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Wer recherchiert, wird bestraft

Die Journalistin Pavla Holcova wird in der Slowakei verhört.

MeinungBernhard Odehnal
Die Polizei kam auf sie zu. Aber nicht, um sie zu beschützen. Sondern, um sie in die Mangel zu nehmen: Pavla Holcova. Foto: PD
Die Polizei kam auf sie zu. Aber nicht, um sie zu beschützen. Sondern, um sie in die Mangel zu nehmen: Pavla Holcova. Foto: PD

«Eine Story kann man nicht töten.» Das schrieb Pavla Holcova, kurz nachdem in der Slowakei die Leichen des Journalisten Jan Kuciak und seiner Verlobten Martina Kusnirova entdeckt worden waren. Die tschechische investigative Journalistin Holcova traf die Nachricht besonders hart. Sie hatte mit «Jano», wie sie Kuciak nannte, fünf Jahre lang zusammengearbeitet, an den Panama Papers, den Paradise Papers und an Kuciaks letzter Recherche über Verbindungen der slowakischen Politik zur italienischen Mafia.

Kollegen rieten der 37-Jährigen deshalb dringend, selbst um Polizeischutz anzusuchen. Die Polizei kam zwar von sich aus auf Holcova zu. Aber nicht, um sie zu beschützen. Sondern, um sie in die Mangel zu nehmen. Diese Woche wurde die mehrfach ausgezeichnete Gründerin des Prager Zentrums für investigativen Journalismus zu einem Gespräch mit slowakischen Ermittlern nach Bratislava gebeten. Es sah nach einem freundlichen Treffen zwecks Informationsaustausch aus. Zumindest hatte Holcova allen Grund zu dieser Annahme: Vor knapp drei Monaten wurden Kuciak und Kusnirova ermordet, bis heute kann die Polizei keinen Ermittlungserfolg vorweisen. Sie könnte also Hilfe einer Recherche-Expertin durchaus gebrauchen.

Umso grösser war die Überraschung der Tschechin, als das Gespräch schnell zum Verhör wurde. Acht Stunden lang musste Holcova Fragen beantworten, die so gar nicht zu Mordermittlungen passten. «Die Polizei schien mehr interessiert an unserer internen Kommunikation und der Kooperation mit anderen Medien», heisst es in der Mitteilung des internationalen Recherchenetzwerks OCCRP (Organized Crime und Corruption Reporting Project), für das Holcova tätig ist. Holcova wurde beschuldigt, dass sie immer schon «gegen das System» gewesen sei. Zuletzt wurde Holcova gezwungen, ihr Mobiltelefon abzuliefern. Ihre Beteuerung, auf dem Telefon seien keinerlei Daten in Zusammenhang mit dem Mordfall Kuciak gespeichert, interessierte die Beamten nicht.

Journalisten werden als Feinde betrachtet

Die Polizei nimmt bis jetzt zu dem Vorfall nicht Stellung und ignoriert die Aufforderungen von OCCRP, das Telefon der Journalistin rauszurücken. Deren unfreundliche Behandlung deutet darauf hin, dass die slowakischen Behörden Journalisten weiterhin als Feinde betrachten. Oder als «antislowakische Prostituierte», wie es der mittlerweile zurückgetretene Regierungschef Robert Fico formulierte.

Holcova ist zurück in Prag. Ohne Mobiltelefon. Und ohne die Illusion, dass die slowakische Polizei tatsächlich interessiert wäre, den oder die Mörder Kuciaks und Kusnirovas zu finden. Der Mord habe sie wichtige Dinge gelehrt, schrieb sie im März: vor allem, wie wichtig es sei, zusammenzuarbeiten, Informationen zu teilen und «unser Bedürfnis nach Exklusivität und Konkurrenzkampf zu vergessen».

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