Verunglimpft und verhaftet

Asli Erdogan, hochgelobte türkische Autorin und 2012 Stadtschreiberin in Zürich, ist in Istanbul verhaftet worden.

2012 war Zürich temporär die Heimat der Schriftstellerin Asli Erdogan.

2012 war Zürich temporär die Heimat der Schriftstellerin Asli Erdogan. Bild: Reto Oeschger

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In der Nacht auf Mittwoch ist die 1967 geborene Schriftstellerin Asli Erdogan in ihrer Istanbuler Wohnung verhaftet worden. Seither ist über ihren Verbleib nichts bekannt; auch ihr Zürcher Verlag, der Unionsverlag, bei dem die deutsche Übersetzung ihres autobiografisch grundierten Rio-de-Janeiro-Romans «Die Stadt mit der roten Pelerine» erschien, hatte gestern Donnerstag noch keine weiteren Informationen.

Die Verhaftung fand statt, nachdem ein Gericht die Schliessung der pro-kurd­ischen Zeitung «Özgür Gündem» angeordnet hatte, für die Asli Erdogan seit 2011 arbeitete. Insgesamt wurden 23 Journalisten des Blattes, unter ihnen auch ein Karikaturist, festgenommen: Die letzte Zeitung, die noch Artikel über die Konflikte in den Kurdengebieten publizierte, wurde damit zum Schweigen gebracht, wie Medien berichteten – der Vorwurf hiess PKK-Propaganda. Nach dem Putschversuch waren bereits die Pässe zweier «Özgür Gündem»-Reporter für ungültig erklärt worden.

Dezidierte Äusserungen zu Verfolgung und Folter

«Ich habe Angst, in die Türkei zurückzukehren», gestand Asli Erdogan Anfang 2012, als Zürich ihr temporär eine Heimat gab – als dritte Writer-in-Residence des Stadtschreiberprogramms. Die kritische Journalistin und renommierte Romancière, deren Bücher Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk als «vollendet» bezeichnet hat, hatte sich stets dezidiert zu Verfolgung, Folter und Frauendiskriminierung in der Türkei geäussert und 2008 in einer Petition gefordert, dass sich die Türkei bei den Armeniern für den Genozid entschuldigt. Man hatte Asli Erdogan daraufhin bedroht, verunglimpft, sie zur Unperson gemacht. Mundtot gemacht aber hat man die zarte Frau nie, auch wenn die physischen wie psychischen Verletzungen und die Folgen einer früheren Verhaftung sie sichtlich gezeichnet haben.

Sie habe sich verpflichtet, auch «mit gebrochenen Flügeln den Engel zu geben», sagte sie dem TA 2012 – Stimme zu bleiben für die vielen, die keine Stimme mehr haben. Die hochbegabte Physikerin (die ihr Doktorat fürs Schreiben aufgab) prophezeite damals den totalen ­Demokratieverlust in der Türkei. Sie schickte nach ihrer Rückkehr immer wieder Berichte über die Verdüsterung der Lage – ihrer eigenen und jener der türkischen Zivilgesellschaft.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.08.2016, 22:30 Uhr

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