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Wer hat Angst vor Julia?

Die Russin Julia Samoilowa (27) darf nicht in die Ukraine einreisen, um am Eurovision Song Contest zu singen. Nun soll sie per Satellit live zugeschaltet werden.

Samoilowa will nicht aufgeben: «Das ist alles so lächerlich», sagt die Sängerin, die seit Kindertagen im Rollstuhl sitzt. Foto: Maria Antipina (AP, Keystone)
Samoilowa will nicht aufgeben: «Das ist alles so lächerlich», sagt die Sängerin, die seit Kindertagen im Rollstuhl sitzt. Foto: Maria Antipina (AP, Keystone)

Mit der Euphorie ist es erst einmal vorbei. «Die Ukraine ist bereit» hatten Kiewer Zeitungen noch vor wenigen Tagen getitelt: Eine Delegation aller 43 Teilnehmerländer sei in der Stadt gewesen, um die Vorbereitungen für den Eurovision Song Contest zu prüfen. Und Jon Ola Sand, Chef-Supervisor bei der für den ESC verantwortlichen Europäischen Rundfunkunion (EBU), sei nachgerade begeistert gewesen, schreibt «Zerkalo Nedeli», «alle Fragen, die in den vergangenen acht Monaten aufgetaucht sind», seien gelöst, Sand sei «stolz und froh, mitteilen zu können, dass alles fertig ist» für den Wettbewerb.

Das war eine gute Nachricht – nach all den schlechten: dem Rücktritt des halben Planungsteams, Finanzproblemen, Verzögerungen beim Ticketverkauf. Alles gut, also, und nun das: Die Ukraine verweigert der russischen Kandidatin die Einreise. Kritische Reaktionen aus aller Welt, Empörung in Moskau, und eine EBU, die erklärt, man respektiere die Entscheidung, sei aber tief enttäuscht – und werde «den Dialog fortsetzen, um sicherzustellen, dass alle Künstler Mitte Mai am 62. Songcontest teilnehmen können».

«Unsere Politik bestand viel zu lange nur aus Ausnahmen.»

Vizedirektor des ukrainischen Sicherheitsrats

Am Mittwoch war in Kiew verkündet worden, worüber in der ukrainischen Hauptstadt spekuliert worden war, seit Russland Julia Samoilowa für den Contest nominiert hatte. Laut ukrainischem Gesetz muss seit der Annexion der Krim jedem für drei Jahre ein Visum verwehrt werden, der auf die Halbinsel reist, ohne ukrainisches Territorium zu queren. Kiew wertet Reisen in die Region als Grenzverletzung, wenn sie ohne Zustimmung der ukrainischen Behörden geschehen.

Der Geheimdienst SBU verteidigte die Entscheidung, die ohne Ansehen der Person erfolgt sei. «Es tut uns aufrichtig leid, dass russische Polittechnologen dieses Mädchen benutzt haben», sagt der Berater des SBU-Chefs, Juri Tandit. Vor dem Gesetz seien aber alle gleich. Ein Vizedirektor des Nationalen Sicherheitsrats betonte auf Nachfrage, man habe keine Wahl gehabt: «Wir müssen uns an die Regeln halten. Wenn wir ständig Ausnahmen machen, gibt es keine Regeln mehr. Unsere Politik gegenüber der Krim und dem Donbass bestand viel zu lange nur aus Ausnahmen.»

Ein Propagandaerfolg für Moskau

Moskau reagierte erwartungsgemäss. Das Einreiseverbot für die russische Kandidatin sei «ungeheuerlich». Es handele sich um einen «weiteren ungeheuerlichen, zynischen und unmenschlichen Akt», zitierte Interfax Vize-Aussenminister Grigori Karasin. Wie es weitergeht, ist unklar: Moskau hatte sich erst unlängst entschieden, den ESC in Kiew nicht zu boykottieren, den die Ukraine mit dem Siegerlied der Krimtatarin Jamala über das Leid ihrer von der Krim nach Sibirien deportierten Grossmutter errungen hatte.

Nach der Absage für Samoilowa hatte es anfänglich geheissen, dann schicke man niemanden und lasse die Künstlerin nächstes Jahr antreten. Bei der EBU wird aber offenbar überlegt, ob eine Liveschalte möglich seien. In einem Statement auf des ESC-Website schreibt die EBU: «In einem noch nicht dagewesenen Schritt haben wir dem russischen Fernsehen angeboten, Julia live per Satellit am zweiten Halbfinale teilnehmen zu lassen.»

Ohne zu viel Kremlologie zu betreiben, darf allerdings vermutet werden, dass Moskau die aktuelle Aufregung gerade recht ist. Die behinderte Künstlerin als Opfer der hartleibigen, unmenschlichen ukrainischen Behörden, die den ESC unnötig politisieren – das ist ein Propagandaerfolg. «Sie haben Angst vor Julia» verkündeten denn auch die Hauptnachrichten im russischen Staatssender Rossija nach der Entscheidung – Angst vor diesem zerbrechlichen Wesen im Rollstuhl mit dem fröhlichen Lachen.

Hatte der ukrainische Geheimdienst das Einreiseverbot für die 27-jährige Sängerin nicht mit der nationalen Sicherheit begründet? Jossif Kobson, alternder Schlagerstar, Abgeordneter der Kreml-Partei Einiges Russland und wegen seiner Unterstützung für die sogenannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk auf der EU-Sanktionsliste, legte nach: «Wenn ihnen unser zauberhaftes Mädchen im Rollstuhl Angst gemacht hat, was werden sie erst sagen, wenn wir mit anderen Fahrzeugen kommen?», sagte er dem Sender. Eine unterschwellige Drohung – und eine Erinnerung daran, dass seit drei Jahren längst «andere Fahrzeuge» aus russischen Beständen in der Ostukraine im Einsatz sind.

Die junge Sängerin selbst wirkt derweil glaubwürdig naiv: ein Mädchen, das wegen einer Knochenkrankheit seit Kindertagen im Rollstuhl sitzt und die Musik als Weg gefunden hat, um sich zu zeigen. Erst auf der Bühne im Haus der Pioniere ihrer Heimatstadt Uchta im russischen Norden. Später in der Talentshow «Faktor A», die sie bekannt machte. Bei ihrem Auftritt zur Eröffnung der Paralympischen Spiele in Sotschi 2014 rannen ihr Tränen übers Gesicht.

«Um Politik ging es dabei überhaupt nicht.»

Julia Samoilowa über ihr Krim-Konzert

2015 dann jener verhängnisvolle Auftritt bei einem Musikfestival in Kertsch. «Ich habe nur gesungen, um Politik ging es dabei überhaupt nicht. Ich bin in Kertsch aufgetreten wie in jeder anderen Stadt», sagt Samoilowa jetzt. Seit ihrer Nominierung vor zehn Tagen wird sie durch die Talkshows gereicht, was einen guten Nebeneffekt hat: Das Leben von Behinderten ist auf einmal ein Thema.

Eine junge Frau, die eigentlich immer nur singen wollte, ist also zwischen die Fronten eines internationalen Konflikts geraten. Oder dorthin geschoben worden – denn als das russische Staatsfernsehen sie nominierte, war klar, dass sie vorher auf der Krim aufgetreten war, nachdem Russland ja eigentlich gar nicht teilnehmen wollte an dem Gesangswettbewerb in Kiew in diesem Jahr. Zumal dem eigenen Bewerber Sergej Lasarew nach russischer Lesart im vergangenen Jahr der Sieg gestohlen wurde: Er lag in der Zuschauerwertung vorn, bekam von der Jury aber so wenig Punkte, dass am Ende die Krimtatarin Jamala für die Ukraine siegte.

Kiew wirft dem Kreml Provokation vor

Nun hat Kiew Moskau diese unangenehme Entscheidung zuverlässig abgenommen. Noch will Samoilowa nicht aufgeben. «Ich weiss nicht, das ist alles so lächerlich. Ich verstehe gar nicht, woher diese ganze Aufregung kommt», sagte sie am Mittwoch. Sie werde sich weiter vorbereiten. Wladimir Putins Sprecher Dmitrij Peskow äusserte am Donnerstag die Hoffnung, dass Kiew das Einreiseverbot noch einmal überdenke. Andernfalls werde dem Song Contest «beträchtlicher Schaden» zugefügt.

Eben deshalb ist man in Kiew besonders empört, wo die Überzeugung herrscht, der Kreml habe Samoilowa nur ausgewählt, um zu provozieren. Der Kolumnist Olexij Minakow schreibt in der «Kyiv Post», Russland habe die Ukraine mit znyischem Kalkül unter Zugzwang gesetzt. Hätte Kiew einen Präzedenzfall geschaffen und sie einreisen lassen, hätte der Kreml das als Zeichen gewertet, dass die Ukraine Moskaus Gebietsansprüche stillschweigend anerkennt. Nun, da das Visum nicht erteilt wurde, stehe man als inhuman da. Mit Propaganda würden hier Emotionen geschürt, so Minakow.

Der ESC ist also, wie schon so oft, zum Politikum geworden. Nur die Buchmacher zeigen sich unbeeindruckt. Sie sehen Italien vor Schweden und Belgien. Kiew und Moskau spielen keine Rolle.

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