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Vom Migrantenfest zur Grapschparty

Welche Rolle spielten Fake News im deutschen Wahlkampf? Eine Studie liefert Zahlen und Fakten – und überraschende Erkenntnisse.

Stimmenfang mit Fake News: Wahlkampf der AfD auf Facebook und Twitter.
Stimmenfang mit Fake News: Wahlkampf der AfD auf Facebook und Twitter.

«1000 Migranten randalieren auf Fest in Schorndorf», «Flüchtlinge machen Urlaub in ihren Heimatländern», «Flüchtlinge bekommen kostenlos Führerschein»: Das sind drei Falschmeldungen, die in den Monaten vor den Bundestagswahlen 2017 in Deutschland kursierten. Und sie sind Beispiele für die «vielen kleinen Fake News» im deutschen Wahlkampf, wie aus einer neuen Studie über Fake News der Stiftung Neue Verantwortung (SNV) hervorgeht. Die ganz grossen Fake News, wie sie nach dem US-Präsidentenwahlkampf auch in Deutschland befürchtet worden waren, blieben aus. Auch die erwarteten Fake-News-Kampagnen aus Russland gab es offensichtlich nicht.

Anders als in den USA kursierten in Deutschland kaum Fake News, die komplett frei erfunden waren. Basis der Falschmeldungen, die vor allem auf Facebook und Twitter kursierten, waren sehr oft schlecht gemachte Öffentlichkeitsarbeit von Parteien und Behörden oder schlecht gemachter Journalismus von traditionellen Medien. Dies zeigt, dass Fake News nicht nur ein Problem der sozialen Netzwerke sind. Gemäss der Studie der Berliner Denkfabrik SNV nutzen hauptsächlich Rechtspopulisten falsche oder irreführende Informationen von Behörden und Medien und instrumentalisieren diese als Fake News für ihre Kampagnen. Vergleichbares gab es nicht von linkspopulistischer Seite.

Fake News mit überschaubaren Reichweiten

Die einflussreichsten Fake News war die Nachricht «1000 Migranten randalieren auf Fest in Schorndorf». In diesem Fall hatte die eigentlich seriöse Nachrichtenagentur DPA eine Polizeimeldung falsch verarbeitet: Es ging um ein Fest mit 1000 jungen Leuten, grösstenteils mit Migrationshintergrund, an dem es auch zu Randalen und sexuellen Belästigungen gekommen war. Die DPA machte daraus 1000 randalierende Migranten. Aber auch die Polizei hatte in ihrer Medienmitteilung einiges durcheinandergebracht. Die Falschmeldung verbreitete sich rasch über klassische Medien, und auf Facebook bezeichnete die AfD die Vorgänge im baden-württembergischen Ort Schorndorf als «islamische Grapschparty». So werden Fake News in die Welt gesetzt.

Im Gegensatz zu den Nachrichten traditioneller Medien erzielen Fake News nur überschaubare Reichweiten in den sozialen Netzwerken. Die Falschmeldung über die angeblich 1000 randalierenden Migranten kam auf rund 500’000 Interaktionen (Total von Likes, Shares und Comments). Zum Vergleich: Ein Artikel eines klassischen Mediums über das TV-Duell der Kanzlerkandidaten Angela Merkel und Martin Schulz kam auf 1,5 Millionen Interaktionen.

Wenig überraschend stellt die Studie fest, dass Fake News vor allem eine Kommunikationsstrategie der Rechtspopulisten sind: «Während man auf die etablierten Medien mit Fake News und Lügenpresse schimpft, nimmt man es selbst mit der Wahrheit nicht so genau. Nur die Medienberichterstattung, die ins eigene Weltbild passt, wird als legitim befunden, der Rest sind Fake News.» Die Studie bezeichnet die AfD als «Speerspitze der Verbreitung von Fake News». Weiterverbreiter mit den grössten Reichweiten sind nicht zuletzt die Accounts prominenter AfD-Politiker.

Meistens geht es um Flüchtlinge

Die Forscher der Berliner Denkfabrik SNV haben zehn Fallbeispiele untersucht und zu den konkreten Fake News Umfragen durchgeführt. Dabei stellte sich heraus, dass in der Regel nur eine Minderheit die Falschmeldungen für wahr hält. Unter den Anhängern der AfD ordneten überdurchschnittlich viele Befragte die Fake News als Wahrheit ein. Die Themen der Fake News waren fast immer Flüchtlinge und Migranten.

Fazit: Fake News hatten keinen entscheidenden Einfluss auf den Ausgang der deutschen Bundestagswahlen 2017. Es gab weder grosse Fake News noch relevante Diffamierungskampagnen gegen die beiden Kanzlerkandidaten Merkel und Schulz. «Deutschland hat eine recht stabile Medienlandschaft, das Vertrauen in die traditionellen Medien ist hoch», heisst es in der SNV-Studie. «Und die Bedeutung der sozialen Netzwerke als Informationsquelle ist wesentlich geringer als in den USA.»

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