulassungskriterien zum Priestertum in den Hintergrund drängen, ebenso die Reflexion über den Zölibat als Risikofaktor der Vereinsamung und des Kindsmissbrauchs.

Vor allem bliebe der Reformstau in der Frauenfrage bestehen. Der Stand der Priester bliebe rein männlich und damit auch alle kirchliche Entscheidungsgewalt. Für die Sache der Frau würden die «Viri probati» nichts bringen. Ausser vielleicht, dass sich die Zahl von leidenden, weil ver­heimlichten Priesterfrauen ver­ringern würde.

Erstellt: 24.10.2019, 20:09 Uhr

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