Von wegen Lügenpresse

Im griechischen Idomeni sitzen mehr als 10'000 Flüchtlinge fest. Dass es vor allem Frauen und Kinder sind, ist keine Erfindung der Medien.

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Mit zerzaustem Haar und traurigen Kulleraugen stehen sie da, sind dreckig, ihnen läuft Rotz aus der Nase, einige Buben tragen rosa Mädchenstiefel aus Kleiderspenden. Im Idealfall weinen sie oder aber lächeln trotz des Elends hoffnungsvoll in die europäische Kamera. Ein perfektes Motiv: Die Kinder auf der Balkanroute.

Wir Journalisten würden vor allem sie zeigen, statt der vielen männlichen Wirtschaftsflüchtlinge, künftigen Sozialhilfebezüger oder gar potenziellen Bombenleger – dies behaupten zumindest böse Zungen und vehemente Verfechter der Lügenpresse-Theorie:

«Es ist befremdlich, dass immer Bilder von Frauen und Kleinkindern auf den Flüchtlingsrouten gezeigt werden.» «Mir scheint, die Medien lassen sich schon wieder manipulieren – oder tun sie es sogar selbst?» «So will man wieder Mitleid erregen.» «Auf jedem Bild hat man kleine Kinder in die Kamera gestreckt.»

Dies ist nur eine kleine Auswahl von Leserkommentaren zur Berichterstattung von Tagesanzeiger.ch/Newsnet über die Tatsache, dass Frauen und Kinder laut dem UNO-Hochkommissariat für Flüchtlinge auf der Balkanroute seit Anfang Jahr 60 Prozent der Flüchtlinge ausmachen.

Mir erschliesst sich nicht, was es mir bringen soll, über die Situation auf der Balkanroute zu lügen. Also sage ich, was ich gesehen habe. Nicht am Fernseher, nicht in den Bildstrecken, sondern in den vergangenen Tagen in Idomeni selbst.

Man muss die Kinder nicht gezielt suchen im Camp an der griechisch-mazedonischen Grenze, sie rennen in Scharen umher, sitzen auf den Hüften ihrer Mütter, spielen in einem abgestellten Bagger, sitzen am Feuer oder verkaufen Zigaretten. Sehen sie eine Kamera, so sagen sie lächelnd «Hello». Ein dreijähriges Mädchen nimmt eine Pose ein und spitzt den Mund, danach will sie das Bild sehen. Sie bedankt sich mit einem Kuss auf die Wange.

Werde ich als Journalistin manipuliert? Von einem lächelnden Flüchtlingskind?

Die hohe Anzahl Kinder auf der Balkanroute ist die Wahrheit.

Als ich das Camp erreiche, umzingelt eine Traube von mindestens 200 Personen einen Lastwagen, aus dem Freiwillige Hilfspakete verteilen. Es ist das Chaos pur. Während ein griechischer Polizeihelikopter über unseren Häuptern seine Runden dreht, drängen sich Menschen an die Seite des Fahrzeugs, aufgeplatzte Lebensmittelpackungen fliegen umher. Ein Knabe neben mir jubelt und hält triumphierend eine Packung Linsen in die Luft.

Es ist keine Lüge. Es sind Unzählige. Hier gibt es mindestens so viele Kinder wie Erwachsene.

Die Hausfrauen von Idomeni erfüllen weiterhin ihre Rolle als Mütter und kochen, schimpfen mit den Kindern, waschen deren Kleider und hängen die kleinen farbigen Socken, Unterhosen und Strampler zum Trocknen auf. Am gestachelten Grenzzaun. Instrumentalisiere ich nun, wenn ich solche Szenen schildere?

Die Medien sind ihre einzige Hoffnung

Ein Mann rennt aufgeregt zu den Übertragungswagen der Journalisten und ruft «Baby, Baby!» Bei einer Bewohnerin des Camps haben die Wehen eingesetzt. Am gleichen Abend wird sie ein Mädchen gebären.

Sie wollen die Aufmerksamkeit der Kameras. Sie sind nett. Sie fordern ihre Kinder auf, den Journalisten zuzuwinken. Sie sind verzweifelt. Hier im griechischen Niemandsland sind die Medien ihre einzige Hoffnung auf eine mazedonische Grenzöffnung, an die sie weiterhin glauben wollen.

Ich will kein Mitleid erregen. Die Berichterstattung über die hohe Anzahl Kinder auf der Balkanroute ist kein Instrument. Sondern die hässliche Wahrheit.

(Erstellt: 02.04.2016, 21:37 Uhr)

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