«Haftstrafen sind in der Türkei eine Form von Journalistenpreisen»

Die Türkei sperrte Deniz Yücel ein Jahr ein, um ausländische Medien einzuschüchtern. Bei ihm persönlich gelang das nicht.

«Das Buch zu schreiben, war eine Form von Selbsttherapie», sagt der Journalist Deniz Yücel. Foto: Urban Zintel Bildlegende folgt. Foto:

«Das Buch zu schreiben, war eine Form von Selbsttherapie», sagt der Journalist Deniz Yücel. Foto: Urban Zintel Bildlegende folgt. Foto:

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie waren ein Jahr lang in der Türkei unter strengsten Bedingungen inhaftiert. Was macht das mit einem?
Das war eine sehr schwierige Zeit, weil ich neben den harten Haftbedingungen ständigen Anfeindungen vonseiten der türkischen Regierung ausgesetzt war. Solange ich im Gefängnis sass, habe ich intuitiv Gefühle wie Angst und Niedergeschlagenheit verdrängt. Aber was man verdrängt, ist ja nicht weg. Es kam hoch, als ich begann, das Buch zu schreiben.

Die Hafterfahrung beschäftigt Sie bis heute? Tag und Nacht?
Das Buch zu schreiben, daraus zu lesen und darüber zu reden, ist eine Form von Selbsttherapie. Danach möchte ich eine neue Seite in meinem Leben aufschlagen. Aber ich bitte um Verständnis, dass ich über bestimmte Dinge nicht öffentlich reden möchte. Diese Erfahrung gehört zu meiner Privatsphäre, die mir in diesem Jahr im Gefängnis gänzlich genommen wurde. Alles, was ich sprach und schrieb, wurde damals mitgehört und mitgelesen.

Wie wütend sind Sie heute noch?
Auch das ist ein Gefühl, das ich verdrängt habe. Wut ist kein guter Berater. Ich bin nicht auf Rache aus, aber ich hoffe, dass die Gangsterclique, die in der Türkei gegenwärtig an der Macht ist, eines Tages zur Rechenschaft gezogen wird und dass dies auf eine rechtsstaatliche Weise passiert. Nicht wie die Verfahren gegen die Gülen-Anhänger, die ja mal Erdogans Komplizen waren. Gerechtigkeit muss für alle gelten.

Mir half die Gewissheit: Ich bin hier, weil ich meine Arbeit als Journalist gemacht habe – und dies offenbar nicht so schlecht.Journalist Deniz Yücel

Eine monatelange Isolation in der Haft ist schwer auszuhalten. Was war Ihre Überlebensstrategie?
Ich war nicht in der denkbar schlimmsten Weise isoliert. Ich konnte mich mit den Mitgefangenen in den Nachbarzellen brüllend unterhalten und hatte einmal pro Woche Besuch von meiner Frau Dilek. Sehr geholfen hat mir in der Haft auch die grosse Anteilnahme von Freunden, Kolleginnen, der Politik, auch von vielen Menschen, die ich nicht kenne.

Sie wurden vom Wachpersonal zeitweilig bedroht und gedemütigt – Sie erlebten dies als Folter.
Ja, das war ein Trupp von sechs Leuten, der mich während dreier Tage einzuschüchtern und zu demütigen versuchte, wohl mit dem Ziel, mich zu Reaktionen zu provozieren. Es begann auf Kommando und endete auf Kommando. Ich bin dieser Einschüchterung möglichst rational begegnet und habe Angst und Gegenreaktionen vermieden. Daneben erlebte ich aber auch ganz anderes: Ein Bewacher sagte mir unter vier Augen, dass er sich für sein Land schäme, wenn er Leute wie mich in der Haft sehe.

Wie reagiert man auf Demütigungen, ohne daran zu zerbrechen?
Im Verhältnis zu dem, was andere in der Haft erlebt haben, hielten sich meine Erlebnisse im Rahmen. Mir half die Gewissheit: Ich bin hier, weil ich meine Arbeit als Journalist gemacht habe – und dies offenbar nicht so schlecht. Haftstrafen sind in der heutigen Türkei eine Form von Journalistenpreisen. Wenn man weiss, dass man im Gefängnis sitzt, weil man den Job gemacht hat und die Situation als Auszeichnung versteht – dann ist der Kampf einfacher zu gewinnen, sich nicht brechen zu lassen. Man muss cool und rational bleiben und den Gegner analysieren. Der aggressive Bewachertrupp war nicht wichtig. Diese Typen hätten mir auf Befehl von oben auch Baklava auf dem Silbertablett in die Zelle gebracht.

Sie trafen in Haft einen kurdischen Gefangenen, der seit Jahren sitzt, früher auch gefoltert wurde und trotzdem seinen Humor nicht verloren hat. Wie schafft man das?
Autoritäre Regime haben auch immer etwas unfreiwillig Komisches. Und was man nicht ändern kann, das kann man wenigstens auslachen. Ich bekam zum Beispiel die Briefe mit Gedichten meiner Frau Dilek stets mit einem Stempel der Brieflesekommission mittendrauf. Ich habe dann ein Glas umgestülpt, einen Kreis neben dem Gedicht gezeichnet und die Kommission gebeten, sie solle bitte am Rand stempeln.

Man kannte mich, weil ich kritische Fragen gestellt hatte, danach geriet ich in ein Ermittlungsverfahren, in dem es um die geleakten E-Mails von Erdogans Schwiegersohn ging. Journalist Deniz Yücel

Inzwischen hat das türkische Verfassungsgericht Ihre Untersuchungshaft als illegal beurteilt. Wie erklären Sie sich dieses und andere erstaunliche Urteile türkischer Gerichtein der jüngsten Zeit?
Ich bin seit eineinhalb Jahren nicht mehr in der Türkei und kann das deshalb nur aus der Ferne beurteilen. Ich glaube aber: Die Macht des Regimes ist tatsächlich am Bröckeln. Macht beruht ja stets auf der Angst der Leute. Nach dem Putschversuch und dem Ausnahmezustand hat Erdogan ein Angstregime geschaffen, das auch die staatlichen Institutionen umfasste. Die Gerichte, die Polizei, die Schulen – überall wurden Leute verhaftet und entlassen. Ein Viertel aller türkischen Staatsanwälte und Richter verlor die Arbeit, die Hälfte davon kam ins Gefängnis. Selbst die oberste Gerichtsbarkeit wurde der Kontrolle des Regimes unterworfen. Nach dem Sieg der Opposition bei den Bürgermeisterwahlen in Istanbul hat dieses Angstregime nun etwas nachgelassen.

Wie erklären Sie sich das?
Das türkische Regime hatte bei meiner Verhaftung ein politisches Interesse an einem Konflikt mit Deutschland. Damals wollte man diesen Konflikt, um im Vorfeld des Verfassungsreferendums eine Krise herbeizuführen, um damit Wahlkampf zu machen: Wenn das Ausland gegen die Verfassungsreform war, dann musste sie für die Türkei etwas Gutes sein. Zwei Jahre später ist die Situation eine ganz andere. Jetzt will man keinen Konflikt mit den EU-Staaten. Auch mit Deutschland soll sich das Verhältnis entspannen, um Investoren anzulocken.

Wie politisch ist die türkische Justiz heute?
Die Politik hat die Leine etwas gelockert, und da hat das Verfassungsgericht die Gelegenheit genutzt, um in meinem Fall ein gutes Urteil auszusprechen. Sie hätten ja auch aus rein formalen Gründen meine Verurteilung für unrechtmässig erklären können, weil die Vorwürfe, die meiner Verhaftung zugrunde lagen – Terrorpropaganda, Volksverhetzung – laut türkischer Strafprozessordnung keine Untersuchungshaft vorsehen. Sie haben aber ein inhaltlich wirklich gutes Urteil im Sinne der Pressefreiheit getroffen.

Wie stark spielt die Wirtschaftskrise in der Türkei eine Rolle?
Eine ganz wichtige Rolle. Deswegen wollten sie in meinem Fall die Sache beenden. Ich vermute, dass die Regierung dem Verfassungsgericht signalisiert hat, dass man die Sache nicht weiter in die Länge ziehen will.

Der Haftgrund in Ihrem Fall war das Interview mit einem PKK-Kommandanten im Nordirak. Dabei waren Sie stets sehr kritisch gegenüber dieser kurdischen Befreiungsorganisation.
Ja, natürlich. Das Interview war auch nicht der Haftgrund, es war der Haftvorwand. Die haben mich erst festgenommen und dann nach den Gründen gesucht – das Interview war zu diesem Zeitpunkt anderthalb Jahre alt. Wenn ich es nicht geführt hätte, hätte man etwas anderes gefunden. Man kannte mich, weil ich in Pressekonferenzen kritische Fragen gestellt hatte, danach geriet ich in ein Ermittlungsverfahren, in dem es um die geleakten E-Mails von Erdogans Schwiegersohn ging.

Journalist Deniz Yücel

Mit Ihrer Verhaftung sollten nicht nur türkische, sondern auch die ausländischen Journalisteneingeschüchtert werden.
Exakt. Das war der zweite Grund neben der Kampagne für das Verfassungs­referendum. Als Erdogan aber merkte, zu welchen Reaktionen meine Haft in Deutschland auf oberster politischer Ebene führte, wurde ich als Gefangener für ihn plötzlich über diesen Anlass hinaus wertvoll. Er dachte: «Wenn der Typ für die Deutschen so wichtig war, dann will ich etwas für ihn bekommen.» So denken Gangster und Teppichhändler.

Heute hat Erdogan ein anderes Pfand in der Hand gegen die EU: Er kann die Flüchtlingsschleuse öffnen. Und die Lage der Türkei am östlichen Eck des Nato-Blocks macht ihn zum unverzichtbaren Partner des Westens.
So einfach ist das nicht. Man kann nicht einfach 3 Millionen Menschen durch das Öffnen einer Schleuse bewegen. Aber es stimmt, Europa hat sich leicht erpressbar gemacht. Das hat damit zu tun, dass eine Riesenangst davor besteht, dass Menschen in der Not fliehen und in diesen Ländern Schutz suchen. Jetzt will Europa weder die Flüchtlinge noch sich in Syrien militärisch engagieren und die Fluchtursachen bekämpfen. Damit macht sich die EU unglaubwürdig – und eben von Gangstern erpressbar.

Für Ihre Freilassung verlangte die Türkei die Auslieferung vonGülen-Anhängern und die Freigabe von Waffenlieferungen.
Als ich dies merkte, versuchte ich, den Preis für meine Geiselnahme so weit in die Höhe zu treiben, bis dieser den erhofften Nutzen überstieg. Als dies gelang, wollte mich die Türkei so rasch wie möglich loshaben Am Ende war nicht nur meine Verhaftung rechtswidrig, auch die Umstände meiner Entlassung waren es. Es ist nicht so einfach, das in der Isolationshaft zu erreichen, und ist nur mithilfe von Anwälten, meiner Familie, Freunden, Kollegen, der Bundesregierung und der Unterstützung auf der Strasse gelungen.

Die nächste Aufgabe ist, wieder zurückzufinden in meinen Beruf als Journalist, sonst wäre dies für die Gegner der Medienfreiheit der grösste Triumph.Journalist Deniz Yücel

Werden Sie nun wieder als Journalist arbeiten?
Ja, natürlich. Nach meiner Freilassung habe ich mich erst einmal zurückgezogen. Wenn ich in tausend Mikrofone geredet hätte, wäre ich nach einem Jahr reif gewesen für einen Auftritt als Promi im Dschungelcamp. Ich habe mich auf Sizilien zurückgezogen und wollte Zeit mit meiner Frau Dilek verbringen. Wir hatten uns vor meiner Verhaftung erst ein halbes Jahr gekannt und danach mehr Zeit zwischen Gittern und der Trennscheibe verbracht als in Freiheit. Die nächste Aufgabe ist, wieder zurückzufinden in meinen Beruf als Journalist, sonst wäre dies für die Gegner der Medienfreiheit der grösste Triumph.

Eine Rückkehr in die Türkei ist ausgeschlossen?
Ja, das würde weder meine Frau zulassen noch meine Redaktion. Die würden mich eher auf die Bahamas schicken als zurück in die Türkei. Hinzu kommt, dass in der Türkei bereits der Kontakt zu mir als belastendes Moment in Strafverfahren von Kollegen auftauchte. Ich könnte dort gar nicht mehr arbeiten, ohne andere zu gefährden. Aber es gibt viele Länder auf der Welt.

Erstellt: 26.10.2019, 11:14 Uhr

Artikel zum Thema

«Die Zeiten ändern sich immer»

Der türkische Journalist Ahmet Altan sitzt seit zwei Jahren im Gefängnis. Am Dienstag soll er in Istanbul vor einem Berufungsgericht erscheinen. Ein Gespräch über Zukunft, Literatur und Macht. Mehr...

«Ich wurde fast gelyncht und als ‹Perverse› beleidigt»

Interview Die türkische Erfolgsautorin Elif Shafak über ihr Land, das sie als zunehmend sexistisch, autoritär und homophob sieht. Mehr...

Politologe und Autor

Der 46-jährige deutsch-türkische Journalist und Schriftsteller Deniz Yücel wurde 2017 in der Türkei verhaftet und während eines Jahrs im Gefängnis Silivri festgehalten. Jetzt hat er seine Erfahrungen in der Haft und den politischen Kampf um seine Freilassung in einem Buch niedergeschrieben: «Agentterrorist. Eine Geschichte über Freiheit und Freundschaft, Demokratie und Nichtsodemokratie». Mit dieser Bezeichnung hatten die türkische Regierung, die Polizei und die Justiz versucht, den unerschrockenen Korrespondenten der «Welt»-Gruppe zu kriminalisieren. Yücel wird am Sonntag, 3. November, 19 Uhr im Zürcher Kaufleuten aus seinem Buch lesen und mit Judith Wittwer und Res Strehle über seine Hafterlebnisse reden. (red)

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Robo-Adviser gehen offline

Das Wohnzimmer staubsaugen zu lassen, ist etwas andere, als das Vermögen anzuvertrauen: Robo-Adviser in der Schweiz sind auf dem Rückzug. Die Gründe.

Kommentare

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Fast wie auf der Titanic: Ein Liebespaar betrachtet die untergehende Sonne im untergehenden Venedig (17. November 2019).
(Bild: Luca Bruno) Mehr...