Was würde Churchill tun?

Der Staatsmann gilt als geistiger Vater der europäischen Einigung. Er würde Grossbritannien in der EU halten wollen, sagen jetzt viele. So sicher ist das nicht.

Sowohl Gegner als auch Befürworter beziehen sich auf ihn: Winston Churchill, hier bei seinem USA-Besuch im Jahr 1954. Foto: AP, Keystone

Sowohl Gegner als auch Befürworter beziehen sich auf ihn: Winston Churchill, hier bei seinem USA-Besuch im Jahr 1954. Foto: AP, Keystone

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Es ist ein Streit, wie ihn nur die Briten führen können. In vier Wochen fällt die Entscheidung, ob Grossbritannien die Europäische Union verlässt. Eine gefühlte Ewigkeit haben Politiker und Wirtschaftsführer jetzt schon gewarnt und geworben. Endlich nun ist die Debatte am Punkt angelangt, der in einer britischen Debatte wirklich zählt: Wie würde Winston Churchill am 23. Juni stimmen?

Beantwortet wird die Frage auf der Grundlage eines Besuchs, den der Staatsmann vor 70 Jahren in der Schweiz machte. Im September 1946 hielt er an der Universität Zürich jene Rede, die noch heute eine seiner berühmtesten ist. Churchill rief darin zur Versöhnung des vom Krieg zerstörten Europa auf. Er tat es mit einer Eindringlichkeit, wie sie seither selten erreicht wurde. «In weiten Gebieten starren ungeheure Massen zitternder menschlicher Wesen gequält, hungrig und verzweifelt auf die Ruinen ihrer Städte und Häuser», sagte er. «Angestrengt suchen sie den Horizont ab nach einer neuen Gefahr, einer neuen Tyrannei.» Churchill endete mit dem bekannten «Let Europe arise!» – und dem Aufruf zur Errichtung der Vereinigten Staaten von Europa. Einem Europa, «in dem die Grenzen zwischen den Nationen abgebaut und uneingeschränkte Reisen möglich sein werden», wie er schon 1942, mitten im Krieg, geschrieben hatte.

Britische Einzigartigkeit

Auf den Jahrhundertpolitiker berufen sich im Abstimmungskampf nun jene, die Grossbritannien unbedingt in der EU halten wollen. Niemals sei Churchill dafür eingetreten, sich aus Europa zurückzuziehen, sagte Premierminister David Cameron kürzlich, nicht im Krieg und nicht im Frieden. «Mein Grossvater hat Europa immer geliebt», schrieb Churchills Enkel Nicholas Soames, auch er ein Konservativer. Es sind Vertreter dieses Lagers, die daran erinnern, dass Churchill 1940 eine politische Union zwischen Grossbritannien und Frankreich vorschlug. Sie erinnern daran, dass Churchill nach dem Krieg davon sprach, dass die nationale Souveränität nicht über allem stehe, dass sich die Welt auf eine «gegenseitige Abhängigkeit der Nationen» zubewege. Und sie erinnern daran, dass Churchill vor dem Europarat etwa für die Schaffung einer europäischen Armee warb.

Vehement beansprucht wird Churchill aber auch von jenen, die das Land aus der EU führen wollen. Besonders für die in der Europafrage gespaltenen Konservativen gilt: Wer Churchill für sich reklamieren kann, hat schon fast gewonnen. Niemand tut das penetranter als Boris Johnson, der frühere Bürgermeister von London. Bereits in seiner Biografie Churchills versuchte Johnson seitenlang zu belegen, dass dieser nicht der Pro-Europäer gewesen sei, für den ihn seit seiner Zürcher Rede viele hielten.

Heute wiederholt Johnson, was für ihn klar ist: Natürlich wäre Churchill für den Brexit gewesen. Die Einigung Europas habe er unterstützt, ja – aber für die Briten immer nur die Rolle des Förderers von aussen gesehen. Grossbritannien müsse auf das offene Meer blicken, nach Amerika, in die englischsprachige Welt, die es schuf. Churchill steht in Johnsons Augen für britische Einzigartigkeit, für den Widerstand gegen Druck vom Kontinent.

Der Glaube an europäische Grösse

Zwei Lager, zwei Lesarten: Welche ist richtig? Wahr ist wohl, dass sich Churchill durchaus als Europäer verstand. Als jemand, der im 19. Jahrhundert gross wurde, glaubte er an die Überlegenheit der europäischen Zivilisation – die sich durch zwei unnötige Kriege um ihre globale Vorherrschaft gebracht habe. In Zürich sagte er: «Wäre jemals ein vereintes Europa imstande, sich das gemeinsame Erbe zu teilen, dann genössen seine Einwohner Glück, Wohlstand und Ehre in unbegrenztem Ausmass.» All dies sagt aber wenig darüber aus, wie Churchill die heutige EU sähe. Als einzigen Weg für Europa, gegen andere Mächte zu bestehen? Oder als bürokratischen Superstaat, der Europas Nationen bedroht?

Man wird nie wissen, wie Churchill über die Gegenwart denkt. Er selber sagte einmal: «Studiert die Geschichte! In der Geschichte liegt das ganze Geheimnis der Staatskunst.» Allerdings, das zeigt die Brexit-Debatte, ist die Deutung dieser Geschichte eine ziemlich verpolitisierte Sache.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.05.2016, 23:11 Uhr

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