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Wer Wind sät

Korsika ist die ärmste Region Frankreichs und zugleich jene mit dem höchsten Anteil an Muslimen. Hier zeigen sich die Folgen des neuen Terrors für die französische Gesellschaft.

MeinungMartina Meister
An Weihnachten 2015 arteten in Ajaccio Protestmärsche von Korsen gegen muslimische Einwanderer in fremdenfeindliche Hetze aus. Foto: Yannick Graziani (AFP)
An Weihnachten 2015 arteten in Ajaccio Protestmärsche von Korsen gegen muslimische Einwanderer in fremdenfeindliche Hetze aus. Foto: Yannick Graziani (AFP)

In den «Gärten des Kaisers» liesse es sich ganz gut leben, wenn die Zeiten andere wären. Als die Häuserriegel in den 60er-Jahren hochgezogen wurden, gab man ihnen die Namen der Familie des korsischen Herrschers: Napoléon, Joséphine, Laetitia. Heute wohnen hier vor allem Menschen mit Namen wie Nourdine, Mohamed oder Leila. Der Putz fällt von den Mauern, selbst die Königspalmen haben ihre Wedel verloren und stehen kahl in der Gegend herum.

Vom Viertel der «Jardins des Empe­reurs», hoch oben über Korsikas Hauptstadt Ajaccio, sieht man unten das Mittelmeer liegen. Im Sommer fegen hier frische Brisen durch, im Winter ist das Meer zu fern, als dass sich seine klamme Macht bemerkbar machte. «Es gibt nicht einmal Ratten», sagt Félix Bonardi, seit den 90er-Jahren Sozialarbeiter, «aber trotzdem hocken wir hier oben irgendwie in der Falle, eingeklemmt zwischen den neuen Fronten.»

Bonardi sitzt in der Wintersonne auf den Stufen vor seinem Büro, die schwarz-grau gescheckte Militärmütze tief über die Stirn gezogen, der Bart grau meliert. Er kneift die Augen zusammen und zeigt auf die verschleierten Frauen, die vorbeigehen. Sie tragen inzwischen fast alle Schleier hier, in den «Jardins des Empereurs», während die Männer, viele von ihnen, in langen Gewändern herumgehen. Die Hälfte der rund 1700 Anwohner hier sind Einwanderer aus dem Maghreb. Mit ihnen hat ein strenger Islam in den letzten Jahren Einzug gehalten, teilweise in radikaler Form, und das, sagt Sozialarbeiter Bonardi, schüre den Ärger der Korsen. Rassismus will er das nicht nennen. «Wer Wind sät», sagt Bonardi, «der erntet nicht Sturm, sondern Krieg, auf Korsika.» Die neuen Fronten.

«Araber raus!»

Jahrelang gab es keine Probleme hier im Viertel. Dann kam das Weihnachtsfest von 2015. Freiwillige Feuerwehrleute waren in eine Falle gelockt worden. Als sie an Heiligabend anrückten, um zu löschen, wurden sie mit Baseballschlägern, Stangen und Steinen angegriffen und als «dreckige Korsen» beschimpft. In den Tagen darauf kam es zu Protestmärschen von Korsen Richtung «Jardins des Empereurs», die in fremdenfeindliche Hetze ausarteten. Mit ­Rufen wie «Arabi fuori!», «Araber raus!», stürmten die Demonstranten den Berg hoch, hämmerten gegen Türen und säten Angst. Das Viertel musste von Einsatzkräften abgeriegelt werden – der Präfekt verbot Versammlungen. Wenige Tage später wurde ein muslimischer ­Gebetsraum im benachbarten Quartier Saint-Jean zertrümmert, der Koran ging dabei in Flammen auf.

Im vergangenen Sommer kam es wieder zu hässlichen Szenen auf Korsika, dieses Mal im Norden der Insel. Eine Schlägerei am Strand geriet zum weltweiten Medienereignis: Marokkaner hatten Jugendliche aus Sisco angegriffen, das halbe Dorf rückte an zur Unterstützung. Steine flogen, Autos brannten, man ging mit Tauchharpunen aufeinander los, CNN flog ein Kamerateam ein und berichtete vom «Kampf der Kulturen». Aber was wie ein entgleister Burkini-Streit wirkte, war in Wahrheit nur eine «jämmerliche Schlägerei», wie es der Staatsanwalt später formulierte, die komplett aus dem Ruder gelaufen war – weit entfernt von dem, was die Weltmedien darin sehen wollten, eben keine blutige Auseinandersetzung zwischen radikalisierten Islamisten und bösen korsischen Rassisten.

Die Angst im Bauch

Dennoch gab es danach Rachefeldzüge von Gruppen wütender Korsen nach Lupino, einem Vorort von Bastia, in dem viele Muslime wohnen. «Arabi fuori.» «Araber raus.» Wieder dieselben Rufe. Wieder Morddrohungen. Wieder die Angst im Bauch der Menschen.

Imen kennt dieses Gefühl, sie ist vor sechs Jahren aus Tunesien nach Korsika gekommen. Jetzt spricht sie von Umzug. Sie steht vor der Grundschule der «Jardins des Empereurs» in Ajaccio und holt ihre drei Kinder ab. «Hier gehen nur noch Araberkinder zur Schule und ein paar Portugiesen.» Die Korsen, die hier noch wohnen, haben ihre Kinder längst woanders untergebracht.

Immer öfter hört Imen Beleidigungen. Neulich sagte die Nachbarin zu ihr: «Eine Scheissreligion habt ihr.» Wenn sie ins Zentrum von Ajaccio fährt, erzählt die 34-Jährige, binde sie ihren Schleier hinter dem Kopf zusammen, das sei unauffälliger. Neulich kam sie zu ihrem Frauenarzt, der sie aufforderte, das Kopftuch abzulegen. «Ich bin seit fünf Jahren bei diesem Arzt, nie hat er was gesagt, und plötzlich soll ich den Schleier ablegen?» Weinend verliess sie die Praxis. Seit dem Marsch der Fremdenhasser, sagt sie, denke sie daran, nach Tunis zurückzukehren. «Ich fühle mich nicht mehr sicher hier.»

Wenn es um Fragen der Identität geht, liegen auf Korsika die Nerven blank, die Waffen sitzen locker.

Korsika ist die ärmste Region Frankreichs und zugleich diejenige mit dem höchsten Anteil an Muslimen. Von den 320 000 Einwohnern kommen geschätzte 50 000 aus dem Maghreb, die Mehrheit sind Marokkaner. Aber noch etwas unterscheidet die Insel vom französischen Festland: Sie kämpft seit bald einem halben Jahrhundert um ihre Unabhängigkeit von Frankreich. Wenn es um Fragen der Identität geht, liegen auf Korsika die Nerven blank, die Waffen sitzen locker, und lange Zeit explodierten Bomben.

Inzwischen setzen die Separatisten auf die Sprengkraft der repräsentativen Demokratie. Seit einem Jahr sind sie ins Regionalparlament eingezogen und stellen die Regierung. Anfang Mai beschloss die letzte bewaffnete Fraktion der korsischen Nationalen Befreiungsbewegung (FLNC), die Waffen niederzulegen.

Doch Korsika hat ein neues Problem: Es ist, als seien die Folgen des islamistischen Terrors, der Frankreich seit anderthalb Jahren erschüttert, hier noch mächtiger und zerstörerischer am Werk. Es wirkt, als läge das französische Dilemma hier wie unter einem Brennglas, als sei das Gemisch aus wirtschaftlicher Not, identitärer Frustration und der Präsenz einer muslimischen Minderheit, die sich immer mehr abkapselt, leichter entflammbar als auf dem französischen Festland.

Der Sturz von Gesellschaften

Jérôme Ferrari, Schriftsteller und Goncourt-Preisträger, sitzt auf der Terrasse des Café Le Pigale in der Hauptstadt Ajaccio, abendlicher Regen trommelt auf die Markise. In seinem preisgekrönten Roman «Predigt auf den Untergang Roms» beschreibt er, wie die Bar eines korsischen Dorfs zum Schauplatz bestialischer Gewalt wird. Es ist der Sturz von Gesellschaften, der ihn interessiert. Und diesen Sturz – er fühlt ihn nahe. Ferrari sieht ihn so gewaltsam und so ­brutal vor Augen, dass der Terror der korsischen Separatisten daneben «nahezu anekdotisch» wirkt, wie er es im Gespräch formuliert: «Es gibt immer mehr Islamisten unter den Muslimen und immer mehr islamophobe Verteidiger einer falschen Laizität in der französischen Gesellschaft. Sie schaukeln sich gegenseitig hoch. Das ist ein explosives Gemisch. Aber wenn es schiefläuft, dann gehts ganz schnell. Im ehemaligen Jugoslawien haben sie, ehe sie sichs versahen, auf ihre Nachbarn geschossen, die am Abend zuvor noch die eigenen Kinder gehütet haben.»

Sind die Korsen fremdenfeindlich, wie es das Gros der Festlandfranzosen von ihnen glaubt? Nein, sagt Ferrari, er hält es für einen grossen Irrtum, alles auf einen korsischen Charakter zurückzuführen.

Auch Gilles Simeoni, Korsikas Regierungschef, winkt ab: «Vorurteile», «Korsenfeindlichkeit». Simeoni, Sohn des Mitbegründers der korsischen Separatistenbewegung, selbst Nationalist, inzwischen stolzer Präsident der Territorialverwaltung, empfängt in seinem Amtssitz, dem ehemaligen Grand Hotel Continental, einem Bau aus der Belle Epoque, die Architektur klassizistisch-italienisch, der Garten tropisch und duftend. Einst sind hier Kaiserin Sissi und der Schriftsteller Joseph Conrad durchspaziert. Von Simeonis Schreibtisch aus fällt der Blick aufs offene Meer. Die Szene wirkt wie ein Gemälde. Auf dem Tisch stehen die Europafahne und die Flagge mit dem korsischen Maurenkopf – die französische Trikolore fehlt. Simeoni hielt seine Antrittsrede auf Korsisch, den Amtseid legte er auf die Schrift des korsischen Freiheitshelden Pasquale Paoli ab.

Als Ex-Innenminister Bernard Cazeneuve im September beschloss, das wilde Flüchtlingscamp von Calais aufzulösen und die Menschen in Aufnahmezentren über das ganze Land zu verteilen, mit Ausnahme von Korsika, schien sich das alte und immer wiederkehrende Vorurteil der fremdenfeindlichen Korsen zu bestätigen, denn zwischen den Zeilen konnte man lesen: Es kommen keine Flüchtlinge nach Korsika, aus Angst vor fremdenfeindlichen Ausschreitungen. Aber Regierungschef Simeoni ist sichtlich verärgert über die Ungleichbehandlung durch die Pariser Regierung: «Selbstverständlich sind wir bereit, Flüchtlinge aufzunehmen. Das ist unsere Tradition auf Korsika: Vor 100 Jahren haben wir 1000 Syrer aufgenommen, verfolgte Juden. Sie sind Korsen geworden.»

Aber was ist mit den Vorfällen von Ajaccio und Sisco? Was mit den Eltern, die die Schule boykottierten, weil ihre Kinder einen Beatles-Refrain nicht nur auf Korsisch und Französisch, sondern auch auf Arabisch singen sollten? Alles Ereignisse, die von den Medien hochgeschaukelt worden seien, sagt Simeoni: «Korsika ist ein Modell für Toleranz. Wir wehren uns aber gegen diejenigen, die unsere Kultur und unsere universellen Werte nicht respektieren.»

Wenige Tage nach dem Attentat von Nizza hat das korsische Parlament eine Resolution verabschiedet: Paris solle radikalisierte Imame aus Korsika ausweisen und ihre Moscheen schliessen. Noch in derselben Nacht meldeten sich die Untergrundkämpfer des «FLNC – 22. Oktober» zu Wort, die im April ihre Waffen abgelegt hatten. Da standen sie wieder, schwarz vermummt, Sturm­gewehre über der Schulter, und drohten zum ersten Mal den Terroristen des sogenannten Islamischen Staates: «Wir werden auf jeden Angriff gegen unser Volk eine unerbittliche Antwort folgen lassen, und wir werden nicht zimperlich sein.» Ihr Ratschlag an die korsischen Muslime: wachsam sein, Position beziehen, diejenigen melden, die Nikab oder Burka tragen und sich radikalisieren. In derselben Mitteilung behaupten sie, ein Attentat auf korsischem Boden vereitelt zu haben.

Hang zur Selbstjustiz

Die Botschaft an die Pariser Regierung ist eindeutig: Dort, wo sie und ihre Instanzen versagen, werden die korsischen Separatisten in alter Tradition selbst zu den Waffen greifen. Der historische Hang zur Selbstjustiz und das Misstrauen gegenüber dem Pariser Rechts­apparat ist jüngst erst wieder durch ein strenges Urteil der Pariser Richter gegen junge korsische Separatisten genährt worden.

«Wenn auf Korsika ein Attentat passiert, würde es einen Bürgerkrieg geben», prophezeit Regierungschef Gilles Simeoni, und er meint das nicht metaphorisch. Die Kriegserklärung der Separatisten gegen den IS bezeichnet er ­diplomatisch als ein weiteres Element, das eine «ohnehin schon komplizierte ­Situation noch komplizierter macht». Und Simeoni differenziert: «Die Terroristen wollen die Gesellschaft spalten. Wenn es wie nach den Ereignissen in Ajaccio und Sisco so aussieht, dass die Korsen die Muslime ablehnen, dann könnte sie das auf die Idee bringen, hier schneller zu ihrem Ziel zu kommen als anderswo.» Es könnte dann Kettenreaktionen geben, die unkontrollierbar wären. «Und das», sagt Simeoni, «das wäre fatal.»

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