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Versprechen werden immer weiter vertagt

Nach dem Einsturz der Autobahnbrücke in Ligurien klagen die Italiener über sich selbst: Kontrolleure kontrollieren nicht, und die Bürokratie blockiert.

Oliver Meiler, Rom
Brücke zwischen Savona und Turin, die am 24. November 2019 kollabierte. Foto: Reuters
Brücke zwischen Savona und Turin, die am 24. November 2019 kollabierte. Foto: Reuters

Italien hat einen neuen Helden, einen zufälligen. Daniele Cassol ist 56 Jahre alt, von Beruf Wachmann, er kommt aus der ligurischen Hafenstadt Savona. Alle Zeitungen zeigen ein Foto, das Cassol mit weit ausgestreckten Armen auf der Brücke Madonna del Monte auf der Autobahn A 6 zeigen. Im Regen. Hinter ihm fehlt ein Stück der Brücke, dreissig Meter etwa, die Leitplanken hängen in der Luft. Ein Erdrutsch hatte das Brückenstück gerade weggetragen, nach tagelangem Regenfall war der Berg heruntergekommen. Cassol hatte seinen Fiat Panda rechtzeitig abbremsen können, nun warnte er die heranfahrenden Autos, er wachte über sie.

«Ich habe nur meine Pflicht getan», sagt er. Als er das Loch vor sich sah, habe er natürlich sofort an den Ponte Morandi denken müssen, an die eingestürzte Brücke von Genua. Sein Pflichtgefühl rettete wohl viele Menschenleben. Auch einen Reise­-bus mit Dutzenden Passagieren konnte er mit seinem innigen Armschwenken vor der Katastrophe bewahren. In der Tiefe steckten Strassentafeln im Schlamm. Sie wirkten wie Ausrufezeichen.

7317 Brücken und Tunnel

Und wieder klagen die Italiener über sich selbst. Über ihre chronische Unfähigkeit, präventiv zu handeln und sich selbst zu schützen vor den Launen der Natur und den Gefahren einer veralteten, bröckelnden Infrastruktur. Über schleppende Bürokratie, ständig vertagte Versprechen und tragisch schlaumeierische Kontrolleure, die eben gerade das nur ungenügend tun würden: kontrollieren. «Alles bricht zusammen», hört man jetzt wieder. «Crolla tutto!»

Das italienische Autobahnnetz zählt 7317 Brücken und Tunnel, das ist eine ganze Menge. Die grosse Zahl erinnert ­daran, dass dieses Land zwar eine Halbinsel ist, diese halbe Insel aber abgesehen von einigen Ebenen von oben bis unten mit Bergen und Hügeln besetzt ist. Ligurien etwa, eine schmale und lang gezogene Region im äussersten Nordwesten Italiens, besteht zu 98 Prozent aus Berg und nur zu 2 Prozent aus Flachland, zumeist ist es Küste. Auf der Autobahn von Genua nach Ventimiglia, der sogenannten Autostrada dei Fiori hoch über dem Mittelmeer, reiht sich streckenweise Tunnel an Brücke ohne Unterbrechung, Dutzende Kilometer lang.

Die Ingenieure haben da ein Kunstwerk erschaffen. Doch es ist in die Jahre gekommen wie das gesamte italienischen Strassennetz. Die Medien veröffentlichen nun Listen mit mehr oder weniger einsturzgefährdeten Autobahnbrücken. Der «Corriere della Sera» nennt fünfzehn, deren Zustand gerade einer Prüfung unterzogen werde, weil man sie für besonders gefährdet hält. Elf befinden sich in Ligurien, fünf auf der A 10, der «Autobahn der Blumen».

Eine offizielle Risikokarte gibt es aber nicht, obschon die Europäische Union sie seit 2008 fordert. In der Richtlinie heisst es, dass die Transportministerien in den Mitgliedsstaaten einer unabhängigen Behörde den Auftrag geben müssten, «hochdetaillierte» Inspektionen aller Transportwege zu erstellen. Nach dem Einsturz des Ponte Morandi im August 2018 schaute man sich die Richtlinie in Rom mal genauer an. Es gibt nun einen Namen und ein Organigramm für die Agentur. Doch ihre Arbeit hat sie noch immer nicht aufgenommen. In der Presse wird sie «Gespensteragentur» genannt.

Ein Grossteil des Autobahnnetzes wird von Privatunternehmen betrieben, die dafür Gebühren erheben: nämlich auf insgesamt 5887 von 7488Kilometern. Der Ponte Morandi etwa gehört in die Verantwortung von Atlantia, einer Holding der Familie ­Benetton. Die weggeschwemmte Brücke bei Savona wird von ­Gavio betrieben, einem Bauunternehmen aus dem Piemont. Vielleicht war die Brücke gar nicht so schlecht beisammen. In diesem Fall stellt sich eher die Frage, wie es kommen konnte, dass der Berg ins Rutschen geriet.

Teil der eingestürzten Brücke zwischen Turin und Savona. Foto: Screenshot Reuters TV
Teil der eingestürzten Brücke zwischen Turin und Savona. Foto: Screenshot Reuters TV

Italien hat ein altes, nie ernsthaft behandeltes Problem mit der sogenannten hydrogeologischen Zerrüttung. In Ligurien mit seinen vielen Abhängen ist das Risiko, dass sich bei Stark­regen der Boden verselbstständigt, natürlich besonders gross. Ein beträchtlicher Teil des Pro­blems ist aber menschengemacht. Auch in Ligurien wurde in Gebieten gebaut, in denen niemals hätte gebaut werden dürfen. Wenn mal ein Fluss im Weg war, verengte man ihn eben oder betonierte ihn ganz zu. So verschwanden viele Abflussrinnen.

Milliarden für nichts

Nach schlimmen Überschwemmungen gelobt jede Regierung, sie werde sich um die Sanierung kümmern. Überall im Land. Ohne Furcht vor Widerständen. Sofort. «Sicheres Italia» etwa, das Programm des früheren Premiers Matteo Renzi, machte 10 386 Fälle aus, die dringend ­behandelt werden müssten, mit Dämmen und breiteren Flussbetten. Doch nichts kommt voran.

An Geld mangelt es nicht. Für die Sicherung des Bodens gibt es einen Fonds mit zwölf Milliarden Euro. Doch nur etwa 10 Prozent davon sind verplant. «Es fehlt an der Fähigkeit, das Geld gut und schnell auszugeben», schreibt der «Corriere». Die Ämter seien langsam, die Prozeduren kompliziert, und viele Bauunternehmer trauten dem Staat nicht, weil der immer viel zu spät bezahle.

Lesen Sie hier wie ein neuer Bericht das Alibi der Betreiber der Ponte Morandi, die letztes Jahr einstürzte, infrage stellt.

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