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Weshalb Brown selbst bei einer Niederlage den Vorzug erhält

Weil keine der drei Parteien die absoluten Mehrheit erhalten wird, dürfte Gordon Brown vorerst das Heft in der Hand behalten. So will es die britische Tradition.

Bleibt zuversichtlich: Gordon Brown zu Besuch in Leeds.
Bleibt zuversichtlich: Gordon Brown zu Besuch in Leeds.
Keystone

Bislang herrschten in Grossbritannien klare Verhältnisse: Nach fast jeder Unterhauswahl erklärte der Vorsitzende der unterlegenen Partei seinen Rücktritt, und der Sieger wurde von der Königin mit der Regierungsbildung beauftragt.

Am Freitag dürfte das anders sein. Bei der Wahl am Donnerstag wird zwar ein Sieg des konservativen Oppositionsführers David Cameron, aber keine absolute Mehrheit für seine Tories erwartet. Damit dürfte vorerst der amtierende Premierminister Gordon Brown das Heft in der Hand behalten.

Keine Premiere

Nach britischer Tradition hat selbst bei einer Wahlniederlage der Regierungschef das Vorrecht, bei unklaren Mehrheitsverhältnissen Sondierungsgespräche mit möglichen Koalitionspartnern aufzunehmen. Zuletzt geschah dies 1974, der britische Premierminister Edward Heath bemühte sich damals vergeblich um eine Zusammenarbeit mit den Liberalen. Am Ende bildete der Labour-Vorsitzende Harold Wilson eine Minderheitsregierung.

Dieses Mal sind die Vorzeichen umgekehrt: Labour-Chef Brown bekommt voraussichtlich eine letzte Chance, sich mithilfe der Liberaldemokraten an der Macht zu halten. «Wenn er das nicht hinkriegt, muss er zurücktreten, und die Königin lädt dann den nächsten in der verfassungsgemässen Hackordnung ein - nämlich Cameron», sagt der Staatsrechtler Gavin Millar.

Wahlkampf bis zur letzten Minute

Offiziell wollte Brown noch am Mittwoch von einem Bündnis mit den Liberaldemokraten nichts wissen. «Ich will eine Labour-Mehrheitsregierung», sagte der Premierminister laut einer Meldung der britischen Nachrichtenagentur PA dem Sender Sky News. Die politischen Vorstellungen der Liberalen seien unrealistisch: «Ich glaube, viele davon sind während einer Dinner-Party auf einer Serviette notiert worden», spottete der 59-Jährige.

Auch Tory-Chef Cameron kämpfte bis zur letzten Minute um eine absolute Mehrheit für seine Partei. Sein Ziel sei «Grossbritannien vor weiteren fünf Jahren Gordon Brown zu bewahren», sagte der 43-Jährige laut PA auf einer Wahlkampfveranstaltung am Mittwochabend. Mehrfach beschwor Cameron nach dem Vorbild von US-Präsident Barack Obama die Notwendigkeit eines grundlegenden politischen Wandels - den es mit einer Koalition der Labour-Partei mit den Liberaldemokraten so nicht geben würde.

Clegg als lachender Dritter

Relativ entspannt konnte am Donnerstag nur der liberale Spitzenkandidat Nick Clegg zur Wahl gehen. Er hat beste Aussichten, ab Freitag sowohl von Brown als auch von Cameron als möglicher Koalitionspartner umworben zu werden - auch wenn er sich damit offiziell natürlich nicht zufrieden geben wollte: «Gebt Euch nicht mit dem zweiten Platz zufrieden», appellierte der 43-Jährige laut PA noch am Mittwoch an seine Wähler.

Regierungsbeamte versuchten unterdessen, die Furcht vieler Briten vor endlosen Koalitionsgesprächen zu lindern. Man sei bestens vorbereitet, verlautete aus Regierungskreisen. Kabinettssekretär Gus O'Donnell reiste vor der Wahl extra nach Neuseeland, um dort zu studieren, wie man mit einem Hängeparlament umgeht - so nennen die Briten eine Volksvertretung, in der keine Partei die absolute Mehrheit hat.

ddp/jak

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