Wenn Mutter und Vater plötzlich weg sind

Ein Viertel aller Flüchtlinge ist minderjährig. Viele gehen schon alleine von zu Hause weg, andere werden auf der Flucht von ihren Eltern getrennt.

Mit einem Baby im Arm erreicht ein Mädchen einen Sammelpunkt beim serbisch-ungarischen Grenzübergang Röszke. Foto: Reuters

Mit einem Baby im Arm erreicht ein Mädchen einen Sammelpunkt beim serbisch-ungarischen Grenzübergang Röszke. Foto: Reuters

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Sein Leben, sagt Massoud P., habe erst in Österreich begonnen. Die Kindheit in Afghanistan, das Jahr auf der Flucht, in den Händen einer skrupellosen Schlepperbande – «das war die Hölle». Seit einer Woche lebt der 17-Jährige in einem neuen Heim der Wiener Caritas für unbegleitete Minderjährige. Gestern wurde die Wohngemeinschaft Yunus von Kardinal Christoph Schönborn und dem Wiener Bürgermeister Michael Häupl besucht, Massoud durfte sie empfangen, das Zimmer zeigen und seine Geschichte erzählen: Wie seine Mutter bei seiner Geburt starb, wie er mit dem Vater, einem Lastwagenfahrer aus dem Panjshir-Tal, in die Hauptstadt Kabul zog, wie sein Vater von einer Bande, die den Lastwagen haben wollte, erschossen wurde.

Mit dem Geld, das der Vater zuvor gespart hatte, bezahlte der Jugendliche eine Schlepperbande, die ihn per Flugzeug nach Moskau und über den Landweg bis nach Österreich brachte. Drei Monate musste er in der russischen Hauptstadt in einem Keller leben, drei weitere Monate im Untergrund einer anderen Stadt, deren Namen er nie erfuhr. Wenn er im Auto fuhr, bekam er eine Plastiktüte über den Kopf gestülpt, er sollte seine Schlepper nicht sehen. Irgendwann liessen sie ihn dann an einer Landstrasse stehen. Nun will er Deutsch lernen und Informatik studieren.

Durchwegs traumatisierte Jugendliche

48 Jugendliche sind im Haus untergebracht. Alle mussten sich allein durchschlagen, aber nicht alle sind Waisen wie Massoud. Viele junge Afghanen werden von ihren Familien losgeschickt: Der Stärkste aus der nächsten Generation soll Armut und Krieg hinter sich lassen und eine neue Existenz aufbauen. In Wien müssen die 14- und 15-Jährigen in die Schule. Ältere, die nicht mehr schulpflichtig sind, erhalten Deutschkurse im Haus. Wichtig sei auch die intensive psychologische Betreuung, sagt Caritas-Direktor Michael Landau, da die Jugendlichen durchwegs traumatisiert seien. Was Massoud wirklich erlebte, kann auch die Hausleiterin nur erahnen. Er zeichne häufig, aber schreckliche Bilder mit vielen Toten, erzählt sie.

Vor Beginn der Flüchtlingswelle aus Ungarn waren rund 500 unbegleitete ­Jugendliche im Erstaufnahmezentrum Traiskirchen untergebracht. Das Flüchtlingshochkommissariat UNHCR schätzt, dass ein Viertel aller Flüchtlinge, die jetzt nach Europa kommen, minderjährig ist. Intensive Betreuung brauchen auch jene Kinder, die mit ihren Eltern auf der Flucht sind. Die Helfer konzentrierten sich in den ersten Stunden und Tagen auf den Gesundheitszustand der kleinen Flüchtlinge. Viele Babys waren unterernährt, die Kinder hatten Durchfall und Blasen und offene Wunden an den Füssen. Ihre seelischen Wunden verbergen die Kinder hinter einer Mauer des Schweigens. Das Schlimmste für Kinder auf der Flucht sei, wenn ihre Eltern Schwäche zeigten, weinten oder zusammenbrächen, sagt die Psychotherapeutin Sonja Brauner in einem Radiointerview: Bleiben die Bindungspersonen stark, können auch die Kinder die Flucht besser verkraften.

Kinder in Ungarn abgeführt

Besonders traumatisch ist, wenn Kinder und Eltern einander auf der Flucht verlieren: Wenn Mutter und Vater im Gedränge auf dem Bahnhof plötzlich verschwinden, wenn der Bus ohne die Kleinen abfährt. Die Helfer haben solche Szenen immer wieder erlebt, in Röszke, Budapest, Nickelsdorf oder Wien. Dramatischer war die Lage am Mittwoch am serbisch-ungarischen Grenzübergang Röszke, als Flüchtlinge versuchten, den ungarischen Grenzzaun zu durchbrechen. Mitarbeiter von Amnesty International beobachteten, dass bei den Tumulten mindestens vier Kinder von ihren Familien getrennt und von der un­garischen Polizei weggebracht wurden. Ein Vater erzählte, dass er sein achtjähriges Kind an der Hand gehalten habe und es ihm von der Polizei entrissen worden sei. Amnesty fordert von den ungarischen Behörden, die Kinder sofort zu ihren Eltern zurückzubringen.

Das Internationale Rote Kreuz hat eine eigene Webseite, www.tracetheface.org, auf der Familien die Fotos ihrer vermissten Angehörigen posten können. Das österreichische Rote Kreuz hat zudem eine nur intern zugängliche Website mit den Daten vermisster Minderjähriger angelegt. Die Suche sei nicht einfach, weil sich die Flüchtlinge sehr schnell von einem Land zum nächsten bewegten, sagt die Leiterin des Suchdienstes, Claire Schocher-Döring: «Aber wir stehen in gutem Kontakt mit den Rotkreuzorganisationen der Nach­barländer.»

In den vergangenen sieben Tagen registrierte das Rote Kreuz in Wien 19 Flüchtlingskinder, die ihre Eltern verloren hatten. In elf Fällen gelang die Familienzusammenführung, acht Fälle sind offen. Diese Kinder werden nun vom Jugendamt der Stadt Wien betreut.

Erstellt: 18.09.2015, 07:29 Uhr

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