Brexit: Wissenschaftlerin protestiert nackt an der Uni

Jene Briten, die keinen Brexit gewollt haben, bekennen sich nun öffentlich zur EU. Sie bezeichnen sich als Gruppe «48 Prozent» und wollen eine neue Zeitung gründen.

Teilnehmer eines «Marsches für Europa» in London (2. Juli 2016).

Teilnehmer eines «Marsches für Europa» in London (2. Juli 2016). Bild: Sean Dempsey/Keystone

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Die Londoner Zeitung «The Guardian» hat einen Brief geschrieben, einen «Brief an Europa», und am Montag an prominenter Stelle platziert. Das seit je proeuropäische Leitblatt der Linken, Liberalen und Grünen in Grossbritannien hat vor dem EU-Referendum leidenschaftlich für den Verbleib in der Union gestritten. Nun, da es anders gekommen ist, richtet sich die Zeitung direkt an «die Menschen» auf dem Kontinent.

Zehntausende auf der Strasse

Dabei bittet sie um Verständnis und Geduld mit den schwierigen Briten. Natürlich könne man verstehen, wenn die Europäer Grossbritannien satthätten, nach alledem. Aber: «Bitte schreiben Sie uns nicht ganz ab!» So verlockend es wäre, aus Ärger oder Frustration jetzt dem Vereinigten Königreich den Rücken zu kehren, so wenig produktiv wäre ein solches Verhalten für beide Seiten am Ende doch. Wichtig, meint «The Guardian», sei vor allem, dass es bei einer engen Partnerschaft bleibe. Ausserdem stünden in London noch eine Menge Entscheidungen bevor, bei denen das Parlament involviert sein könnte, «vielleicht sogar Neuwahlen». Nicht im Zorn solle man jetzt scheiden, weil man ja irgendwann auch wieder zusammenkommen wolle: «Verriegeln Sie in unser aller Interesse nicht die Tür.»

Nicht nur auf Englisch, sondern auch auf Deutsch und Französisch hat «The Guardian» seinen Appell auf seine Website gesetzt. Die Botschaft, dass die geschlagenen EU-Anhänger Zeit und eine helfende Hand brauchen, um wieder auf die Beine zu kommen, soll weit nach Europa hinein zu hören sein.

Das gleiche Verlangen, sich über die Inselgrenzen hinaus Gehör zu verschaffen, hat am Wochenende Zehntausende auf die Strassen getrieben. Allein in London sollen es 50 000 Demonstranten ­gewesen sein. Mit Schwüren wie «I Will Always Love EU» oder «Never Gonna Give EU Up!» protestierten die überwiegend jüngeren Teilnehmer gegen den «Brexit-Betrug», den sie hinter dem Erfolg der EU-Gegner und deren bereits gebrochenen Versprechen sehen. «Hell no, we won’t go», zum Teufel noch mal, wir gehen nicht, wurde skandiert.

Eine Onlinepetition für ein zweites Referendum hatten nach dem 23. Juni, mehrere Millionen Menschen unterschrieben. Chancen für einen «Re-Run» gibt es allerdings kaum. Dafür wird nun allen Ernstes erwogen, mithilfe des Parlaments den Brexit-Prozess zu bremsen. Eine der renommiertesten Anwaltsfirmen des Landes, Mishcon de Reya, hat die Regierung Cameron wissen lassen, dass kein Regierungschef Artikel 50 des Lissaboner Vertrags einfach in Anspruch nehmen könne, um die EU-Mitgliedschaft aufzukündigen. Eine Kündigung müsse erst vom Parlament abgesegnet werden. Für die Einhaltung dieser Vorgabe werde man notfalls vor Gericht ziehen, meint man im De-Reya-Kontor.

Nackt zur Fakultätssitzung

Dem hat Aussenminister Philip Hammond widersprochen. Aber die Rechtslage ist so unklar wie alles andere auch an den Ufern der Themse. Übrigens hat sich auch Ex-Premier Tony Blair in der Frage einer möglichen Neubesinnung zur EU zu Wort gemeldet. Blair ist der Überzeugung, dass das Volk «so souverän» sei, dass es auch seine Meinung ändern könne, wenn es etwa Gefahren erkenne, die vorher nicht sichtbar waren.

Viele derer, die beim Referendum gegen den Austritt stimmten, wollen keine Ruhe geben. Weitere Kundgebungen sind geplant. «48 Prozent»-Gruppen beginnen sich überall zu formen. Deren Mitglieder verlangen von ihren Abgeordneten, sie im Parlament «fair zu vertreten». Die Unterhaus-Abgeordneten sind zu drei Viertel pro EU. Liberaldemokratische Politiker haben angeregt, eine neue parteiübergreifende «Bewegung» auf die Beine zu stellen. Parteichef Tim Farron würde ohnehin mit dem Versprechen einer Umkehrung des Austrittsentscheids in Neuwahlen gehen, um sich für eine Kursänderung ein Mandat zu holen.

Am kommenden Freitag wird in London zudem eine spontan gegründete Zeitung mit dem Namen «The New European», der neue Europäer, aus der Taufe gehoben. Erst einmal vier Wochen lang soll sie ­erscheinen – lange genug, um weiteren Widerstand aufzurühren. Die «traditionellen Medien», argumentiert man beim «New European», hätten bei diesem Referendum «ganz einfach versagt».

Victoria Bateman. Foto: PD

Mit einem sehr persönlichen Protest hat sich unterdessen eine Wissenschaftlerin an der Universität Cambridge an den Unmutsbekundungen beteiligt. Victoria Bateman, Dozentin für europäische Ökonomie, erschien unbekleidet auf einer Fakultätssitzung. Sie hatte sich die Worte «Brexit leaves Britain naked» auf Brust und Bauch gemalt. Zwei Stunden lang nahm die Wirtschaftlerin an der Fakultätssitzung teil. Und weil es sich um Cambridge und also um England handelte, erwähnte den Teilnehmern der Sitzung zufolge niemand das Fehlen der Kleider der Kollegin auch nur mit einem Wörtchen. Ein paar Schlagzeilen in den «traditionellen Medien» löste der Protest nachträglich allerdings aus.

Erstellt: 04.07.2016, 19:36 Uhr

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