Was Populismus wirklich ist

Italiens Regierung pokert, doch ein Solo kann sie sich gar nicht leisten.

Vizepremier Luigi Di Maio spricht im Circus Maximus mit dem Volk, das die Mär der Populisten glaubt. Foto: Max Rossi (Reuters)

Vizepremier Luigi Di Maio spricht im Circus Maximus mit dem Volk, das die Mär der Populisten glaubt. Foto: Max Rossi (Reuters)

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Auch Räubergeschichten finden ein Publikum, wenn sie gut erzählt sind. Die neuen Mächtigen in Rom beschreiben sich selbst gern als «Populisten» und «Souveränisten». Ganz stolz. Populismus, sagen sie, stehe schliesslich für die ideologische Linie derer, die das Volk ins Zentrum ihrer Politik stellten, das populus. Und mit dem «sovranismo», der Rückbesinnung auf nationale Souveränität also, hole man endlich jene Entscheidungsmacht zurück ins Land, die einem die «internationalen Eliten» und «europäischen Superbürokraten» gestohlen hätten. Wie Einbrecher, als alles schlief.

Natürlich ist das eine Mär, eine Räubergeschichte. Doch immer mehr Italiener halten die Erzählung für stimmig, ja sogar für wahr. Etwa die Etatpläne von Cinque Stelle und Lega, die nun für einen beispiellosen Showdown mit Brüssel sorgen: Sie laufen unter dem Label «Haushalt des Volkes». Als wären die Geschenke, die darin enthalten sind, das Bürgergeld und die besseren Pensionen, die Steuerreduktionen und die Straffreiheit für Steuerbetrüger, eine Revanche des Volkes an allen trüben Mächte und für alle Kränkungen der Vergangenheit.

Italiens Staat ist grotesk hoch verschuldet, und zwar selbst verschuldet. Nur Griechenland ist noch ärger dran.

Das ist Populismus. Klingt natürlich grossartig. In einer neuen Umfrage sagen 59 Prozent der befragten Italiener, sie fänden den Haushalt toll. Sie gehen wohl davon aus, dass die Leute, die sie regieren, schon wissen, was sie tun.

Doch das ist alles andere als sicher. Das Beharren auf dem «Sovranismo», dieser Selbstgenügsamkeit, würde ja voraussetzen, dass Italien es sich leisten kann, die europäischen Ge­meinschaftsregeln einfach mal so zu brechen und dann im Sturm der Kritik und der Märkte zu bestehen – stark und autark. Aber das ist eine Illusion. Mit der Behauptung, man werde es schon auch allein schaffen, notfalls mit Geld aus Russland, wird das «populus» betrogen.

Italiens Staat ist grotesk hoch verschuldet, und zwar selbst verschuldet. Nur Griechenland ist noch ärger dran. Keine italienische Regierung der vergangenen Jahrzehnte hat den Berg abgetragen, weder rechte noch linke, im Gegenteil: Er wurde immer höher. Die Zinsen, die Italien dafür bezahlt, fressen alle Anstrengungen und alle Zuversicht in die Zukunft weg.

Es wäre wichtig, dass Europa schnell ein Gegennarrativ zur grossen Räubergeschichte der Populisten fände.

Dennoch haben die Brüsseler Kommission und die europäischen Partnerstaaten immer wieder Abweichungen zugelassen, wie das Eltern mit einem ungezogenen, aber ge­liebten Sohn tun. Italien gehört zur Familie. Ohne Italien wäre die EU ärmer, unlustiger, stilloser. Fällt Italien aus der Währungsunion, stirbt wahrscheinlich der Euro. Italien ist, was man in der Finanzwelt «too big to fail» nennen würde, absolut systemrelevant also: Gerät Italien ins Schleudern, dann ist das ganze europäische Projekt in Gefahr.

Und darum wäre es wichtig, dass Europa schnell ein Gegennarrativ zur grossen Räubergeschichte der Populisten fände. Wenn möglich, sollte das dann nicht im schulmeisterlichen Ton vorgetragen werden und ohne Ultimaten daherkommen, weil das lässt man sich im hochgehypten Volk nicht mehr gefallen. Zahlen aber wären gut, immer wieder Zahlen, die den Alleingang entzaubern.

In den Auslagen der italienischen Buchhandlungen liegt gerade das neue Werk von Sergio Rizzo, es trägt den Titel «02.02.2020. Die Nacht, als wir aus dem Euro austraten». Es ist ein Roman, doch die Geschichte kommt unheimlich realistisch daher. Rizzo zeichnet nach, wie Italien in südamerikanische Verhältnisse abstürzen könnte. Die Steigerung von «Souveränismus» ist eben nicht Freiheit, sondern traurige Isolation.

Erstellt: 21.10.2018, 21:04 Uhr

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