Vom Sieg fast erschlagen

Die CDU wählt Angela Merkels Wunschkandidatin Annegret Kramp-Karrenbauer zur CDU-Chefin. Eine kapitale Niederlage für die Konservativen in der Partei.

«Ich nehme die Wahl an»: Die neue CDU-Vorsitzende spricht nach ihrem grossen Triumph. Video: CDUTV

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Minutenlang stand sie da, mit Freudentränen im Gesicht. Immer wieder schlug sie die Hand vor den Mund, wie niedergeschmettert von dem bisher grössten Triumph ihrer Karriere. Hauchdünn nur, mit 517 zu 482 Stimmen, hatte Annegret Kramp-Karrenbauer beim Kampf um den Vorsitz der Christlich-Demokratischen Union Friedrich Merz geschlagen.

Unter dem Jubel ihrer Anhänger und dem Applaus der Halle ging die 56-Jährige auf ihren stärksten Konkurrenten zu und liess sich von diesem beglückwünschen. Jens Spahn, den dritten Kandidaten, umarmte sie. Auf der Bühne wurde sie von Angela Merkel erwartet, ihrer Vorgängerin im Amt, ihrer Förderin und Immer-noch-Kanzlerin. Selten hat man die Meisterin der Macht so unbefangen strahlen sehen wie in dem Moment, als sie die zierliche Saarländerin herzhaft umfasste. Und Kramp-Karrenbauer stellte sich hin, winkte ins Publikum, mit Tränen in den Augen.

Was genau den Ausschlag für Kramp-Karrenbauer gegeben hat, wird man nie wissen, so knapp war das Resultat. Zu vermuten ist, dass die Reden auf der Bühne eher das Gegenteil von dem bewirkten, was viele Beobachter erwartet hatten. Kramp-Karrenbauer hielt eine kämpferische, emotionale, geschickt um den Begriff «Mut» komponierte Rede, wohl eine ihrer besten überhaupt.

Merz’ verpasste Chance

Merz, der als einer der grössten Redner der deutschen Politik gilt, blieb hinter seinen Möglichkeiten weit zurück. Er überzog die vorgegebene Zeit von 20 Minuten um die Hälfte und wurde kaum konkret, als er von einem «Strategiewechsel» sprach, den die CDU dringend benötige. So liess sich sein Versprechen von «Aufbruch» und «Klarheit» am Ende lediglich an seinem Mythos festmachen.

«Wir können das. Wir wollen das. Wir werden das.»Annegret Kramp-Karrenbauer, neue CDU-Vorsitzende

So sehr wie Kramp-Karrenbauers Sieg auch für Merkel ein grosser Sieg war, so sehr war Merz’ Niederlage ein schmerzhafter Fehlschlag für alle Konservativen und Wirtschaftsliberalen in der Partei – besonders für Merz’ wichtigsten Unterstützer Wolfgang Schäuble. Die graue Eminenz, die in ihrer glanzvollen Karriere wegen Merkel nicht Kanzler und auch nicht Bundespräsident geworden war, hatte vor dem Parteitag ein letztes Mal gegen seine alte Rivalin aufbegehrt und sich mit Pathos («Seine Wahl wäre das Beste für unser Land») hinter seinen Freund Merz gestellt. So fiel dem 76-Jährigen nun auch diese Niederlage auf die Füsse.

In der Stichwahl war entscheidend gewesen, wer die 157 Stimmen von Jens Spahn erben ­würde, der nach dem ersten Wahlgang ausschied. Politisch und auch vom Habitus her steht Spahn Merz erheblich näher als Kramp-Karrenbauer. Es ver­wunderte deswegen nicht, dass Merz die Mehrheit von dessen Stimmen gewann. Dass aber 67 Spahn-Anhänger am Ende die Saarländerin wählten, brachte dieser den Sieg. Vermutlich nicht zu Unrecht versprechen sich der 38-jährige Spahn und seine meist ebenfalls jungen Mit­streiter unter der integrativen Kramp-Karrenbauer eine günstigere Zukunft als unter dem egozentrischen 63-jährigen Rückkehrer Merz.

Ein Taktstock für Merkel

Angela Merkel hatte zuvor ihr Amt mit einer einschläfernd pastoralen Rede, aber viel Würde abgegeben. Sie nahm keinerlei direkten Bezug zum Kampf um ihre Nachfolge, so wie sie auch Kramp-Karrenbauer zu keinem Moment öffentlich unterstützt hatte. Zu einem indirekten Seitenhieb auf Merz, ihren Rivalen am Ende der Ära von Helmut Kohl, liess sie sich dann doch noch hinreissen: «Unsere CDU ist heute eine andere als in den 2000er-Jahren – und das ist gut so.» Die Partei müsse nun in die Zukunft blicken, nicht in die Vergangenheit.

«In dieser Stunde bin ich von einem einzigen Gefühl erfüllt», schloss Merkel. «Von Dankbarkeit. Es war mir eine grosse Freude und eine Ehre.» Die 1000 Delegierten applaudierten ihr stehend zehn Minuten lang, und am Ende wirkte sogar die meist so nüchterne Kanzlerin gerührt. Dabei war es ja noch nicht einmal ein richtiger Abschied gewesen, immerhin behält sie ja ihr wichtigstes Amt. Als Geschenk erhielt sie einen Taktstock des an der Hamburger Elbphilharmonie dirigierenden Kent Nagano. «Mit meiner grössten Verehrung für Angela Merkel, die wichtigste Dirigentin der Weltpolitik», schrieb der Amerikaner dazu.

Nach Merkels Abschied verlangte Merz in seiner Rede einen anderen Umgang mit der AfD, deren Aufstieg seine Partei mit «Achselzucken» zur Kenntnis genommen habe. So hatte er es jedenfalls vor dem Parteitag gesagt, sehr zum Ärger des Merkel-Lagers. In Hamburg formulierte er es anders. Er bestreite nicht, dass in der CDU der Wille herrsche, Wähler von der AfD zurückzugewinnen. «Aber es gelingt uns eben nicht.»

Mehr Mut

Auch Merkels Lieblingstaktik, dem Streit mit dem politischen Gegner auszuweichen, um dessen Anhänger nicht zu mobili­sieren, sei längst aus der Zeit ­gefallen. «Die Auszehrung des politischen Streits in der Mitte verlagert diesen an die Ränder.» Ohne klarere Positionen werde man auch keine besseren Wahlergebnisse mehr holen. Des­wegen sei ein Strategiewechsel dringend nötig. Worin dieser genau bestehen und wie er sich von den bereits gescheiterten Versuchen unterscheiden sollte, sagte Merz freilich nicht.

Kramp-Karrenbauer forderte in ihrer Rede mehr Zuversicht, Eigenständigkeit und Mut. «Haben wir den Mut, nicht den Schwarzmalern hinterherzulaufen! Haben wir den Mut, nicht ängstlich nach rechts und nach links zu schauen, sondern mit unseren eigenen Ideen zu überzeugen!» Die CDU müsse sich überdies trauen, ihre Komfortzone zu verlassen, um bei den schwierigen Themen – der Zukunft des Sozialstaats, Migration und Sicherheit, Europa – bessere Lösungen zu finden.

Die CDU dürfe nicht sagen, «man sollte und müsste». Zählen tue einzig: «Wir machen!» Zum Schluss variierte sie das Motto, das sie bei ihrer Rede als angehende Generalsekretärin spontan gefunden hatte, und versprach: «Wir können das. Wir wollen das. Wir werden das.» Drei Stunden später hatte sie Tränen der Freude in den Augen.

Erstellt: 07.12.2018, 22:30 Uhr

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