Was macht junge Menschen so verführbar für Extremismus?

In den vergangenen Monaten gab es bereits mehrfach islamistische Anschläge von Jugendlichen. In Deutschland scheint sich ein lang befürchtetes Szenario zu bewahrheiten.

Der IS hat ein Video veröffentlicht, das den Angreifer von Würzburg zeigen soll. (Twitter/Azz Dine)

Der IS hat ein Video veröffentlicht, das den Angreifer von Würzburg zeigen soll. (Twitter/Azz Dine)

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Mit dem 17-jährigen Attentäter von Würzburg gerät eine besondere Problemgruppe unter den Schutzsuchenden ins Blickfeld. Riaz A. war Afghane, und seine Landsleute stellen seit Jahren die grösste Gruppe der insgesamt etwa 70'000 unbegleiteten Minderjährigen in Deutschland.

Nach den jüngsten Zahlen kamen im ersten Quartal dieses Jahres alleine 43 Prozent (3652 Personen in absoluten Zahlen) dieser besonders schutzbedürftigen Flüchtlinge aus dem umkämpften Staat am Hindukusch. Weitere wichtige Herkunftsstaaten sind Syrien (761), der Irak, aber auch Somalia, Gambia und Eritrea. Zum Vergleich: 2008 gab es im gesamten Jahr nur 1099 Inobhutnahmen solcher jungen Flüchtlinge, seither zieht es mehr und mehr dieser Zuwanderer nach Deutschland.

Den Verfassungsschutzbehörden machen besonders die vielen Flüchtlinge und Migranten Sorgen, die im vergangenen Jahr ohne Sicherheitsüberprüfungen einreisen konnten. Obendrein beobachten die Beamten immer wieder, dass sich Islamisten gezielt um Flüchtlinge kümmern und diese für ihre Ideologie gewinnen wollen. Nach Angaben von Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maassen werben sie insbesondere gezielt um Minderjährige.

Besonders verführbare Gruppe

In den vergangenen Monaten hat es bereits mehrfach Anschläge von Jugendlichen gegeben, die als islamistisch eingestuft werden. Im Frühjahr stach eine 15-Jährige in Hannover einem Bundespolizisten mit einem Messer in den Hals. Im April zündeten 16-Jährige vor einem Sikh-Tempel in Essen einen Sprengsatz und verletzten mehrere Menschen schwer. In Würzburg liegt nun der dritte Fall vor – im Übrigen der erste, den die Terrororganisation Islamischer Staat für sich hierzulande reklamiert, weil sich der mutmassliche Attentäter in einem Video zu ihr bekannte.

Damit scheint sich in Deutschland ein Szenario zu bewahrheiten, das Sicherheitsexperten seit Langem befürchten, weil der IS im Internet zu sogenannten Do-it-yourself-Anschlägen aufruft. So heisst es im Verfassungsschutzbericht 2015: «Unverhohlener als andere global-dschihadistische Organisationen fordert der IS dazu auf, den Jihad durch Terroranschläge mit möglichst einfach zu beschaffenden Tatmitteln und willkürlich ausgewählten sogenannten weichen Zielen in die Mitte der westlichen Gesellschaften zu tragen.»

Indes sorgt sich Tobias Klaus vom Bundesfachverband Minderjährige Unbegleitete Flüchtlinge nach dem Axt-Angriff um den Ruf seiner oft von schweren Schicksalen belasteten Schützlinge: «Wir können nur davor warnen, jetzt die unbegleiteten Minderjährigen als Gruppe unter Terrorverdacht zu stellen. Die Antwort sollte vielmehr sein, unsere guten Betreuungsstandards wieder voll anzuwenden und nicht abzubauen, wie es etwa das Bundesland Bayern im Bund vorantreibt.» Die beste Prävention sei «gute Betreuung mit gut ausgebildeten Sozialarbeitern und Psychologen in kleinen Gruppen, die gefährliche Entwicklungen bei den Jugendlichen wahrnehmen und abmildern können», sagte Klaus der «Welt». Je grösser die Gruppe, desto weniger bekomme man mit, «wenn etwas mit dem Zimmernachbarn oder dem Klienten nicht stimmt».

Rund-um-die-Uhr-Betreuung nicht mehr möglich

Für den Psychiater Franz Joseph Freisleder, der sich täglich mit unbegleiteten Minderjährigen in psychischen Ausnahmesituationen befasst, machen Vereinsamung und das Gefühl der Vernachlässigung in einem schwierigen sozialen Umfeld die Jugendlichen leichter verführbar – auch für Islamisten. «Es ist durchaus vorstellbar, dass, wer selbst massive Gewalt erlebt hat oder sich durch sie bedroht fühlte, in subjektiven Überforderungssituationen eher auf solche Modelle zurückgreift», sagte der Münchner Kinder- und Jugendpsychiater.

Nach groben Schätzungen benötigen laut Sozialministerium zehn bis 15 Prozent der unbegleiteten Minderjährigen eine intensivere Betreuung mit der Möglichkeit ergänzender ambulanter Therapieangebote. Nur ein sehr kleiner Teil – weniger als fünf Prozent – benötige die Unterbringung in einer therapeutischen Jugendhilfeeinrichtung.

Grundsätzlich werden die unbegleiteten Minderjährigen von den Jugendämtern in Obhut genommen, in kleinen Wohngruppen untergebracht und betreut – ein System, das ursprünglich für Minderjährige mit Drogenproblemen, Gewalterfahrung oder Erfahrung anderer Formen familiärer Verwahrlosung geschaffen wurde. Und das den vielen neuen Klienten aus dem Ausland nicht gewachsen ist – schon lange ist die Rund-um-die-Uhr-Betreuung durch Sozialarbeiter nicht mehr überall möglich.

Unterbringung kostet bis zu 60'000 Euro

Auch weil die Unterbringung in einer solchen Einrichtung je nach Bundesland jährlich mit 40'000 bis 60'000 Euro zu Buche schlägt – ohne Ausgaben für Verwaltung, Bildung oder öffentliche Verkehrsmittel –, würden zum Beispiel der Städte- und Gemeindebund sowie die CSU die Versorgung gerne aus dem normalen Kinder- und Jugendrecht herausnehmen.

Bisher scheiterte dies jedoch an Einwänden vor allem aus der SPD. Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) sagte am Dienstag nach der Bund-Länder-Konferenz zu Demokratieförderung und Radikalisierungsprävention: «Ich bin aber heilfroh, dass ich dem politischen Druck standgehalten habe, die minderjährigen unbegleiteten Flüchtlinge aus dem System der Jugendhilfe herauszunehmen.» Sie hoffe, dass die Debatte um eine Absenkung der Standards jetzt ein Ende habe, sagte die Ministerin. «Wir dürfen Minderjährige in unserem Land nicht sich selbst überlassen.»

Dennoch soll Papieren einer Arbeitsgruppe der Koalition zufolge nach der Sommerpause eine Reform der Jugendhilfe und des Sozialgesetzbuches VIII in Angriff genommen werden, was möglicherweise auf grössere Gruppen in den Einrichtungen und damit eine Absenkung der Standards hinausliefe. Letztlich wird es dabei vor allem auf die Unterscheidung ankommen zwischen denen, die intensiver betreut werden müssen, und jenen, die auch mit weniger Zuwendung auskommen.

Schwache Kinder oder junge Männer?

Viele Unbegleitete haben schlimme Schicksale hinter sich und sind traumatisiert, aber wer – wie dies zuweilen in Medienberichten geschieht – sich diese Flüchtlinge als schwache Kinder vorstellt, verkennt das Phänomen. Meist handelt es sich um junge Männer, die sich der Volljährigkeit nähern.

So waren im ersten Quartal dieses Jahres 71 Prozent der unbegleiteten Asylantragssteller bereits 16 Jahre alt. So zumindest die offiziellen Angaben, denn die meisten haben keine Ausweise dabei, ihr Alter wird dann von Sozialpädagogen und Psychologen geschätzt. Verlässlichere Methoden der Altersfeststellung werden nicht immer angewandt, dazu zählen die ärztliche Begutachtung der körperlichen Reife und radiologische Untersuchungen. Im Zweifel ist dann aber rechtlich von der Minderjährigkeit des Unbegleiteten auszugehen. Wie viele in Wahrheit volljährige Migranten diese Praxis ausnutzen, wird naturgemäss nicht erhoben.

Erstellt: 20.07.2016, 13:26 Uhr

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