Wenn sich das Meer beruhigt

Hunderttausende Menschen planten von Libyen aus die Flucht über das Mittelmeer, warnen europäische Staats- und Regierungschefs. Die Leichenhäuser in den Küstenstädten sind schon jetzt voll.

Mitarbeiter des Roten Halbmondes sind hilflos angesichts der angeschwemmten Leichen. Foto: Mohamed Ben Khalifa (AP, Keystone)

Mitarbeiter des Roten Halbmondes sind hilflos angesichts der angeschwemmten Leichen. Foto: Mohamed Ben Khalifa (AP, Keystone)

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Die Bucht von Garabulli, nicht weit von Tripolis, könnte ein Ferienparadies sein, nur 700 Kilometer von Sizilien entfernt. Zwei Männer, Schwarzafrikaner, wie die meisten Arbeiter in Libyen, mähen Rasen in dem kleinen Resort: Hütten mit Meerblick, zwei Schlafzimmer. «200 Dinar pro Nacht», sagt der libysche Eigentümer, 80 Franken inklusive Frühstück. Er hofft, dass im Sommer ein paar Gäste kommen, zumindest Libyer, fürs Wochenende. Deswegen richtet er den Speisesaal her, die Lampen im Garten.

Derzeit trifft man an den Stränden in der Bucht von Garabulli keine Touristen, nur Migranten, die meisten aus Ländern südlich der Sahara. Seitdem die Balkanroute dicht ist, kommen aber auch wieder Syrer. In Schlauchbooten libyscher Schlepper werden sie sich auf die gefährliche Reise nach Europa machen, im Schutz der Dunkelheit am frühen Morgen. Zehntausende warten auf die Überfahrt, vielleicht Hunderttausende. Zuverlässige Prognosen gibt es nicht. Mehrere europäische Regierungschefs warnten in den letzten Tagen dennoch, Libyen könnte zum Ausgangspunkt einer neuen Migrationsbewegung werden.

Der Wind zerrt an den Fähnchen, die an den Laternen im Garten des Resorts flattern. Noch sind die Wellen so hoch, dass sich oft nicht einmal die Fischer aufs Meer trauen. Doch die ersten Flüchtlingsboote fahren schon. Kleine Schlauchboote bringen die Menschen ein paar Hundert Meter aufs Meer hinaus, dort steigen sie in grössere Boote um, meist ebenfalls aus Gummi. Mindestens 80 Menschen pferchen die Schlepper darauf, manchmal 120. Grössere Boote werden mit 300 Menschen und mehr beladen. Und mit jedem Tag, den der Sommer näher rückt, werden das Wetter und die See ruhiger.

Stechend süsslicher Gestank

Der Wind treibt beissenden Qualm von brennendem Müll herüber. Am Strand, ein paar Meter die Böschung hinunter, wird klar, warum sie den Abfall in einem alten Ölfass angezündet haben: Schalungsplatten liegen dort, mit denen die Schlepper den Boden der Boote verstärken, damit sie mehr Menschen tragen. Vier Leichensäcke aus schwarzer Plastikfolie liegen im Sand. Der Rauch soll den stechend süsslichen Gestank der Verwesung überdecken. Vier Flüchtlinge, die schon vor zehn Tagen hier angespült wurden. Niemand weiss, wer sie sind oder woher sie kamen.

Kaum einer der Toten trägt noch ­Dokumente bei sich, wenn das Meer die Körper wieder ausspuckt. Auf den Namensschildern der Leichensäcke stehen nur Datum und Ort, an dem sie gefunden wurden. Die Leichenhäuser in Garabulli sind voll, die in Tripolis auch, wie ein Mitarbeiter des Roten Halbmonds am Telefon bestätigt. «Was sollen wir machen?», fragt er. In Libyen herrscht ohnehin Chaos. Zumindest sollen die Fingerabdrücke der Toten und ihre DNA gesichert werden, damit sie später identifiziert werden können.

Migranten werden nicht erfasst, wenn sie auf dem Landweg von Süden aus Niger oder Tschad nach Libyen kommen oder das Land wieder verlassen. Ali etwa, ein 35 Jahre alter Nigerianer, der in Libyen auf diesen arabischen Namen hört, hat nicht einen Stempel in seinem Pass, obwohl er die 5000 Kilometer lange Reise von Lagos durch Niger und die libysche Wüste schon dreimal in den vergangenen fünf Jahren hinter sich gebracht hat. Er ist jedes Mal zurückgekehrt für ein paar Monate zu seiner Frau und den beiden Kindern. Geld kann er im Moment keines schicken, Western Union und die Banken funktionieren nicht mehr.

Viele reisen auch zurück

Nach Schätzungen der Internationalen Organisation für Migration (IOM) hielten sich Ende 2015 etwa eine Million Migranten in Libyen auf, vor Beginn des Bürgerkriegs 2014 waren es doppelt so viele. Der Ölreichtum des Landes zog jahrzehntelang Menschen aus dem Süden an, die Arbeit suchten. Wie viele von ihnen trotz der schlechten Sicherheitslage auch heute noch in Libyen arbeiten ­wollen, geht aus dem Bericht der IOM nicht hervor. Mindestens 600'000 sollen Ägypter sein, die eher in ihre Heimat zurückkehren dürften als nach Europa zu reisen. Für die Menschen aus Nigeria, Gambia, Ghana und anderen westafrikanischen Staaten hängt viel von der Entwicklung in Libyen ab, ebenso wie für Somalier, Sudanesen oder Eritreer, die von Osten ins Land kommen.

Schwarzafrikaner werden in Libyen regelmässig Opfer von Rassismus und Gewalt. «Ich bin zweimal von Libyern überfallen worden», sagt Ali. Sie nahmen ihm das Handy ab und das Geld, mitten in Tripolis. Zur Polizei kann er nicht gehen, weil er keine Papiere hat. Am Morgen erst hätten Beamte zwei Freunde verhaftet, erzählt er. Kaum einer hat eine Aufenthaltsgenehmigung, die einzige Hoffnung ist, sich aus den Fängen der Polizei herauszukaufen. Sonst enden die Migranten in den berüchtigten Internierungslagern, die total überfüllt sind. Oft gibt es nicht einmal genug zu essen und zu trinken, keine Toiletten oder Duschen. Misshandlungen sind auch hier üblich. Betrieben werden die Camps zum Teil von der Regierung oder den lokalen Behörden, manche aber auch von Milizen, die am Menschenschmuggel verdienen.

«Du kannst hier immer noch gutes Geld machen», sagt Abdulmalek, ebenfalls aus Nigeria. Er ist seit 1996 in Libyen und arbeitet als Elektriker. «Wenn es genug gute Jobs in Nordafrika gibt, geht niemand mehr nach Europa», prophezeit er, der inzwischen selbst Teil des Schleppernetzwerks ist. Drei Viertel ­seiner Kunden würden aber derzeit das direkte Ticket nach Europa buchen, sagt er. Es kostet umgerechnet 3000 Franken, die Reise nur nach Libyen 1200, die Überfahrt nach Europa alleine zwischen 800 und 1200 Franken.

«Wenn wir uns über den Preis geeinigt haben, gebe ich dem Kunden eine Handynummer», erklärt Abdulmalek. Ein Anruf, und seine Kunden sind auf dem Weg nach Niger, ein Visum brauchen sie nicht. «Immer montags starten sie dann zum Trip durch die Wüste», sagt Abdulmalek. Von Agadez, im Norden Nigers, fährt ein Konvoi «mit mindestens 150 Toyota Hilux»; jeder Pick-up transportiert 20 bis 30 Menschen auf der Ladefläche. Der Grenzposten wird bestochen. «Und wehe, du hast das Geld nicht», sagt Abdulmalek. «Dann wirst du grausam geschlagen.»

Kaum ein Boot erreicht Italien

Wie viele Menschen auf diesem Weg sterben, ist nicht bekannt. Nicht viele, sagt Abdulmalek. Flüchtlinge berichten dagegen von Misshandelten, von Verdursteten, die Schlepper liessen sie am Wüstentreck liegen. «Am Donnerstag sind sie schon in Tripolis», sagt Abdulmalek. Wer den Trip nach Europa gebucht hat, wird in sicheren Häusern versteckt, von Fahrern an den Strand gebracht. «Sie geben ihnen einen Kompass, ein Satellitentelefon und genug Sprit, um internationale Gewässer zu erreichen», sagt Abdulmalek. Dort setzen sie einen Notruf ab in der Hoffnung auf Rettung durch Schiffe der Italiener, der EU. «Übergabe an der Zwölfmeilengrenze», nennt es ein für Libyen zuständiger Diplomat. Kaum eines der Boote kann es nach Italien schaffen.

Alle wissen um die Gefahren. «Wenn du keine Risiken eingehst, wirst du nie die Millionen geniessen», sagt Abdulmalek. «Und jeder will Millionär werden.» Auch Ali träumt davon. Im Juli oder August will er fahren. Sein Bruder ist schon in Europa. «Dann werde ich frei sein», sagt er und lacht. Natürlich hat er von kenternden Booten gehört. Von den 340 Toten auf dieser Route allein in diesem Jahr. «Eines Tages musst du ­sowieso sterben», sagt er. Als er nach ­Libyen reiste, habe er auch nicht gewusst, ob er überleben würde. «Man kann nicht immer nur vor allem Angst haben, man muss sich bewegen. Ich ­vertraue auf Gott!»


Die Sorgen der nördlichen Nachbarn

Rom beteuert, diesmal für die Ausnahmesituation vorgesorgt zu haben.

Augusta, Pozzallo, Messina und, natürlich, Lampedusa. Das sind die wichtigsten Ankunftshäfen für Menschen, die in den ersten drei Monaten dieses Jahres in Libyen abgelegt haben und über die Strasse von Sizilien nach Italien kamen. Fast 20'000 Flüchtlinge waren es, 53 Prozent mehr als im selben Zeitraum 2015. Viele von ihnen wurden aus Seenot gerettet und in Auffanglager gebracht. Seit der Schliessung der Balkanroute nimmt man an, dass diese gefährliche Route durch das zentrale Mittelmeer sehr schnell noch viel wichtiger werden wird. Bisher kamen vor allem Menschen aus Westafrika und Ägypten. Doch was ist, wenn bald auch Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak und Afghanistan auf diesen Weg ausweichen?

Es zirkulieren viele Schätzungen. Die meisten sind alarmistisch. Nur die Italiener halten sich bisher mit Spekulationen zurück. Aus dem römischen Innenministerium heisst es, selbst der hohe Rhythmus der Ankünfte zu Jahresbeginn lasse keine Rückschlüsse darauf zu, dass es bis Ende Jahr 300'000 sein werden, wie die österreichische Regierung zuletzt mutmasste. Trotzdem bereiten sich auch die Schweizer Behörden derzeit für den Fall vor, dass innert weniger Tage mehrere Zehntausend Flüchtlinge an der Grenze auftauchen könnten.

Die Sorgen von Italiens nördlichen Nachbarn rühren daher, dass man Rom nicht mehr uneingeschränkt vertraut. In den vergangenen Jahren, als die Zahl der Ankömmlinge in Lampedusa und Sizilien stark zunahm und sich Resteuropa wenig solidarisch zeigte mit Italien, liess dieses viele Migranten einfach weiterreisen, ohne sie davor zu registrieren – dahin, wo die meisten von ihnen ohnehin hinwollten: nach Nordeuropa.

Italien beteuert allerdings, es werde jeden Ankömmling registrieren, dafür seien jetzt vier Hotspots in Betrieb. Ausserdem werde man enger mit den Polizeikorps der Nachbarländer zusammenarbeiten, Informationen austauschen, Züge früher kontrollieren.

Erstellt: 11.04.2016, 20:54 Uhr

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In Griechenland sitzen aber weiter mehr als 50 000 Migranten fest. Alleine bei Idomeni an der Grenze zu Mazedonien sind es über 11 000 Menschen, die auf eine Weiterreise Richtung Norden hoffen. Die Lage ist angespannt. Am Sonntag gingen mazedonische Sicherheitskräfte heftig gegen Flüchtlinge vor, die versucht hatten, den Grenzzaun zu durchbrechen. Griechenlands Premier Alexis Tsipras nannte die Lage in Idomeni gestern «eine Schande» und kritisierte das Vorgehen der mazedonischen Behörden. (TA)

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