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Vom «Halbblut» zum Hetzer

Tomio Okamura leugnet KZ-Morde, schimpft über Muslime und macht sogar seinem Bruder Angst. Nun ist der Populistenführer möglicher Königsmacher in Tschechien.

Hat selbst Ausgrenzung erfahren: Rechtspopulist Okamura. Foto: Bloomberg, Getty
Hat selbst Ausgrenzung erfahren: Rechtspopulist Okamura. Foto: Bloomberg, Getty

Es sind gleich mehrere Dutzend japanische Touristen, die sich da in einem Altprager Restaurant vom Sightseeing-Marathon in Tschechiens Hauptstadt erholen. Also legt Tomio Okamura eine Pause ein und sieht nach dem Rechten. Denn das Geschäft ruht nicht, wenn man Besitzer einer Reiseagentur ist, die Asiaten nach Tschechien bringt – selbst wenn man Chef der gerade sehr erfolgreichen Rechtspopulisten-Partei «Freiheit – direkte Demokratie» ist. Die rechtsradikale Partei SPD, gegründet 2015 und voll zugeschnitten auf Okamura, ist seit der Wahl vom Wochenende mit 10,6 Prozent der Stimmen viertstärkste Kraft im Parlament. Sie dürfte Tschechien einschneidend verändern.

Die Touristen aus Japan sind an diesem Mittag vom Essen und vom tschechischen Bier satt und zufrieden, also präsentiert Okamura seine Ideen. Die EU stehe unter deutschem Diktat und sei zum Scheitern verurteilt, weshalb Okamura im Gespräch «eine Volksabstimmung über Verbleib oder Austritt Tschechiens aus der EU» fordert. Ebenso wichtig: «Wir wollen den Islam in Tschechien verbieten.» Nach Europa Geflüchtete sind für Okamura «illegale Migranten», von denen kein Einziger «in Tschechien Aufnahme finden» dürfe. Der illegale Grenzübertritt müsse zum Verbrechen erklärt werden, «für das die sofortige Ausweisung fällig ist».

Gestottert wegen Diskriminierung

Der Populist geht weiter. Richter sollen künftig nur vier Jahre lang urteilen dürfen und sich dann «dem Urteil eines Kollegiums oder des Volkes» stellen. Jugendliche sollen sich acht Wochen bei der tschechischen Armee ertüchtigen. «Unanpassbare und Parasiten» – in Tschechien Codewort für Roma – dürften keine Sozialleistungen mehr bekommen.

Es ist ein Programm, bei dem Okamura sich mit Marine Le Pen vom französischen Front National oder «meinem Freund Heinz-Christian Strache» von der österreichischen FPÖ in bester Gesellschaft glaubt. Bei verunsicherten, allem Fremden gegenüber skeptischen Tschechen haben solche Parolen Okamura Erfolg gebracht. Dabei hat der 45-Jährige, Sohn eines Japaners und einer Tschechin, Ausgrenzung selbst jahrelang erfahren.

Als er fünf war, trennte sich seine Mutter vom Ehemann und kehrte mit ihren drei Söhnen aus Japan in die damals noch kommunistische Tschechoslowakei zurück. Die Frau konnte nur schwer Fuss fassen, Tomio verbrachte Jahre im Waisenhaus. Mit seinem asiatischen Aussehen erlebte er so üble Diskriminierungen, dass er zu stottern begann und noch als 14-Jähriger ins Bett nässte. Mit 21 kehrte er nach Tokio zurück. Auch dort wurde er als «Halbblut» ausgegrenzt, musste sich als Müllmann und später als Popcornverkäufer im Kino durchschlagen. Jahre später kam er nach Tschechien zurück und baute eine erfolgreiche Reiseagentur für asiatische Touristen auf.

Der 45-Jährige, Sohn eines Japaners und einer Tschechin, hat selbst jahrelang Ausgrenzung erfahren.

Wirtschaftlich erfolgreich, schrieb er Bücher, war Juror von Realityshows im tschechischen Fernsehen, zog 2013 mit einer neuen Partei ins Parlament ein. Und machte mit fremdenfeindlichen Parolen Schlagzeilen. So bestritt er 2014, dass Sinti und Roma während des Nationalsozialismus in einem KZ im südböhmischen Lety ermordet worden waren. Anfang 2015 verlangte er den Boykott aller Waren muslimischer Anbieter und forderte die Tschechen sogar auf, in der Nähe von Moscheen Hunde und Schweine spazieren zu führen.

Seitdem hat sich der Rechtsaussenpolitiker noch stärker radikalisiert: Das totale Verbot des Islam in Tschechien war im SPD-Wahlprogramm Forderung Nr. 1: «Nicht alle Muslime sind Terroristen – aber alle Terroristen sind Muslime», behauptet Okamura. «Wir sind für Religionsfreiheit – aber der Islam ist keine Religion, sondern eine gefährliche, expansive Ideologie. Deshalb wollen wir ihn verbieten.»

Naheliegende Zweifel wie den, dass es in Tschechien bisher kaum Muslime gibt, lässt Okamura nicht gelten: «Tschechische Polizisten laufen heute mit Maschinenpistolen herum. Am Eingang zur Prager Altstadt stehen Betonbarrieren, um einen Terroranschlag zu verhindern. Wir wollen die Probleme lösen, bevor sie bei uns überhaupt erst entstehen.»

Die Mär von den 30'000 Illegalen

Der Politologe Petr Just hält Okamuras Anti-Islam-Nationalismus für «rein zweckgebunden: Okamura will nur seine Wählerschaft ausweiten. Früher trat Okamura für ein multikulturelles Tschechien ein.» Noch 2011 war Okamura Juror bei der Show «Miss Expat» – dort wurde die schönste Einwanderin gekrönt. 2013 stellte er laut Nachrichtenagentur Reuters ein Foto seiner tschechischen Freundin ins Internet, die in muslimischer Kleidung eine Moschee in London betritt, und pries die «schöne Erfahrung».

Seine gegen Muslime, gegen Brüssel und pro Moskau gerichtete Rhetorik verbreitet Okamura vor allem mit selbst gedrehten Videos auf Facebook. Dabei erfand er dem Analysten Jiri Pehe zufolge auch die Mär von 30'000 illegalen Migranten, die Tschechiens Regierung vor ihren Bürgern versteckt halte.

Nach seinem Wahlerfolg ist Okamura nun möglicher Königsmacher. Bisher ist offen, wie und mit wem Wahlsieger Andrej Babis eine Koalition schmieden kann. Vor der Wahl nannte Babis Okamura «gefährlich»; schon in der Wahlnacht schränkte Babis ein, einige Elemente des SPD-Programms seien durchaus akzeptabel. Okamuras älterer Bruder beobachtet dies mit Skepsis. Hayato Okamura, ein in der Flüchtlingshilfe aktiver Politiker der Christdemokraten, sagt, er kenne Tomios Ideen: «Er ist ein Populist von schwerem Kaliber geworden. Ich habe Angst vor ihm.»

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