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Vom Nachrichten- zum Merkelsprecher

Bis vor ein paar Wochen moderierte er im ZDF die Sendung «heute». Ab sofort ist er Sprecher der deutschen Regierung. Von Angela Merkel wurde er am Montag in das Amt eingeführt. Der Seitenwechsel passt nicht allen.

Rollenwechsel innnert kurzer Zeit: Steffen Seibert.
Rollenwechsel innnert kurzer Zeit: Steffen Seibert.
Keystone

Als Steffen Seibert die Vorhalle der Bundespressekonferenz betritt, baut sich sofort ein halbes Dutzend Fotografen vor ihm auf. Der Mann im dunkelblauen Anzug verlangsamt seine Schritte und bleibt schliesslich stehen. Er zieht noch einmal seine rote Aktenmappe an sich, die farblich zu seiner Krawatte passt, und lässt sich fotografieren.

50 Jahre alt soll der Mann sein? Höchstens 38 traut man ihm zu, so schlank und federnd ist er. Fast faltenfrei das Gesicht, dazu ein artiger Haarschnitt. Jeder Deutsche kennt ihn aus dem Fernsehen. Er moderierte die ZDF-Sendungen «heute» und «heute journal» mit grosser Leichtigkeit. Er ist ein Profi. Und doch sagt er gleich darauf vor etwa 100 Journalisten: «Ich bin echt nervös.»

Nun wird er befragt

Denn an diesem Montag hat Seibert komplett die Rolle gewechselt. Statt als Journalist Politiker zu befragen, wird er befragt, von Journalisten. Er ist eine Art Ersatz-Politiker. Er spricht nun für Bundeskanzlerin Angela Merkel. Die sagt kurz darauf bei der Amtseinführung zu ihm: Die Frage der «Kontakte pro Stunde, die Sie pflegen müssen» sei sicherlich «nicht unerheblich. Je mehr Sie haben, umso weniger brauche ich mich um die Journalisten zu kümmern. Das ist wunderbar».

Seibert hat die Seite gewechselt, manche sehen ihn nun als Abtrünnigen seiner Kaste. Und er wird schlagartig Chef von 450 Mitarbeitern im Bundespresseamt. Er sagt, das wenige, das er bis jetzt über seine neue Arbeit wisse, verdanke er seinem Vorgänger Ulrich Wilhelm, der ihn «in einer Art Extrem-Crash-Kurs auf die Schulbank» gesetzt habe. Er sei neu in jeder Art von Behörde, er sei neu in der Politik, er sei neu in Berlin. Es stimme, dass er eine andere Welt betrete.

Wilhelms Niveau ist das Ziel

Seibert sagt, seine Vorgänger und die Hauptstadt-Journalisten hätten in den Zeitungen so viel über Fallstricke berichtet, dass er mittlerweile aufgehört habe, das zu lesen, denn: «Das macht dich irre.» Falls die Absicht darin bestanden habe, ihn zu verunsichern, dann sei das gelungen. «Vielen Dank!» Ein paar Lacher in der Bundespressekonferenz hat er mit dieser Selbstironie schon gewonnen.

Und dann schlägt sich Seibert während der eineinhalb Stunden Fragestunde ganz ordentlich. Seibert erläutert ausführlich eine Reise von Merkel zu Windparks, zur Energiebörse Leipzig und zum Atomkraftwerk Lingen. Bringt dabei ein paar Bemerkungen zum Energiekonzept an. Und verhaspelt sich kurz: Die Kernkraftwerke seien «nach Aussage, äh, nach Ansicht der Bundesregierung» eine Brückentechnik. Den Rückfall in seine alte Rolle als distanzierter Journalist bügelt er sofort aus.

Ansonsten kann der Mann frei reden. Dialektfrei. Mit angenehmem Bariton. Scheint vorbereitet. Als Fernsehjournalist habe er sich immer in viele Themen einarbeiten müssen, aber nicht so tief. Nun müsse er sich auch ganz tief einarbeiten. Er wäre froh, wenn er das Niveau von Wilhelm erreichen könnte.

«Das würde ich gern an die Ressorts weiterleiten»

Der Anruf von Merkel sei eine «grosse Überraschung» gewesen, sagt Seibert. Er habe gar nicht viel überlegt, mit seiner Frau gesprochen und «mit heissem Herzen zugesagt». Er schätze die Kanzlerin sehr. Die wiederum sagt im Amt, sie wolle versuchen, «mich so vernünftig zu verhalten, dass Sie möglichst wenig Ärger mit mir haben und Ihre gesamte Kraft auf den Rest konzentrieren können». Da die Frage gestellt werde, ob Seibert Zugang zum Machtzentrum bekomme, «darf ich Ihnen sagen: Das kann ich mit einem uneingeschränkten Ja beantworten, und Sie können es dann in der nächsten Zeit immer wieder überprüfen».

Besser wäre es. Als es nämlich um den Polit-Dschungel aus Laufzeitverlängerung und Brennelemente-Steuer geht, hat Seibert einen Hänger. Er beginnt seine Antwort mit «Gute Frage», um Zeit zu gewinnen. Versucht dann, Bekanntes abzusondern, um dann urplötzlich mitten im Satz zu sagen: «Ich habe das geahnt, dass so ein Moment kommt. Vielleicht kann das Ressort auch mal helfen?»

Er darf auch delegieren

Doch der Sprecher des Umweltministeriums schüttelt den Kopf. Der Sprecher des Finanzministeriums springt nur ganz kurz ein. Und dann gibt Beatrix Brodkorb vom Wirtschaftsministerium eine längere Auskunft. Uff. Überstanden.

Seibert hat auch verstanden, und sagt kurz darauf auf eine Frage zu den Hilfen für Pakistan: «Das würde ich gern an die Ressorts weiterleiten.» Und dann antworten deren Sprecher. Nicht alles muss er selber machen. Er darf auch delegieren.

Am Ende hat Seibert rote Wangen. Steht noch mit ein paar Journalisten am Tisch, die ihm ihre Visitenkarten reichen. Sein Tag sei jetzt «tack, tack, tack geplant». Die Kanzlerin habe ihn schon morgens um sieben Uhr empfangen. Aber eine Rückkehr zum «heute journal» könne es nicht geben, das sei doch klar. Und auf die Frage, wie er mit sich zufrieden war, sagt er: «Hier war noch viel Luft nach oben.»

dapd Harald Schultz/bru

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