Warum Nizza?

Die noble Riviera-Metropole ist zur Jihadisten-Metropole geworden. Experten sagen, man habe es kommen sehen.

Vom Terror eingeholt: Ein französisches Polizeiboot patrouilliert vor dem Strand von Nizza. (16. Juli 2016)

Vom Terror eingeholt: Ein französisches Polizeiboot patrouilliert vor dem Strand von Nizza. (16. Juli 2016) Bild: Pascal Rossignol/Reuters

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Der sieben Meter hohe Apollon am Sonnenbrunnen von Nizza trägt eine blau-weiss-rote Fahne, als wolle auch er sagen: «Je suis Nice.» Die ganze Welt ist wieder Nizza. Sie war Charlie. Sie war Paris. Sie war Orlando. Was wird sie morgen sein? Das Karussell des Horrors dreht sich schnell, es lässt keine Zeit zum Trauern.

Im Justizpalast von Nizza, nur ein paar Schritte vom Messina-Platz entfernt, tritt François Molins vor die Presse. Der Pariser Oberstaatsanwalt ist für die Franzosen inzwischen der Unglücksbote geworden. Wenn sein sanftes Gesicht auf dem Fernsehbildschirm erscheint, wenn seine warme Stimme ertönt, hat es Tote gegeben. «Charlie Hebdo». Germanwings. Bataclan. Ein enthaupteter Firmenchef. Durch Glück vereitelte Anschläge auf Züge und Kirchen. Ein ermordetes Polizistenpaar in Magnanville. Nun Nizza.

Molins kommt stets mit nichts anderem als Fakten. Er schafft Gewissheiten dort, wo die Verwirrung der Gefühle herrscht, wo Unverständnis und Verzweiflung und immer öfter die schiere Wut das Denken lenken.

Ein Schatten der Traurigkeit

Mohamed Lahouaiej Bouhlel hat den 19-Tonnen-Laster am 11. Juli gemietet, am 13. nicht zurückgegeben. Am 14. in eine Todeswaffe verwandelt, tödlich wie eine Bombe. Überwachungskameras zeigen, wie er mit dem Fahrrad in Auriol, einem Bezirk im Osten Nizzas, ankommt, wo der Laster parkt. Sie zeigen, wie er das Rad im Kühllaster verstaut, als glaubte er wirklich, nach der Tat einfach wieder aufzusteigen und davonzuradeln. Molins spricht nicht vom Täter, er nennt ihn «le terroriste». Zu diesem Zeitpunkt gibt es noch kein Bekennerschreiben, es wird erst einen Tag später kommen, vom Islamischen Staat (IS), aber für den Staatsanwalt trägt das Attentat schon eindeutig die Handschrift des Terrors.

Der Terrorist, sagt Molins, begann seine Fahrt um 22 Uhr 45 vor der Hausnummer 147 der Promenade des Anglais. Erst bei Hausnummer 11 kam er zum Stehen. Dazwischen liegen 1,7 Kilometer, dazwischen liegen 84 Tote, 202 Verletzte, 25, die noch zwischen Leben und Tod schweben. Wie gesagt, er ist der Mann für die Fakten. Seit anderthalb Jahren geht das schon so. Und es ist, als habe sich selbst auf die klaren, hellen Augen von Molins ein seltsamer Schatten der Traurigkeit gelegt.

Wahrscheinlich liest auch er Zeitung, wahrscheinlich sieht er die Hilferufe der Menschen auf Facebook, die verzweifelt nach Angehörigen suchen. Wahrscheinlich hat auch er den gebrochenen Vater im Fernsehen gesehen, der seine Frau noch wegriss, dessen vierjähriger Sohn Yannis aber zehn Meter weiter stand und dann am Boden lag, mit dem Gesicht zum Boden: «Er sah aus wie Aylan, das kleine Flüchtlingskind, das am Strand an der Türkei angespült wurde.»

Jihadistennest Nummer zwei

Warum immer wieder Frankreich? Warum ausgerechnet Nizza? Das sind die Fragen, die sich jetzt stellen. Experten warnen schon lange: Nizza hat sich in den vergangenen Jahren zur Jihadistenhochburg entwickelt, das Departement Alpes-Maritimes zum Mutterboden, auf dem der Terror gedeiht. Es kommt auf Platz zwei, gleich nach dem berüchtigten Departement von Seine-St. Denis im Norden von Paris, das die allermeisten Jihadisten hervorgebracht hat. Nach einem Bericht eines Untersuchungsausschusses der Nationalversammlung werden 151 potenzielle Kandidaten gezählt. Allein aus dem östlichen Teil des Departements seien jüngst laut Geheimdienstberichten, aus denen «Nice-Matin» zitiert, 34 Jihadisten abgereist. Besonders spektakulär war der Fall einer ganzen Familie, die im Herbst 2014 aus Nizza aufgebrochen ist. Sie waren elf insgesamt.

«Was dort passiert ist, hat man jahrelang kommen sehen», sagt Asiem El Difraoui, deutsch-ägyptischer Politologe, der seit Jahrzehnten in Frankreich lebt. Deradikalisierungsexperten aus Nizza, die Jihadisten in Gefängnissen betreuen, haben schon lange Anschläge erwartet. Einer auf den Karneval ist vor zwei Jahren in letzter Sekunde vereitelt worden.

Es gibt viele Gründe dafür, warum ausgerechnet die prunkvolle Riviera-Metropole zur Hochburg des Jihadismus wurde. Die arabischstämmige Bevölkerung ist überwiegend tunesisch hier. Beim Arabischen Frühling waren die tunesischen Gefängnisse die ersten, aus denen radikale Prediger und potenzielle Jihadisten freigelassen wurden.

Die Armut ist entscheidend

Eine Schlüsselrolle in Nizza hat ausserdem Omar Diaby gespielt, Omar Omsen nennt er sich selbst. Im Senegal geboren, wuchs er in Nizza auf und kam dort früh mit der dortigen Mafia in Kontakt. In den 1990er-Jahren wurde er wegen versuchten Mordes inhaftiert. Bei späteren Knastaufenthalten entdeckte er den fundamentalistischen Islam und wurde zum salafistischen Prediger. 2013 ging er in den Bürgerkrieg nach Syrien und schloss sich der Al-Nusra-Front an. Wie kaum ein anderer machte er Internetpropaganda militärisch nutzbar. Seine Rekrutierungsvideos sind mit 800'000 Klicks die Blockbuster des Netzes. Mehr als 100 Jugendliche aus Frankreich folgten ihm nach Syrien. Man hatte ihn tot geglaubt, aber ein aktuelles Fernsehinterview belegt das Gegenteil. «Die Geschichte vom ‹einsamen Wolf› ist meist ein Alibi, hinter dem Politiker ihre Untätigkeit verstecken», sagt Difraoui.

Deutsche mögen bei Nizza an den Luxus der Côte d’Azur denken, an das legendäre Hotel Negresco, aber das ist nur die eine Seite der Medaille. In den letzten Jahrzehnten sind auch dort wie in anderen Teilen Frankreichs triste Vorstädte gewachsen. Einige Bezirke hier gehören zu den ärmsten Frankreichs. Und wohl nirgends im Land ist der Abstand zu den Reichsten und Allerreichsten der ganzen Welt so sichtbar wie an der blauen Küste: «Für den Schritt zur Gewalt ist unter anderem das relative Armutsempfinden entscheidend», erklärt Difraoui, «der Vergleich mit den anderen und das Gefühl, dass eigene Hoffnungen auf ein besseres Leben immer wieder enttäuscht werden.»

Totes Wildschwein vor der Tür

Ob Psychopath, terroristischer Trittbrettfahrer, echter Jihadist, die Grenze ist fliessend geworden, das Psychogramm der Täter angesiedelt irgendwo zwischen Mohamed Atta und Andy Warhol. Sicher ist nur, dass auch der Ausnahmezustand, den Präsident François Hollande um weitere drei Monate verlängert hat, das Massaker nicht hat verhindern können. Genauso wenig hat die Tatsache geholfen, dass Nizza die Stadt in Frankreich mit den meisten Überwachungskameras ist und diejenige mit den meisten Polizisten pro Einwohner.

Sicher ist auch, dass jedes weitere Attentat dazu beiträgt, die französische Gesellschaft zu spalten. Vor einem «Krieg der Zivilisationen» warnt der Islamismusexperte Gilles Kepel. Der Chef des französischen Inlandsgeheimdienstes, Patrick Calvar, prophezeit die «Radikalisierung der Gesellschaft» und warnt von einer «Konfrontation zwischen rechtsextremen Kräften und der muslimischen Welt», nicht der islamistischen, fügt er hinzu, «ich sage bewusst der muslimischen Welt».

«Wir sind doppelte Opfer», sagt Otmane Aissaoui, Imam der Mosquée Rahna, der grössten Moschee von Nizza, «Opfer des Terrors und Opfer von Vorurteilen». Vor einem Monat war ein Wildschweinkadaver vor die Tür einer anderen Moschee in Nizza gelegt worden. Es sind die traurigen Zeichen eines Stimmungswechsels.

Die Rasse?

Man muss sich in der schönen Stadt nicht extra auf die Suche nach antiarabischen Ressentiments begeben, sie begegnen einem an jeder Strassenecke. Eine Frau blickt abfällig auf zwei schwarz verschleierte, arabische Touristinnen und sagt: «Sollen sie doch bleiben, wo sie herkommen.» In Saint-Laurent-du-Var, einem Vorort von Nizza, wo Lahouaiej Bouhlel den Kühllaster geliehen hat, sagte der Bürgermeister nach einer Gedenkminute für die Opfer: «Schmeisst sie doch endlich alle raus, die Radikalisierten. Sie haben hier nichts verloren!»

Und vor dem Zeitungskiosk in der Rue de la Buffa steht frühmorgens um sieben Guy (81) in Algerien geboren, als pied-noir, als weisser Siedler in Nordafrika, und erteilt Lektionen in Sachen Islam: «Das ist nicht nur einer, der verdorben ist, das ist die ganze Rasse.» Die Rasse? Das Gespräch beendet er schnell: Intolerant sei der Islam, «eine Scheissreligion, die keine anderen neben sich zulässt».

Wie Guy haben sich in Nizza und Umgebung viele der alten französischen Kolonisten angesiedelt, die in den 60er-Jahren vor der Unabhängigkeitsbewegung in Algerien fliehen mussten. Sie wurden zur wichtigen Basis der Rechten – und zum Reservoir antiarabischer Ressentiments. Der rechtspopulistische Front National ist hier besonders stark. Marion Maréchal-Le Pen, die Nichte von Parteichefin Marine, unterlag nur ganz knapp den Konservativen bei den letzten Regionalwahlen.

Das erste Todesopfer von Lahouaiej Bouhlel war übrigens Fatima Charrihi, 62 Jahre, alt, sieben Kinder, sieben Enkelkinder. Sie war Französin und gläubige Muslimin. Sie trug einen schwarzen Jilbab, als sie vom Laster erfasst wurde.

Erstellt: 16.07.2016, 17:24 Uhr

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