Was darfs sein: Geld, Pass, ein besseres Leben?

Sieht die EU in zwei Wochen ganz anders aus? Nigel Farage kämpft dafür, David Cameron dagegen. Wer die gestrige TV-Debatte für sich entscheiden konnte.

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Der eine wollte seinen Landsleuten die EU verkaufen. Der andere verlangte einen neuen Pass. In der zweiten Runde der «Fernseh-Debatte» vor dem britischen EU-Referendum am 23. Juni marschierte am Dienstagabend Premierminister David Cameron fürs Pro-EU-Lager auf und der Vorsitzende der Unabhängigkeits-Partei Ukip, Nigel Farage, für die EU-Verächter. Und jeder wollte der bessere Brite, der beste Patriot von allen sein.

Umfrage

Soll Grossbritannien in der EU verbleiben?

Ja

 
38.7%

Nein

 
49.0%

Ist mir egal / Ich weiss nicht

 
12.3%

2933 Stimmen


Nicht dass die beiden Politiker im Wortsinn aufeinander trafen. Dem gleichen Publikum stellten sie sich zwar, beim Sender ITV. Aber einer hübsch nach dem andern. Getrennt durch einen Werbespot und ein paar Minuten Szenenwechsel. Cameron weigert sich, Brexit direkt mit irgendwelchen Kontrahenten zu diskutieren. Zum einen, behauptet er, wolle er sich nicht mit Parteifreunden in die Haare geraten. Zum anderen sieht er nicht ein, warum er Nigel Farage «aufwerten» soll.

Farage sagte der Nation seine Meinung

Farage soll schön der Aussenseiter bleiben, der er im Blick der etablierten Parteien ist. Und wesentlich weniger glatt als Cameron, ganz seiner Rolle entsprechend, agierte Farage. Pikiert, ungeduldig, aufsässig wie der Rebell, der er sein will, sagte er dem Studio-Publikum und der Nation seine Meinung. Scharf ging er mit Juncker, mit Merkel, mit der ganzen «Elite» ins Gericht.

Den Erzbischof von Canterbury, der ihm wenige Stunden zuvor rassistische Äusserungen vorgeworfen hatte, wagte er zwar nicht direkt anzugreifen. Aber zwei Fragestellerinnen, die ihn ähnlich beschuldigten, wies er schroff zurecht mit den Worten, man wolle ihn offenbar mal wieder «dämonisieren». Dabei sage er ja nur, was jeder wisse im Land.

Weitergehende Provokationen sparte sich der Führer der Rechtspopulisten an diesem Abend. Er erklärte weder, dass HIV-infizierte Ausländer die Betten in britischen Krankenhäusern besetzt hielten, noch, dass Leute zu Recht beunruhigt wären, «wenn nebenan Rumänen einziehen» – wie er sonst manchmal klagt.

Nur nicht Teil dieses schrecklichen Clubs

Nur eben dass Bürger aus anderen EU-Staaten «unseren Arbeitsmarkt überfluten» und dass der Lebensstandard ständig sinke: Das wollte er gern in aller Deutlichkeit gesagt haben. Irgendwann zog er dann seinen burgerroten EU-Pass aus dem Jackett und verlangte die Rückkehr zum schwarzen, britischen Pass der Vergangenheit. Er wolle ja gern «ein guter europäischer Nachbar» sein, versicherte Nigel. Nur halt nicht Teil dieses schrecklichen Clubs.

Der Premier, den man als gewandten politischen Handelsvertreter kennt (und der mal PR-Chef eines anderen kommerziellen TV-Senders war), war sich immerhin in einem mit seinem Vorredner einig. Auch er fand die EU und die EU-Partner überwiegend «frustrierend». Und das EU-Parlament? Habe er «ehrlich gesagt nicht besonders gern».

Camerons Problem ist, dass er nie sehr freundliche Worte gefunden hat für die Welt jenseits der britischen Küsten. Nun sucht er den Briten einzuhämmern, dass es ohne EU nicht mehr geht. Nur als EU-Mitglied könne man EU-Politik beeinflussen und dem eigenen Land Wohlstand sichern, erklärte er am Dienstag immer wieder. Es mache keinen Sinn, dass man machtlos draussen stehe und sich «die Nase plattdrücke» am Fenster zur Union.

Mit Farages «Little England» habe seine eigene Vision nichts zu tun, verkündete Cameron nachdrücklich. Er wolle, dass «Great Britain» gross bleibe, indem es am EU-Tisch sitze bei den anderen Grossen. Dass Wirtschaftswachstum so wenig bedeute für Farage, könne er, Cameron, absolut nicht verstehen: «So wild ist der Mann drauf, dass wir austreten aus der EU!»

Ein Kopf-an-Kopf-Rennen beider Lager

In der Tat hatte Farage bekannt, dass es für ihn wichtigere Dinge als Geld gebe – nämlich die Notwendigkeit, eine als bedrohlich empfundene Zuwanderung unter Kontrolle zu bringen. Diese Ansicht teilt, wie man aus Umfragen weiss, der Ukip-Chef mit vielen seiner Landsleute. Genau diese Gefühlslage hat wohl auch damit zu tun, dass es ein Kopf-an-Kopf-Rennen beider Lager gibt.

Im Grunde endete so auch die TV-Partie am Dienstagabend mit einem Unentschieden – was für die Unentschiedenen keine Hilfe war. Farage wurde seiner Aggression nicht vollkommen Herr, aber Cameron wusste letztlich in Sachen Migration nicht viel zu sagen. Migration ist des Premierministers Achillesferse in diesem Kampf.

Für besonders überzeugend (oder auch nur glaubwürdig) halten etliche ihrer Landsleute offenbar keinen der beiden Politiker. Eher wurden schon bestehende Überzeugungen bestätigt als neue Einsichten geschaffen. Das bange Warten auf den 23. Juni geht weiter – mit noch mehr Worten, Fernsehauftritten, weiterem Streit.

Erstellt: 08.06.2016, 07:36 Uhr

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