So kämpfen Städte gegen Massentourismus

Die Einwohner beliebter Reiseziele wehren sich gegen die Touristenströme. Venedig und weitere Orte verlangen jetzt Eintritt.

Dubrovnik wird von drei Besuchergruppen überrannt: von Kulturreisenden, Filmtouristen – und Kreuzfahrtpassagieren.

Dubrovnik wird von drei Besuchergruppen überrannt: von Kulturreisenden, Filmtouristen – und Kreuzfahrtpassagieren. Bild: Keystone

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Zwei Seile sollen nun in Dubrovnik helfen. Kordeln an Ständern, wie man sie auch in den Kunstmuseen findet. Dort erfüllen sie den gleichen Zweck: die Wellen der anbrandenden Besuchermassen bremsen und in überschaubare Ströme lenken. Die Seile hängen im Pile-Tor der Stadtmauer, durch das so gut wie alle Besucher der kroatischen Hafenstadt ins historische, autofreie Zentrum gelangen. Schilder regeln den Fussgängerverkehr: Rechts von den Seilen geht es hinein, links wieder raus. Zwei Millionen Touristen drängen pro Jahr durch diese Maueröffnung – etwa 2000 Gäste pro Altstadtbewohner.

Dubrovnik wird von drei Besuchergruppen überrannt: von Kreuzfahrtpassagieren, Kulturreisenden und Filmtouristen. Deshalb fällt der Name der Stadt meist in einer Reihe mit Venedig und Barcelona, wenn es um die Kehrseite der Beliebtheit, um zu viele Besucher, um Overtourism geht. Die Liste der aus allen Nähten platzenden Orte, die als Ganzes oder in bestimmten Stadtvierteln Transformationsprozesse bis an den Rand der Selbstzerstörung durchmachen, lässt sich leicht verlängern: um San Gimignano, Carcassonne, Avignon, Cinque Terre, Florenz, Palma de Mallorca, Amsterdam, Reykjavík oder Berlin zum Beispiel.

Ein Platz im Billigflieger kostet in etwa so viel wie eine Pizza und ein Bier. So lohnen sich übers Jahr verteilt gleich mehrere kurze Städtereisen. Frans van der Avert, Chef der Tourismuswerbung von Amsterdam, antwortet auf die Frage, was die beste Massnahme gegen Overtourism sei, nur halb im Spass: «Baut keine Flughäfen!» Mit Häfen verhält es sich ähnlich. Die Zahl der Passagiere auf Kreuzfahrtschiffen ist in den letzten 20 Jahren stark angestiegen. Und das Mittelmeer ist klein, und alle ankern vor denselben Orten.

300 Prozent mehr Städtereisen

Der Städtetourismus boomt seit Jahren in Europa. Der Kontinent ist laut der Tourismusorganisation der Vereinten Nationen UNWTO das am stärksten frequentierte Zielgebiet der Welt. Die Anzahl der Städtereisen hat sich laut der Langzeitstudie World Travel Monitor in den vergangenen zehn Jahren vervierfacht. Es ist das am stärksten wachsende Segment des internationalen Urlaubsmarktes. Und die weltweiten Reiseströme schwellen auch in Zukunft kontinuierlich an. Heute sind 1,3 Milliarden Menschen unterwegs, bald wird jeder fünfte Erdbewohner reisen. Bis zum Jahr 2030, so die Prognose der UNWTO, soll sich die Zahl der Ankünfte weltweit auf 1,8 Milliarden erhöhen. Grund ist der wachsende Wohlstand, in Europa selbst, in Südamerika und in Asien. Die Anzahl der Touristen vermehrt sich, die Anzahl der Reiseziele bleibt ungefähr gleich. Die Folge ist zwangsläufig eine noch stärkere Überfüllung aller bereits überlaufenen Orte. Es drohen soziale Konflikte und die Musealisierung der Städte.


Bildstrecke: Wenn Touristen zur Plage werden


In Dubrovnik erinnert nicht nur die Eingangssituation, sondern auch das historische Zentrum selbst an ein Museum: das Franziskanerkloster, der Onofriobrunnen, die Festungen und Kirchen, die Fans der Fernsehserie «Game of Thrones» als Kulissen identifizieren – alles auf engem Raum innerhalb der intakten Stadtmauer versammelt und von der Flaniermeile Stradun erschlossen. Alle paar Meter steht ein Souvenirshop, und die meisten grünen Fensterläden in den Etagen über den Geschäften sind verrammelt – Zeichen dafür, dass hier Wohnungen leer stehen, sprich als Ferienapartments genutzt werden. Das Areal innerhalb der Stadtmauer ist nur etwa 400 Meter lang und 300 Meter breit. Darauf drängen sich an manchen Tagen 10'000 Besucher. Die Unesco errechnete, dass die Altstadt nur 8000 Menschen zur selben Zeit vertrage, und drohte Dubrovnik bereits – wie Venedig – mit der Aberkennung des Weltkulturerbestatus, sollte der Tourismus weiterhin so unkontrolliert ausufern.

Schön anzuschauen ist die Altstadt allemal. Aber sie ist eben kein Museum und keine Filmkulisse, hier leben Menschen. Etwa 1500 sind es offiziell, 800 laut einer Bürgerinitiative. Die unterschiedlichen Zahlen erklären sich dadurch, dass viele Wohnungen zwar auf Einheimische gemeldet, tatsächlich aber dem halblegalen Markt der Vermietung an Urlauber zugeführt worden sind.

In Venedig gab es schon 2018 Sperren gegen Besucher. Nur Einwohner durften noch passieren.

Andernorts macht man sich erst gar keine Mühe mehr, den Wandel von Gemeinwesen in Ausstellungsräume mit angeschlossenen Ferienwohnungen zu kaschieren: «Unsere Städte sind Museen. Und wie in Museen ist es richtig, eine Eintrittskarte zu kaufen», sagte Anfang des Jahres der Präsident des italienischen Hotelverbandes, Bernabò Bocca. Anlass war die Ankündigung einer Gebühr für Tagestouristen in Venedig, ganz unverblümt «Eintrittsgeld» genannt, der das Parlament in Rom und am Dienstag auch der Kommunalrat zustimmte. Die neue Regelung könnte schon im Mai eingeführt werden. Dieses Jahr soll der Eintrittspreis pro Person drei Euro betragen. Ab kommendem Jahr soll der Betrag auf sechs Euro steigen, je nach Touristenansturm kann er bis auf zehn Euro angehoben werden. Besucher, die in Herbergen in der Stadt unterkommen, sind von der Zahlung befreit; sie müssen schon jetzt eine Ortstaxe bezahlen. Auch andere italienische Städte, etwa Florenz, überlegen nun, Eintritt zu verlangen. Die Balearen und Amsterdam haben bereits Anfang des Jahres eine Gebühr für Kreuzfahrer eingeführt und kassieren direkt von den Reedereien, in Amsterdam acht Euro.

Dass solche Gebühren sinnvoll verwendet werden können, zeigt die Steuer für nachhaltigen Tourismus, die Mallorca-Urlauber seit 2016 entrichten müssen. Mit den Millionen aus der «Ecotasa» wurden bislang Kläranlagen gebaut, Forschungsprojekte finanziert oder Fincas gekauft und als Naturschutzgebiete ausgewiesen, bevor Investoren zuschlagen konnten. Auch in Venedig soll das Eintrittsgeld indirekt den Einwohnern zugutekommen und der Strassenreinigung dienen. Bürgermeister Luigi Brugnaro zufolge gibt Venedig dafür jährlich rund 30 Millionen Euro mehr aus als andere Kommunen für «normale Altstädte», wie er sie nannte – eine Last, die unerträglich geworden sei. Unmittelbar entlastend wirkt eine Eintrittsgebühr jedoch nur, wenn sie mit einer Kontingentierung der Besucher einhergeht. Etwa so, wie es Dubrovnik für Reisebusse von Tagesausflüglern plant. Die Stadt will von diesem Jahr an Slots wie am Flughafen vergeben, zeitlich und mengenmässig begrenzte Vorfahrtgenehmigungen gegen Gebühr. Ausserdem wird die Zahl der Kreuzfahrtschiffe limitiert.

Mit einer begrenzten Ticketanzahl wäre Venedig an vielen Tagen ausverkauft, und am Canal Grande würde ein Türsteher sagen: Für heute sind wir voll. Schwer vorstellbar? Seit April 2018 nicht mehr. Da wurden zum ersten Mal in der Geschichte Venedigs Sperren errichtet, um den Andrang in der Nähe des Bahnhofs Santa Lucia und zwischen Markusplatz und Rialto im Zaum zu halten und nur noch Einheimische durchzulassen. Viele von ihnen sagten in Interviews, sie fühlten sich dabei wie Besucher eines Themenparks mit Checkpoints.

Tür an Tür mit anderen Touristen

Pauschalreisen und Billigtransporter lösten bereits in den Siebzigerjahren Diskussionen über ökologische Probleme des Reisens aus. Der Zukunftsforscher Robert Jungk plädierte 1980 in einem Aufsatz für sanften Urlaub und fragte, wie viele Touristen eine Hektare Strand aushält. Seine Antwort: 600. Aber wenn die Touristen nur am Strand geblieben wären! Heute bringen Onlinevermittler privater Apartments wie Airbnb vermeintliche Individualurlauber in Massen direkt in die Wohnquartiere der Einheimischen, wo sie deren alltägliches Leben stören. In Barcelona werden inzwischen drei Viertel aller Unterkünfte auf diese Weise belegt. Die Gäste suchen authentische Erlebnisse, feiern dann aber doch nur Tür an Tür mit anderen Touristen und verdrängen die Anwohner. Die Urlauber lassen die Preise auf dem Wohnungsmarkt steigen. Tante-Emma-Läden und andere Geschäfte des täglichen Bedarfs verschwinden, Souvenirshops, Franchiseketten und Luxusboutiquen ziehen ein. Das Geld der Touristen geht woanders hin, die negativen Folgen bleiben, Müll und Abgase, der Lärm und das Verkehrschaos. Ihre Stadt, so das Gefühl der Städter, gehört ihnen nicht mehr.

Die Vorteile des Tourismus für die Bevölkerung müssen die Nachteile überwiegen, sonst geht die Gastfreundschaft verloren. Selbst der Weltverband der Kreuzfahrtindustrie Clia lässt verlauten: «Eine Destination, die nicht gut für ihre Bewohner ist, kann auch nicht gut für ihre Besucher sein.»

Die eine Patentlösung für alle Städte gibt es nicht, aber eine Erkenntnis setzt sich so langsam durch: Kombinierte Massnahmen sind am besten geeignet, den Wohlstand durch Tourismus weiter florieren zu lassen und gleichzeitig die Qualität der Aufenthalte für Besucher wie Besuchte zu erhöhen.

Alternative Sehenswürdigkeiten vermarkten

Die Kontrolle der Bettenkapazitäten gehört dazu, etwa über eine strenge Lizenzierung von Ferienwohnungen und Baustopps für Hotels. Ausserdem die Entzerrung von Besucherströmen, sei es durch Bus-Slots wie in Dubrovnik oder die Information der Gäste via App über Stosszeiten und alternative Sehenswürdigkeiten. Amsterdam etwa, das jährlich mit 18 Millionen Touristen klarkommen muss, vermarktet so clever wie erfolgreich den Küstenort Zandvoort als «Amsterdam Beach».

Die Touristen selbst können ihr Verhalten hinterfragen – und andere Wege gehen als die Instagram-Lemminge, die unbedingt dort ein Selfie schiessen müssen, wo es schon Zehntausende andere vor ihnen getan haben.

Erstellt: 27.02.2019, 18:54 Uhr

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