«Als hätte man nur die Bombe verhaftet»

Erstmals erzählen die drei Söhne der ermordeten Journalistin vom Anschlag auf ihre Mutter – und vom Versagen des maltesischen Staates.

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Matthew Caruana Galizia32 Jahre alt

«Ich parkte das Auto, in dem meine Mutter starb, vor dem Haus der Familie. Das war am Abend vor ihrem Tod. Einer der Täter versteckte sich damals in einem Busch und zeichnete das Funksignal des Autoschlüssels auf. Damit konnte er den Wagen später unbemerkt aufschliessen. Das Unheimliche ist, dass er sich die ganze Zeit im Gebüsch vor dem Garten versteckte. Die Ermittler sahen das später an seinem Mobilfunksignal. Um zwei Uhr morgens bewegte er sich. Die Polizei nimmt an, dass er dann das Auto öffnete und die Bombe unter dem Sitz befestigte. Dann bewegte er sich bis 15.30 am nächsten Tag nicht mehr. Vor unserem Haus gibt es grosse Sträucher. Man kann sich gut verstecken. Offenbar war er die ganze Zeit da.

Der nächste Morgen war sehr ruhig. Die Sonne schien, die Luft war schwer. Ich habe mit meiner Mutter zum letzten Mal gesprochen, als sie sich von mir verabschiedete. Wir lachten beide.

Drei Minuten später hörte ich die Explosion.

Video – Am 16. Oktober 2017 wurde Daphne Caruana Galizia ermordet

Vor einem halben Jahr starb Maltas bekannteste Journalistin Daphne Caruana Galizia bei einem Bombenanschlag. Video: Tamedia/Storyful

Die Fenster des Hauses zitterten. Ich wusste sofort, dass es nichts anderes sein kann. Ich war in Panik. Die Hunde bellten wild. Ich knallte den Laptop zu. Riss die Tür auf. Das Erste, was ich hörte, als ich auf die Strasse kam, war dieses Geräusch einer Hupe. ‹Eeeeeee....›. Es hörte nicht auf. Es ging einfach immer weiter. Ich sprintete den Weg runter. Barfuss. Auf halben Weg sah ich eine gewaltige Rauchsäule. Es war kein sanft steigender Rauch, wie bei einem Lagerfeuer. Es war eine wilde, schwarz-wogende Wand. Als ich ankam, stand ich vor einem Krater in der Strasse. Rund herum sah es aus wie auf einem Schlachtfeld. Bäume und Sträucher standen in Flammen. Glas und Plastikteile übersäten die Strasse. Ich sah das alles. Ich dachte, ‹Ok, aber wo ist das Auto?› Ich konnte das Auto nicht sehen.

Schliesslich erkannte ich in einem der Felder weit weg einen riesigen Feuerball. Das Auto wurde über ein ganzes Feld geschleudert. Ich rannte los. Ich dachte, ‹vielleicht ist es ein anderes Auto, bitte lass es ein anderes Auto sein, bitte, sei ein anderes Auto›. Ich konnte nicht erkennen, was für eine Marke es war. Es war zu viel Feuer. Ich lief um das Wrack. Da lag eine Radkappe. Auf der Unterseite erkannte ich ein Peugeot-Logo. Wir haben ein Peugeot. Dann sah ich die ersten Buchstaben des Nummernschildes ‹QQ›. Da wurde mir klar, und ich dachte, ‹Oh, Gott›.

Der Wind fachte das Feuer an. Es gab ein Geräusch von sich. Wie ein Brüllen. Und die Hupe dröhnte immer weiter. Die Explosion hatte die Türen aussen gebogen. Sie standen offen. Aber ich konnte nicht reinfassen. Es war zu heiss. Also habe ich mich nach einem Stock umgesehen. Erst da bemerkte ich, dass man im Inneren des Autos nichts sah. Da war einfach nichts. Es war nur Feuer. Ich suchte die Silhouette eines Körpers, aber da war nichts. Ich blickte auf den Boden. Dann sah ich ein Bein.

Ich dachte ‹Ok, versuch die Dinge logisch zu sehen. Da ist ein Bein auf dem Boden. Und da sind Körperteile. Es ist klar, dass niemand das überleben konnte. Es ist also alles hoffnungslos.› Ich erinnere mich, wie ich diese Berechnungen gemacht habe. Ich erinnere mich, dass ich dachte, dass das vielleicht kein Bein ist. Aber dann dachte ich mir, was es sonst sein könnte. Es ist ja kein Stück Holz. Also ist es ein Bein.

Später habe alle angerufen. Bei meinem jüngeren Bruder Paul war es am schlimmsten. Er stand unter Schock, er konnte nichts sagen. Ich hörte seine Stimme brechen, als er anfing zu weinen.»

Paul Caruana Galizia29 Jahre alt

«Meine Freundin rief mich an und sagte, ‹du musst sofort ans Telefon gehen›. Ich rief meinen Bruder Matthew zurück. Ich hörte, dass er im Freien war, und ... und er sagte mir, dass ich sofort zurückkommen muss. ‹Du musst jetzt nach Hause kommen. Etwas ist passiert, du musst nur zurückkommen.›

Ich hatte eine dieser Erfahrungen, wo man glaubt, sich selber von aussen zu betrachten. Es schien eine Ewigkeit zu vergehen zwischen den Sätzen meines Bruders. Ich sagte immer wieder ‹Was? Was ist passiert? Du musst mir sagen, was passiert ist!› Und er meinte dann, da war eine Bombe im Auto unserer Mutter. Und er sagte nur, ich glaube nicht ... ich glaube nicht, dass sie es geschafft hat. Ich bin vollkommen erstarrt, wie eingefroren.

Die Tage danach waren – es ist schwer auszudrücken, wie es ist, seine Mutter zu verlieren auf diese Weise, oder jemanden, der einem sehr nahesteht. Es ist schwer auszudrücken, wie anders sich alles anfühlt. Wir, die ganze Familie, zogen uns zurück in unser Haus. Etwa zwei Wochen lang. Das Hauptanliegen des Premierministers war damals, den Tod unserer Mutter wie einen PR-Coup auszuschlachten. Er belästigte uns die ganze Zeit. Er rief unseren Vater an. Er benutzte Handlanger, die in seinem Namen bei uns anriefen. Er wollte unsere Zustimmung, damit er in der Öffentlichkeit sagen kann, die Familie stehe hinter ihm.

Bilder – Bombenanschlag auf maltesische Journalistin

Als das fehlschlug, brachte er die Präsidentin dazu, unseren Vater anzurufen und uns alle zu belästigen. Wir sollten öffentlich auftreten – und versichern, dass die Regierung die Dinge unter Kontrolle hat. Als sie nicht durchkam, fing die Präsidentin an, mit unterdrückter Nummer anzurufen.

Es gab ein völliges Versagen, die prominenteste und offensichtlich am meisten gefährdete Bürgerin des Landes zu schützen. Und das trotz der vielen Anschläge und Drohungen. Einem unserer Hunde hatte man die Kehle aufgeschlitzt und seine Leiche vor unsere Haustür gelegt. Zwei weitere Hunde hatte man vergiftet. Es kam bereits zu zwei Brandstiftungen bei uns, eine mit der klaren Absicht, unsere Mutter zu ermorden. Wir haben bis heute etwa 30 bis 40 Briefe an die Ermittler geschrieben und um die einfachsten Informationen über den Fortgang der Untersuchungen gebeten. Wir haben keine Antworten erhalten. Selbst Fragen nach Massnahmen zu unserem eigenen Schutz hat man uns nicht beantwortet.»

Andrew Caruana Galizia30 Jahre alt

«Die Welt hat sich für uns völlig verändert. Unsere grosse Angst ist, dass das, was in Malta passiert ist, sich auch im übrigen Europa ausbreitet. Wir können uns nicht mehr selbstzufrieden mit den Garantien zufriedengeben, die wir scheinbar haben in Europa. Wenn wir dieses Problem nicht jetzt und hier stoppen, wird es sich ausbreiten, bis ins Herzen Westeuropas.

Wir drei leben heute ausserhalb von Malta. Ich hoffe, dass wir eines Tages in das Land zurückkehren können, das wir kannten. Aber im Moment ist es nicht mehr derselbe Ort. Für uns ist es unmöglich, auf einer kleinen Insel mit Menschen zusammen zu leben, die die Ermordung unserer Mutter in Auftrag gegeben haben. Und mit den Menschen, die nach ihrem Tod feierten. Wir können uns auch nicht auf die Polizei in Malta verlassen. Das war bereits bei den Ermittlungen um die Panama Papers so, und auch bei den Ermittlungen gegen die Pilatus-Bank. Wie sollen wir glauben, dass die Polizei den Mord an jener Journalistin seriös aufklärt, die alle diese Dinge aufdeckte?

Video – Festnahmen im Fall Galizia

Im Dezember 2017 nahm die Polizei mehrere Personen fest. Video: Tamedia/Reuters

Der Premierminister von Malta spricht davon, dass er den Mastermind finden werde. Aber was ist, wenn er selber der Mastermind ist? Was ist, wenn jemand, der mit ihm verbunden ist, der Mastermind ist? Die Polizei untersteht dem Premierminister. Wer würde also gegen ihn ermitteln?

Inzwischen hat man die drei Handlanger verhaftet, die die Bombe platzierten und zündeten. Aber das ist nur dann von Bedeutung, wenn sie Informationen über ihre Auftraggeber verraten. Ansonsten kann keiner einen Schlussstrich ziehen. Auch Malta als Land fände keine Ruhe. Das Trauma bleibt, solange das Motiv nicht geklärt ist. Die drei waren nur ein Werkzeug. Benutzt von den Personen, die den Tod unserer Mutter wollten. Es ist fast so, als hätte man nur die Bombe verhaftet.»

Diese Aufzeichnungen und weitere neuen Erkenntnisse entstammen dem sogenannten Daphne-Projekt, einer internationalen Recherche von 18 Medienorganisationen, geleitet von der gemeinnützigen Rechercheplattform «Forbidden Stories». Zu den Medien, mit denen der «Tages-Anzeiger» kooperiert, gehören die «New York Times», der «Guardian», Reuters und «La Repubblica».

Erstellt: 18.04.2018, 07:39 Uhr

Daphne Caruana Galizia

Die Recherchen der Ermordeten werden weitergeführt

Vor einem halben Jahr, am 16. Oktober 2017, wurde die maltesische Journalistin Daphne Caruana Galizia mit einer Autobombe ermordet. Seit Monaten befinden sich drei Männer in Haft, die laut Ermittlern den Sprengsatz per SMS gezündet haben. Die Beschuldigten haben sich selber noch nicht zu den Ereignissen geäussert.

Die berühmte Journalistin hat sich mit zahlreichen mächtigen Personen auf Malta angelegt, bis hin zum Premierminister. Sie hat jedoch nie über die drei Männer geschrieben, die nun im Visier der Behörden stehen. Die Familie der Journalistin versichert, dass sie keinerlei Beziehungen hatte zu den dreien. Ihnen fehlt somit ein erkennbares Motiv.

Es wird deshalb spekuliert, dass sie einen Auftrag hatten. Gemäss internen Informationen aus der Polizei sind die Ermittler noch keinen Schritt weitergekommen auf der Suche nach möglichen Drahtziehern. Die Familie hegt den Verdacht, dass Exponenten aus Maltas Politik hinter dem Verbrechen stecken. Doch alle Politiker haben solche Anschuldigungen vehement dementiert, auch das Büro des Premierministers. Nach dem Mord reiste eine Delegation des Europaparlamentes vor Ort. Ihre Untersuchung ergab, dass es eklatante Mängel in Maltas Strafverfolgung gebe.
Inzwischen haben sich zahlreiche Journalisten zusammengeschlossen, um die Recherchen der Kollegin aus Malta weiterzuführen. Medien rund um die Welt helfen dabei, darunter die «New York Times», der «Guardian», die «Süddeutsche Zeitung» und auch der «Tages-Anzeiger». Sie wollen sicherstellen, dass nach dem Mord an der Journalistin ihre Recherchen weiterleben. Wer Journalisten zum Schweigen bringen will, soll sehen, dass dies nicht gelingt. Seit dem Anschlag in Malta wurde ein weiterer Investigativ-Journalist ermordet, Jan Kuciak aus der Slowakei. Vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass der russische Recherchespezialist Maxim Borodin aus bislang unbekannten Gründen aus dem Fenster fiel. Er hat den Sturz nicht überlebt. (oz)

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