Weg mit dem Diktat der Uhr!

Kjell Ove Hveding, der Gemeindepräsident von Sommaröy in Norwegen, will die Zeit abschaffen.

Reichte letzte Woche beim Storting, dem norwegischen Parlament, seine Petition zur Abschaffung der Uhrzeit ein: Kjell Ove Hveding. Foto: PD

Reichte letzte Woche beim Storting, dem norwegischen Parlament, seine Petition zur Abschaffung der Uhrzeit ein: Kjell Ove Hveding. Foto: PD

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Seit dem 17. Mai geht in Sommaröy die Sonne nicht mehr unter. Sie scheint Tag und «Nacht». Mitternachtssonne. Und jetzt beginnt die Zeit, in der die Leute in Sommaröy gern draussen feiern, am liebsten rund um die Uhr. Konsequenterweise will Gemeindepräsident Kjell Ove Hveding die Zeit abschaffen. Ersatzlos.

Sommaröy liegt 300 Kilometer nördlich des Polarkreises, 50 Autominuten von Tromsö entfernt. Das Fischerdorf soll ein Ort werden, wo die Leute tun und lassen können, wann immer es ihnen beliebt. «Noch diktiert die Uhr uns, wann wir zur Arbeit gehen, und auch nach der Arbeit müssen wir der Uhr gehorchen», sagte Hveding zum Nachrichtenportal «Gizmodo», nachdem seine Idee in Norwegen Schlagzeilen gemacht hatte. «Wir Menschen haben verlernt, impulsiv zu sein und je nach Wetter und Sonnenschein zu entscheiden, was wir tun. Wir haben verlernt, einfach zu leben.» Seine Anhängerinnen und Unterstützer haben ihre Armbanduhren bereits ausgezogen und fotogen an eine Brücke gehängt. Letzte Woche reichte Hveding beim Storting, dem norwegischen Parlament, seine Petition zur Abschaffung der Uhrzeit ein.

Marketingzwecke stecken dahinter

Die Schären-Landschaft rund um Sommaröy kannte in der Schweiz lange jedes Kind. 1950 fotografierte Emil Schulthess von hier aus den Lauf der Mitternachtssonne, Stunde für Stunde. Das aus 24 Bildern zusammengesetzte 360-Grad-Panorama des Zürcher Fotografen war eine Sensation. Nie vorher hatte man das Phänomen Mitternachtssonne so intuitiv nachvollziehen können. Die Collage wurde weltweit in Magazinen abgedruckt, schmückte als Swissair-Kalenderbild zahllose Schweizer Wohnzimmer und landete in einem Schulbuch.

Das Leben so weit nördlich vom Polarkreis ist für Menschen kaum denkbar ohne die Kulturtechnik der Zeitmessung. 

Wenn heute Fotografen auf den Spuren von Schulthess in Sommaröy der Mitternachtssonne nachspüren, hilft ihnen Kjell Ove Hveding gern. Sein Sommaröy Arctic Hotel ist das beste Haus am Platz, eigentlich das einzige. Es bietet neben Zimmern auch Strandhütten mit Sicht aufs Meer. Im Sommer lockt er Touristen mit der Mitternachtssonne, im Winter mit Nordlichtern.

Kürzlich hat der umtriebige Hotelier ausgebaut. Darum ist der profanere und eigentliche Grund für den fröhlich angekündigten Ausstieg aus der Zeitmessung die Werbewirkung, die sich der gastfreundliche Mittfünfziger verspricht. Wie genau seine Idee umgesetzt werden soll, ist ohnehin Hvedings Geheimnis, das er hinter seinem breiten Lachen versteckt.

Ewige Nacht

Möglich, dass so ein Uhrenverzicht unter den 300 Einwohnern von Sommaröy einfach geht. Darüber hinaus sind Zweifel angebracht. Denn das Leben so weit nördlich vom Polarkreis ist für Menschen kaum denkbar ohne die Kulturtechnik der Zeitmessung. Die Evolution hat uns für den 24-Stunden-Tag-und-Nacht-Zyklus geschaffen. Unter den Bedingungen von Mitternachtssonne und Polarnacht aber brauchen wir Uhren, um die Fenster zur Schlafenszeit zu verdunkeln. Oder um das Licht am Morgen anzuzünden und aufzustehen.

In fünf Monaten, am 27. November kurz vor Mittag, geht die Sonne in Sommaröy ein letztes Mal unter. Die Polarnacht beginnt. Wie gut, wenn man dann eine Uhr zur Hand hat.

Erstellt: 17.06.2019, 18:56 Uhr

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