Der Tag, an dem sein Bruder starb

Piet Ploeg verlor einen Teil seiner Familie, als der Flug MH17 über der Ukraine abgeschossen wurde. Wie geht er damit um?

Übrig blieben nur Wrackteile: An dieser Stelle in der Nähe von Grabowo, Ukraine, starben am 17. Juli 2014 fast 300 Menschen. Foto: Keystone

Übrig blieben nur Wrackteile: An dieser Stelle in der Nähe von Grabowo, Ukraine, starben am 17. Juli 2014 fast 300 Menschen. Foto: Keystone

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Am Tag, als er seinen Bruder verlor, seine Schwägerin und seinen Neffen, trank Piet Ploeg eine halbe Flasche Whisky. «Es war ein guter Whisky», sagt er, dann lacht er. Es ist kein makaberes Lachen, eher ein Überspielen, ein Schutz, nur kein Selbstmitleid. Der gute Whisky trieb ihn in eine Betäubung und endlich in den Schlaf. Es war drei Uhr in der Nacht. Am späten Nachmittag hatte Ploeg noch entspannt mit Freunden bei einem Glas Wein gesessen, auf einer Terrasse am sanften Ufer der Vecht. Das niederländische Maarssen ist ein Städtchen bei Utrecht, und es war ein warmer Sommertag. «Man kann hier gut leben», sagt Ploeg. Doch zwischen Wein und Whisky schob sich die Hölle.

Wie das so ist, selbst auf der idyllischen Sommerterrasse, man sitzt gut gelaunt da, und einer schaut mal kurz auf sein Handy. Er sagte, ein Flugzeug sei abgestürzt. Ploeg fragte, was für ein Flugzeug? «Ich wusste ja, dass mein Bruder gerade in einer Maschine sass», sagt Ploeg. «Ich war gleich ein bisschen beunruhigt.» Der Kollege sagte, von Amsterdam nach Kuala Lumpur. Ploegs Bruder Alex war Biologe, Spezialgebiet: tropische Fische. Er war oft in Südostasien, er wollte seiner Frau und ihrem Sohn zeigen, wohin er so häufig fährt. Sie wollten auch Bali sehen. Piet Ploeg ahnte gleich, dass sie tot sein mussten.

298 Menschen starben

Er fuhr zu seinen Nichten, die ganz in der Nähe wohnten, in der Stadt. Er suchte die Fluginfos von der Ferienreise. Auf dem Computer des Bruders mussten sie sein. Eine Tochter kannte das Passwort. Ploeg sah es an den Gesichtern seiner beiden Nichten, dass sie nun wussten, dass ihre Eltern und ihr Bruder tot waren. «Nie werde ich diese Gesichter vergessen», sagt Ploeg. So war das am 17. Juli 2014, als ein Raketenschlag im fernen Ukrainekonflikt die Familie Ploeg in Maarssen traf. 298 Menschen starben bei dem Abschuss, die meisten waren Niederländer. Fünf Jahre liegt dieser Tag jetzt zurück. Die Niederlande riefen Staatstrauer aus. Ploeg sagt: «Mein Leben hat sich verändert seitdem.»

Piet Ploeg ist Vorsitzender der Stiftung Flugzeugunglück MH17. Foto: nien

An jenem Tag hatte Piet Ploeg keine Zeit für seinen eigenen Schmerz. Er musste sich um die Töchter seines Bruders kümmern, die nicht mit den Eltern mitgeflogen waren Richtung Malaysia. «Ich glaube, sie hatten anderes zu tun. In dem Alter macht man seine eigenen Sachen», sagt Ploeg. Jetzt hatten sie keine Eltern mehr. Die jüngere war gerade noch 17, ihre Schwester 24, und er musste seinen eigenen Eltern Bescheid sagen, die im Spital waren, sein Vater krank, die Mutter mit einem gebrochenen Bein. Sie sassen gerade vor dem Fernseher, sahen das Wrack, überall liefen die Bilder. «Sie wussten, dass ein Flugzeug abgeschossen wurde», sagt Ploeg, «aber sie wussten noch nicht, dass es das Flugzeug ihres Sohnes war.»

Der Kampf für «Gerechtigkeit»

Und dann erzählt Piet Ploeg von dieser Gedankenwelt, in der man nur damit beschäftigt ist, sich zu kümmern. Man denke erst mal nicht an sich. Jetzt aber denkt er auch an sich, und an all die anderen Angehörigen der Opfer, die in der Maschine waren, die etwa 10'000 Meter hoch über dem Konfliktgebiet im Osten der Ukraine abgeschossen wurde. Vermutlich, weil sie für ein Militärflugzeug der ukrainischen Armee gehaltenwurde.

Ploeg ist Vorsitzender der Stiftung Flugzeugunglück MH17, seine Arbeit als Finanzmanager bei der niederländischen Staatsanwaltschaft hat er deswegen aufgegeben. Er kümmert sich um die Erinnerung, um die Gedenkstätte in der Nähe des Amsterdamer Flughafens, er organisiert psychologische Hilfe, rechtlichen Beistand, er plant den fünften Jahrestag am Mittwoch. 1500 Gäste werden kommen, aus Australien, Indonesien, Belgien, Grossbritannien, Malaysia, der Schweiz. Ministerpräsident Mark Rutte wird eine Rede halten, die Namen der fast 300 Opfer werden vorgelesen. Wenn alle wieder fort sind, macht Ploeg weiter. Er kämpft um Aufklärung des komplizierten Falls, «um Gerechtigkeit», wie er sagt. Ein mühevolles Vorhaben.

Er kümmert sich um die Erinnerung, um die Gedenkstätte, er sorgt für rechtlichen Beistand und für
psychologische Hilfe.

Beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte hat er zusammen mit mehr als 300 Angehörigen der Absturzopfer Klage eingereicht gegen das Land Russland. Moskau weist jegliche Verantwortung für den Abschuss des Passagierflugzeugs von sich. Und Ploeg weiss, dass sich daran wohl nichts ändern wird. «Ich glaube nicht, dass sich Russland entschuldigen wird. Das werden sie nie machen.» Aber er sagt, die Klage sei das Einzige, was die Familien der Opfer selbst tun können. Bei der kriminalistischen Untersuchung der internationalen Ermittler spielen sie keine Rolle, auf die politischen Fragen haben sie sowieso keinen Einfluss, «wir stehen immer am Rand», sagt Ploeg.

Sein Name steht jetzt auf einem Klageantrag, Zeile 84, Ploeg, Piet, Mr., dahinter das Geburtsdatum. Direkt darunter sein Vater Frederik, auch Mirjam und Sandra Elisa Ploeg stehen auf der Liste, die beiden Nichten, für die Piet Ploeg zu einer Art Ersatzvater geworden ist. «Jetzt sind wir Partei in einem zivilen Fall», sagt er. «Eines Tages müssen wir auch die Rolle der Ukraine diskutieren, sie war für die Sicherheit des Luftraums verantwortlich, sie hätte den Luftraum sperren müssen, das haben sie nicht getan», sagt Ploeg. Das sei eine grosse Verantwortung. «Wir wollen erst mal wissen: Wer hat das Flugzeug abgeschossen? Wer ist verantwortlich?»

Erste Schuldige benannt

Sein Land, die niederländische Regierung, und Australien, aus dem ebenfalls viele der Opfer stammen, haben vor einem Jahr Russland verantwortlich gemacht. Am 19. Juni präsentierte ein internationales Ermittlerteam die Namen von drei Russen und einem Ukrainer, die sie beschuldigen, hauptverantwortlich dafür zu sein, dass die Buk-Rakete aus Russland in die Ostukraine gebracht wurde. Im kommenden März soll der Prozess beginnen, aber das machten die Staatsanwälte auch deutlich: dass sie sich kaum Hoffnung machen, die des Mordes Angeklagten in einem Gerichtssaal zu sehen.

Hinterbliebene trauern um die Opfer des Abschusses vor fünf Jahren. Ihnen könnten die ersten Anklagen weiterhelfen, sagt der Angehörige Piet Ploeg. Foto: Keystone

Piet Ploeg könnten diese ersten Anklagen trotzdem weiterhelfen. Sie könnten helfen, dass das Klagegesuch der Angehörigen vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte überhaupt angenommen wird. «Das ist sehr wichtig für uns», sagt er. Er weiss, dass es noch viele Jahre dauern dürfte, bis ein solcher Prozess endet, sollte er überhaupt beginnen, und selbst dann: «Ich glaube nicht, dass jemals irgendein Igor oder sonst wer vor Gericht erscheint, einzelne Personen jemals bestraft werden», sagt Ploeg. Trotzdem, «ich mache das gern», sagt er, «es ist wichtig, dass die Interessen der Opfer vertreten werden», und «dass die Welt weiss, wer verantwortlich ist». Und er hat nun auch mehr Zeit. Seine drei eigenen Kinder sind erwachsen, nur sein Sohn, der studiert, wohnt zu Hause.

Ploeg hatte sich für den Konflikt im Osten der Ukraine nie sehr interessiert. Er war Teil des Nachrichtenstroms. Er nahm ihn zur Kenntnis, das ja. Aber es war für ihn etwas, das eben in der Welt so passierte, wie Anschläge in Afghanistan, Konflikte in Syrien, Libanon, Jemen. «Jetzt ist das anders, wir sind ein Teil dieses Konflikts. Ich will jetzt alles wissen, alles, was mit MH17 zu tun hat. Jeden Tag.»

Gerechtigkeit ist ein grosses Wort. Und dass dieser Fall ihn so umtreibt, mehr als wenn die Maschine wegen schlechten Wetters abgestürzt wäre, hat auch mit anderen Dingen zu tun. Fehlbare Piloten, Vogelflug, ein technischer Defekt, das kann Ploeg bei allem Drama irgendwie akzeptieren. Ein Unfall könne passieren, sagt er, «aber ein Flugzeug abzuschiessen, ist ein Akt der Gewalt. Das kann man nicht akzeptieren.» Ploeg sucht nach Worten, «das ist Mord, ich weiss nicht, wie ich es sagen soll. Ein Unfall ist wirklich etwas anderes.»

Piet Ploeg sitzt in seiner Reihenhauswohnung am Esstisch, es ist ein geräumiges Haus, alles ist hell. Der Wintergarten, die weisse Wohnzimmercouch, die Sessel, die Stühle, Ploeg trägt einen beigen Leinenanzug, weisses Hemd, darunter ein weisses Shirt. Er ist gross, trägt einen Schnauzbart, er wirkt wie ein stolzer Aristokrat. Aber die Sache hat ihn umgeworfen. Ploeg ist jetzt 60 Jahre alt, damals war er irgendwann ausgebrannt, Burn-out. Als er sich erholt hatte, klappte seine Frau zusammen. «Das alles war sehr heftig für uns.»

Aber alles ist besser als diese Tragödien nach der Tragödie, die es gegeben hat bei anderen Familien: Depressionen, Streit um ausgeschüttetes Geld von Malaysia Airlines, Scheidungen und Kämpfe mit Arbeitgebern, die wenig Verständnis hatten für die Probleme betroffener Angestellter und sagten, das sei doch jetzt schon Wochen her. Ploeg hat viel mitbekommen als Vorsitzender der MH17-Stiftung. Und natürlich ist er auch immer noch mit sich selbst beschäftigt. Sein Bruder ist eines von zwei Opfern, von denen nichts gefunden wurde, kein winziger Knochensplitter, keine DNA. Das Forensik-Institut versucht nun, mit neuen Techniken doch noch etwas zu identifizieren. «Selbst wenn sie was finden, es ändert nicht viel», sagt Ploeg. «Ich weiss, dass er tot ist. Niemand kann einen solchen Absturz überleben.»

Erstellt: 14.07.2019, 20:28 Uhr

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