Dieser Satiriker könnte ukrainischer Präsident werden

Wolodimir Selensky mimt den ukrainischen Präsidenten so erfolgreich, dass er nun bei der Wahl antritt.

Gemäss Umfragen hat der Schauspieler Wolodimir Selensky gute Chancen, es in die Stichwahl zu schaffen. Foto: Imago, Pacific Press Agency

Gemäss Umfragen hat der Schauspieler Wolodimir Selensky gute Chancen, es in die Stichwahl zu schaffen. Foto: Imago, Pacific Press Agency

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Von März an will Wassil Holoborodko wieder die Ukraine retten. Eigentlich ist er Geschichtslehrer, doch eines Morgens wacht er als Präsident der Ukraine auf – und macht sich daran, mit aufrechten Getreuen den korrupten Saustall auszumisten, für den er die Politik hält. Die satirische Fernseh­serie «Diener des Volkes», in der Präsident Holoborodko im Land aufräumt, ist eine der populärsten der Ukraine – im März kommt die dritte Staffel ins Fernsehen. Holoborodkos Darsteller, der Schauspieler Wolodimir Selen­sky, hat auch ausserhalb der Satire einiges vor: Am 31. März kandidiert er bei der Präsidentschaftswahl – mit guten Chancen.

Selensky ist kein Politiker – genau dies ist sein Trumpf für viele Ukrainer, die von etablierten Politikern desillusioniert sind. Präsident Petro Poroschenko, der in den fünf Jahren seiner Präsidentschaft kaum etwas gegen Vetternwirtschaft und Korruption getan hat, kommt unter 28 registrierten Präsidentschaftskandidaten in Umfragen nur auf 10 bis 15 Prozent. Ex-Ministerpräsidentin Julija Timoschenko liegt bei 15 bis 20 Prozent, gleichauf mit Selensky. Eine am 31. Januar veröffentlichte Rangliste der Gruppe Rating sieht Selensky gar auf Platz 1, vor Timoschenko. Bei der Wahl am 31. März muss ein Kandidat mindestens die Hälfte aller Stimmen erringen, andernfalls treten die beiden Erstplatzierten am 21. April zur Stichwahl an.

«Poroschenko oder Putin!»

Lange hoffte Poroschenko trotz mässiger Umfragewerte auf einen Sieg in Runde zwei. Poroschenko verkauft sich den Ukrainern als Oberbefehlshaber im Kampf gegen Russland und als Schutzherr der orthodoxen Kirche: Schliesslich gelang es Poroschenko, den Patriarchen der ortho­doxen Kirche in Istanbul dazu zu bewegen, der jahrhundertelang Moskau zugeordneten Kirche Anfang Januar die Eigenständigkeit zu genehmigen. Mit dem neuen Oberhaupt der nun Ukrainischen Orthodoxen Kirche und dem Tomos, dem Dekret über die Eigenständigkeit, tourte Poroschenko durchs Land. Wohin er nicht kam, dort präsentierte er sich auf riesigen Werbeplakaten als Quasi-Kirchenvater. Als der Präsident Ende Januar unter dem Slogan «Poroschenko oder Putin!» seine neuerliche Kandidatur bekannt gab, wurde seine Rede von etlichen Fernsehsendern ukrainischer Oligarchen übertragen, ­Ministerpräsident, Parlamentspräsident und andere Offizielle verkündeten ihre Unterstützung.

Präsident Petro Poroschenko will wiedergewählt werden. Foto: Reuters

Seine bisherige Hauptwidersacherin Timoschenko hatte sich eine Woche zuvor im Kiewer Sportpalast vor 5000 aus dem ganzen Land per Bus herangekarrten Anhängern ihrer Partei Vaterland zur Kandidatin küren lassen. Die ehemalige Ministerpräsidentin soll sich bereits mit mehreren ukrainischen Oligarchen und mit Innenminister ­Arsen Awakow, mutmasslich der zweitmächtigste Politiker der Ukraine, über deren Unterstützung geeinigt haben. Während Poroschenko über den Verwaltungsapparat gebietet, steht Timoschenko eine landesweit exzellent organisierte Partei zur Seite.

Polen einholen

Timoschenko setzt auf populistische Wahlversprechen: Unter ihr als Präsidentin werde die Ukraine innerhalb von nur fünf Jahren den Nachbarn Polen einholen; dafür müssten sich allerdings die Löhne mehr als verdreifachen. ­Timoschenko verspricht auch eine radikale Senkung des Gaspreises für private Haushalte; laut Ökonomen eine völlig unrealistische Ankündigung.

Ein Viertel der Wähler ist noch unentschieden. Und sowohl ­Timoschenko wie Poroschenko kämpfen mit einem Handicap: Die Zahl ihrer entschiedenen Gegner übersteigt die ihrer Anhänger deutlich. Laut den Wahlforschern der Active Group erklärte ein Viertel der Befragten, sie wollten auf keinen Fall für Timoschenko stimmen. Für Poroschenko lag die Ablehnungsrate sogar bei 30 Prozent. Und selbst im Fall von Newcomer Selensky erklärten 13 Prozent, sie würden auf keinen Fall für ihn stimmen.

Diese Ablehnung hat verschiedene Gründe: Selensky ist zwar ein beliebter Schauspieler und Produzent Dutzender erfolgreicher Fernsehshows und Kino­filme – durch politisches Engagement aber fiel er noch nie auf. Seine Kandidatur gab er am Silvesterabend im Fernsehsender 1+1 bekannt, einem der meistgesehenen Sender der Ukraine. Seitdem setzt sich Selensky geschickt mit Videos auf Facebook, Youtube oder Instagram in Szene. Doch als ihn die Botschafter der EU-Länder bei einem Treffen im Januar nach seinem politischen Programm fragten, verwies Selensky auf seine Berater – und forderte seine Anhänger auf, ihm über die sozialen Netzwerke Programmvorschläge zu machen.

Überprüfungen sind nicht vorgesehen

Ein Ende Januar veröffentlichtes 4-Seiten-Programm Selen­skys ist ein Kompendium des Populismus: Es reicht von der Einführung direkter Demokratie und Volksabstimmungen über eine Beteiligung aller Ukrainer am nationalen Reichtum von Geburt an, über freie Universitätswahl für herausragende Abiturienten, bis zum Strassenbau auf europäischem Niveau.

Eine andere Forderung dürfte vor allem die Oligarchen freuen, die ihre Milliardenvermögen oft mit zweifelhaften Methoden zusammengetragen haben: Jeder Geschäftsmann soll sein gesamtes Vermögen, gleich wie es erlangt wurde, vollständig legalisieren dürfen, wenn er darauf fünf Prozent Abgaben zahlt. Dagegen fehlt in dem Programm die Forderung, Oligarchen in irgendeiner Weise zu überprüfen, völlig.

Das erstaunt angesichts des prominentesten Unterstützers Selenskys wenig: Der TV-Sender 1+1 gehört dem Oligarchen Igor Kolomoisky, der laut dem Magazin «Nowoje Wremja» vor kurzem aus der Schweiz nach Israel umgezogen ist, angeblich um nach einer FBI-Untersuchung wegen fragwürdiger Geschäfte in den USA einem Auslieferungsantrag Washingtons zu entgehen. 1+1 berichtet nur positiv über Selen­sky – selbst als sich herausstellte, dass es Selensky bei seinen Wahlkampfauftritten mit der Wahrheit nicht so genau nimmt.

Firmen in Russland

So behauptete Selensky in einem Interview, nach Russlands Angriff auf die Ukraine 2014 habe er seine russischen Produktionsfirmen verkauft. Doch Radio ­Liberty fand heraus, dass Selensky über eine Holdinggesellschaft in Zypern sehr wohl noch an russischen Firmen beteiligt war und eine von diesen gar um Zuschüsse Moskaus gebeten hat. Selen­sky bezeichnete diesen Bericht zunächst als Lüge, erst ein paar Tage später räumte er seine Richtigkeit ein. Inzwischen will er die Firma verkauft haben. Selenskys Nähe zu Kolomoisky zeigt auch ein anderes Detail: Seine Leibwächter werden offenbar von dem Oligarchen bezahlt.

Neben dem die Umfragen anführenden Trio aus Poroschenko, Timoschenko und Selensky haben sich 25 weitere Kandidaten für die Präsidentenwahl registrieren lassen. Da ist der moskaufreundliche Parteiführer Juri Bojko, der in Umfragen auf bis zu 10 Prozent kommt, und der skandalfreie, als Erneuerer antretende, doch wenig charismatische Ex-Verteidigungsminister Anatoli Grizenko (8,5 Prozent). Doch keiner von ihnen scheint eine Chance auf einen Einzug in die Stichwahl zu haben.

Erstellt: 05.02.2019, 20:21 Uhr

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