Wie der Themendieb den grossen Sieg einfuhr

Nach der Wahl in Österreich ist klar: Es schadet nicht, mit ausländerfeindlichen Parolen Wahlkampf zu machen. Vom Ende der liberalen Welt, wie wir sie kennen.

Verzauberer der Massen, Entzauberer der FPÖ und auf dem Sprung ins Kanzleramt: ÖVP-Chef Sebastian Kurz während der Wahlen in Wien. Foto: Imago, Eibner

Verzauberer der Massen, Entzauberer der FPÖ und auf dem Sprung ins Kanzleramt: ÖVP-Chef Sebastian Kurz während der Wahlen in Wien. Foto: Imago, Eibner

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Vor der FPÖ-Zentrale warten im Dunkeln zwei schwarze Busse mit laufenden Motoren. Aber niemand steigt ein. «100 Passagiere sind uns angekündigt worden», sagt der unglückliche Busfahrer, der eigentlich begeisterte Funktionäre und hoffnungstrunkene Minister in spe zur Siegesfeier in eine riesige Halle kutschieren sollte. Doch im Medienzentrum der Freiheitlichen hinter dem Wiener Parlament mangelt es an Medien, und es mangelt auch an Begeisterung.

Da hat die FPÖ das zweitbeste Ergebnis ihrer Geschichte eingefahren, fast so gut wie einst unter dem Heilsbringer-Jörgl, dem Haider, und die treulose Meute, die linke Systempresse, die charakterlosen Seitenwechsler, die trinken und jubeln anderswo. Die sind alle beim eigentlichen Wahlsieger, dem nächsten Kanzler, Sebastian Kurz. 31 Jahre jung, Wunderkind, Entzauberer der FPÖ, ­Verzauberer der Massen. Themendieb, wenn es nach der FPÖ geht.

Er möchte echte Veränderung herbeiführen, sagte Kurz bei seiner Rede. Video: Reuters

Und so steht in der Parteizentrale zwischen ein paar freundlichen Funktionären nur noch der Nationalratsabgeordnete Robert Lugar mit einem Bier herum. Er ist noch nicht lange dabei, aber benimmt sich schon wie der Hausherr, schliesslich hat die FPÖ am Sonntag mehr als fünf Prozentpunkte zugelegt, und er hatte auf Platz acht der Bundesliste kandidiert. Na bitte.

Ganz früher war Lugar schon mal bei den Freiheitlichen gewesen, dann untreu geworden. «Aber immer schon», sagt er mit treuem Augenaufschlag, sei er «in der Seele freiheitlich gewesen». Nur weil nichts ging, hat er sich umgeschaut, die Amerikaner würden sagen: He shopped around. Hat bei zwei anderen Parteien angeheuert, bei der Haider-Abspaltung BZÖ, die es nicht mehr gibt, dann im Team Stronach, das es nicht mehr gibt, nun versucht er wieder bei der FPÖ sein Glück. Lugar hat darauf gesetzt, dass die FPÖ diesmal richtig gross wird, war als Kriegsgewinnler auf der Siegerstrasse, sozusagen. Eh voilà. Super Ergebnis.

Aber der Parteiwechsler, Populist und Hofnarr Robert Lugar wäre nicht der, der er ist, wenn sich nicht am Wahltag schon in der Früh in den sozialen Medien grossartige Witze auf seine Kosten verbreiten würden: Lugar habe sich, ist da zu lesen, bei der Stimmabgabe, ein «dreistelliges Ergebnis» gewünscht.

Selbst für Rechenkünstler, von denen es in der Politik bekanntlich viele gibt, ist ein dreistelliges Ergebnis ein Ding der Unmöglichkeit, aber vielleicht ist die Pointe ja symptomatisch für den Weg, den die 27-Prozent-Partei FPÖ gerade nimmt: Da träumt man vom ganz grossen Sieg, steht jahrelang in den Umfragen auf Platz eins, dann kommt ein junger Konservativer, saugt Wähler ab, und obwohl der Sieg immer noch gross ist, wird er schal. So als hätte man einen guten Song geschrieben, landete nach jahrelangem Klinkenputzen bei den grossen Musikfirmen in Charts auf einem hinteren Platz, hatte aber nie den ganz grossen, entscheidenden Number-one-Seller – und dann macht ein anderer Millionen mit der Coverversion.

Egal, gefeiert werden muss, «wir haben zugelegt, das ist doch was», sagt ein FPÖler tapfer, während er seine Zigarette in der lauen Nachtluft austritt, dann klettern ein paar Funktionäre und zwei Journalisten in den halb leeren Bus, um sich zum Festsaal, die Marx-Halle, fahren zu lassen. Marx (wie in: Karl Marx) ist jetzt nicht unbedingt ein Name, mit dem man in der rechten FPÖ viel anfangen kann, aber der moderne Riesenbau, fern der City in einem gentrifizierten Arbeiterviertel gelegen, ist ein grosser Saal, also einer für Sieger. Selbst wenn es nur zweite Sieger sind.

Hier ist alles auf einen, auf «den» Mann ausgerichtet, wie ja überhaupt dieser Wahlkampf auch und vor allem ein Kampf der Männer und der Egos war. Und nein, es ging nicht um Robert Lugar, der das nach seiner Heimkehr in den Schoss der freiheitlichen Partei­familie wahrscheinlich für angemessen gehalten hätte. Im Scheinwerferlicht wie im monatelangen Machorennen stand ganz vorn Heinz-Christian Strache, der gegen den ÖVP-Modernisierer Sebastian Kurz angetreten war und gegen den SPÖ-Kanzler Christian Kern.

Und die Welt starrte, man kann es nicht anders sagen, fasziniert ins kleine Österreich und fragte sich: Wie macht dieser Kurz, dieser Bub, das bloss? Erweckt eine tote Volkspartei wieder und schneidert ihr als netter Populist ein neues Image, verbindlich im Ton, radikal in der Sache? Und der kommt damit durch? Nun liegt das erste Ergebnis vor. Und die nächste Frage lautet, kann, soll man es kopieren? Tut das weh? Und geht dann die liberale Welt, wie wir sie kennen, ganz unter in einem autoritären Neu-Europa?

Es ist wie auf der Studentenparty, aber eher Jura als Soziologie.

Kurz gab sich immer charmant, immer netter Schwiegersohn, Handkuss und Diener, aber er hatte ein straff geführtes Team, devote Mitarbeiter. Perfekte Arbeit, gute Show. SPÖ-Chef Kern hatte miserable Mitarbeiter und eine schlechte Menschenkenntnis, aber in dem eleganten Manager steckt ein Zehnkämpferherz und die Eitelkeit, sich nicht von einem 31-Jährigen vorführen lassen zu wollen. Auch Kern wusste lange nicht, ob er nicht dem Supershootingstar von der ÖVP hinterhereifern sollte, eine Weile blinkte auch er rechts. Es waren dann zum Schluss nur irgendwie zu viele Rechtspopulisten unterwegs, selbst für das strukturkonservative, verführbare Österreich.

Dass die FPÖ nicht den Kanzler stellen würde, war früh im Wahlkampf klar, auch Strache selbst wusste das. Aber er wollte besser sein als FPÖ-Idol Haider. Er wollte es allen zeigen. Dann kam Kurz, der den Zeitgeist nutzte, ihn melkte, ihn steuerte, ihn manipulierte. So schamlos war in den vergangenen Jahren nicht einmal die FPÖ gewesen: nur ein Thema, immer Balkanroute und Ausländer und Asyl und Flüchtlinge? Der FPÖ hatte das immer eher geschadet. Die Welt ist ungerecht.

Nun hat die FPÖ gewonnen, Kurz aber hat gesiegt. Ganz in Türkis, in die neue Farbe der neuen ÖVP, im «neuen Stil», ist daher der Kursalon Hübner in der Wiener Innenstadt getaucht, in dem die Wahlsieger von der neuen Volkspartei ihren Erfolg feiern. Mit den vielen jungen Leuten, die Sebastian Kurz mobilisiert hat, erinnert die Stimmung ein wenig an eine Studentenparty, eine sehr schicke allerdings, eher Jura als Soziologie. Oben auf der Bühne übt sich der als Held und Heilsbringer gefeierte Spitzenkandidat im «Danke-danke-danke»-Stakkato und verspricht, dass jetzt die «Zeit für Veränderung» gekommen sei. «Demut» – sagt er oft. Ob das so bleibt?

Alle wollen die Blauen

Unten im Saal ist schon früh klar geworden, welcher Partner für diese Veränderung bevorzugt wird: Als die ersten Hochrechnungen eingetroffen sind, ist der Jubel für den Zuwachs der Freiheitlichen fast genauso gross wie der über die eigenen Zahlen. «Nur nicht mehr mit den Roten», das sagen hier alle. Der Trend geht klar zu den Blauen, zur FPÖ. Schliesslich war man denen ja auch schon mit dem Wechsel der Parteifarbe von Schwarz zu Türkis auf halbem Weg entgegengekommen.

Strache muss nun also weiter die Welle nutzen, muss zeigen, wer Original, wer Fälschung ist. Österreich rückt nach rechts? Dieser Rechtsruck muss in den Augen der FPÖ zwei Dirigenten haben. Denn wer weiss, wie lange sich Kurz in der Schlangengrube ÖVP hält. Und in einem skeptischen Brüssel. Was, wenn sein mehr als vages Wirtschaftsprogramm nicht funktioniert, wenn er nicht mehr zu bieten hat als Balkanroute und Obergrenze? Was, wenn die Blase platzt?

Dann will man bereitstehen. Und so werden die Anfangsbuchstaben von Heinz-Christian, HC, in meterhohen Lettern an die Saalwände in der Marx-Halle gestrahlt. «HC, wir lieben dich, hoch die Hände, gleich kommt HC», brüllt John Otti, mit seiner Band ewige Begleiterscheinung jeder grossen FPÖ-Show, in den Saal. Aber die Menschen sind müde.

Es ist 21 Uhr, wo bleibt HC, verdammt? Die John-Otti-Band ist jeden Cent ihrer Gage wert: Rot-weiss-rote Flaggen werden geschwenkt, die FPÖ-Hymne «Immer wieder Österreich» wird mit Wiederholungen kunstvoll in die Länge gezogen. «Eine Wahnsinnsstimmung, mei, ja, irre, ihr seid der Wahnsinn», brüllt der Sänger in den Saal, aber die Post geht nicht ab.

Vorn am Eingang stapeln sich derweil mehrere Dutzend Flaschen Pfefferspray, die Security-Leute den Partygästen abgenommen haben. Die Musik dröhnt, die Schnitzel sind schon kalt. Eine ältere Dame ganz in Weiss steht auf dem Tisch und singt mit, als gelte es, einen Krieg zu gewinnen. Neben ihr hockt eine Kleinfamilie, er im Lonsdale-T-Shirt, sie vollkörpertätowiert, das Kind mit Militärhaarschnitt.

Seit drei Stunden warten sie nun alle auf «unseren lieben HC», aber der will und will einfach nicht kommen. Immer mehr Talkrunden bei immer mehr Sendern halten ihn in der Innenstadt auf, was will man machen, also kurbelt, singt, grölt, tanzt und charmiert die Band die Menge, was das Zeug hält.

Strache dürfte es egal sein, wer unter ihm Kanzler ist.

Dann, endlich, marschiert eine kleine Truppe wie Usurpatoren durch den Hintereingang und blockiert den Raum um die Bühne: Straches Leute, der engere Zirkel, Männern mit Tweed-Jacken und Krawatten, mit Schmissen im Gesicht. Vorn, durch den Saal, schieben sich Norbert Hofer, der fast siegreiche Bundespräsidentschaftskandidat, Bodyguards, dann HC himself. Dies ist eine andere FPÖ-Welt, die mit der Basis, die in der Marx-Halle gern den kostenlosen Kartoffelsalat isst, weil der Kühlschrank daheim öfter mal leer ist, nicht viel zu tun hat. In keiner österreichischen Partei ist wohl die Führung so entfremdet, so fern von der Basis: hart malochende Arbeiter, Minijobber, Mindestlohnempfänger, deutschnationale Bauern, Klein- und Wutbürger. Ihnen stehen gegenüber: Burschenschaftler, verarmter Adel, reaktionäre Ideologen.

Strache sieht müde aus, müder als der designierte nächste Kanzler, aber der ist ja 17 Jahre jünger, und ihn trägt grenzenlose Euphorie. Strache tragen Erfahrung und die Gewissheit, dass es diesmal für eine Regierungsbeteiligung reicht. 60 Prozent haben bei der Nationalratswahl am 15. Oktober für zwei Parteien gestimmt, die mit ausländerfeindlicher Propaganda Wahlkampf gemacht haben. Das ist sein eigentlicher Triumph. «Kurz hat uns die Themen geklaut», sagt Strache, aber «wir, die FPÖ, haben Historisches geleistet. Wir haben den Kampf gegen die politische Islamisierung unseres Heimatlandes aufgenommen.» Und dann sagt er einen sehr verräterischen Satz: «Wir geben nicht auf.» Trotz Kurz.

Heinz-Christian Strache ist also tatsächlich so nah wie nie an einer Regierungsbeteiligung, seit er vor zwölf Jahren an die Spitze der FPÖ gerückt ist. Mit Kurz als Kanzler könnte er sich wohl arrangieren, auch wenn er ihn bisweilen als «Shorty» verspottet oder ätzt: «Manchmal habe ich das Gefühl, er wollte eigentlich nur Klassensprecher werden, und dann ist das Ganze eskaliert.» Ein bisschen Neid auf den alerten Jungstar wird da mitschwingen, doch am Ende dürfte es Strache eher egal sein, wer unter ihm Kanzler ist.

Der lange Weg in die Mitte

Hauptsache angekommen, da wo er hinwollte: in der Mitte der Gesellschaft. Für alle ist das ein langer Weg gewesen. Für die Gesellschaft, die weit nach rechts rutschte. Und für Strache, der von ganz weit rechts gekommen ist. Die Schatten der Vergangenheit hat er dabei nie ganz abschütteln können – die Zeltlager bei der «volkstreuen Jugend», die Demos, auf denen er zusammen mit Neonazis marschierte, oder die paramilitärischen Wehrsportübungen, die er in Kärntner Wäldern absolvierte. Die Berichte über seine Nähe zum Rechtsextremismus Ende der Achtziger, Anfang der Neunzigerjahre füllen viele Akten. Er selbst räumt nur ein, dass er ein «Suchender» war. Aber «nie ein Neonazi».

In Österreich selbst hat sich die Auseinandersetzung mit Straches Vergangenheit mittlerweile eher in Fachzirkel verlagert. Überdies feilt der Freiheitliche seit längerem so stringent an einem sanfteren Image, dass sein Lächeln bisweilen wie eine Gesichtslähmung erscheint. Das Kalkül: Wenn er selbst nicht mehr richtig böse ist, dann soll ihm auch niemand mehr böse sein können.

Der Imagewandel, den er seiner Partei und sich verordnete, hat ihn sogar nach Israel geführt. Die FPÖ hat dort nicht den besten Ruf, seit Jörg Haider die «ordentliche Beschäftigungspolitik» im Dritten Reich lobte. Im Jahr 2000 zog Israel seinen Botschafter aus Wien ab, als die Freiheitlichen in die Regierung kamen, und bis heute gilt offiziell ein Kontaktverbot. Strache aber hat das nicht gehindert, im vorigen Jahr schon zum zweiten Mal auf politische Pilgerfahrt nach Jerusalem zu gehen.

Dass er dazugelernt hat, konnte man daran sehen, dass er beim Besuch der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem diesmal keine Kappe seiner Burschenschaft Vandalia mehr trug wie beim ersten Mal, sondern einen schwarzen Hut mit breiter Krempe. Fast sah er damit aus wie ein ultraorthodoxer Jude, und dokumentieren wollte er natürlich, dass er und seine Partei mit Antisemitismus nun wirklich nichts am Hut haben. Auch politisch zeigte er sich aufgeschlossen, besuchte eine israelische Siedlung im besetzten Jordantal und suchte den Schulterschluss mit Israels Rechten. Hilfreich ist da der gemeinsame Feind: der Islamismus. So will Strache aussenpolitisch die Fronten begradigen. Denn ein Koscher-Zertifikat aus Israel dürfte Kritikern viel Wind aus den Segeln nehmen. Auch innenpolitisch gibt er nicht mehr den Anführer der Wutbürger, sondern den auf Fairness bedachten Anwalt der kleinen Leute, die er in seinen Reden gern «die hart arbeitenden Bürgerinnen und Bürger» nennt.

Für Robert Eiter bleibt die FPÖ trotz alledem «im Kern rechtsextrem». Eiter ist Jurist und Vorstandsmitglied im Mauthausen-Komitee Österreich, das aus dem Zusammenschluss der Überlebenden des Konzentrationslagers Mauthausen hervorgegangen ist. Der überparteiliche Verein will die Erinnerung an die Nazigräuel wachhalten und Rassismus bekämpfen. Und bei der FPÖ und ihren Funktionären stösst man dabei auch noch heute auf ein weites Feld.

«Immer wieder zeigt sich eine aus­geprägte Nähe zur NS-Ideologie», sagt Eiter. «Das lässt sich nicht auf Einzelfälle reduzieren.» Von «Einzelfällen» spricht die FPÖ stets, wenn wieder eine Entgleisung bekannt wird. Das Mauthausen-Komitee hat deshalb als «Anti-Ausreden-Broschüre» zum Wahlkampf in diesem Sommer ein Kompendium mit lauter «Einzelfällen» veröffentlicht. 59 sind da allein für die zurückliegende Legislaturperiode aufgeführt. Das geht von Geburtstagsgrüssen eines FPÖ-Funktionärs via Facebook an den Führer («Happy Birthday, Adolf») bis zur Beschimpfung von Flüchtlingen als «Erd- und Höhlenmenschen». Kaum war die Broschüre gedruckt und verteilt, musste das Komitee nachlegen mit neuen Fällen. Noch in der Woche vor der Wahl wurde ein FPÖ-Parlamentskandidat auffällig, als er Fotomontagen von sich selbst als Nazi an seine Lebensgefährtin schickte. Zu sehen ist er da zum Beispiel auf der Anklagebank bei den Nürnberger Prozessen.

Geschadet aber hat auch das der FPÖ nicht, die Wähler sorgten für einen kräftigen Stimmenzuwachs. «Solche Wahlentscheidungen lassen sich nicht verhindern, wenn die Hälfte der Bevölkerung oder mehr solche Vorfälle als Folklore ansieht oder sogar damit sympathisiert», sagt Eiter. Aufrütteln könne man allein die «aufrechten Demokraten».

Wie viele sich noch aufrütteln lassen, das muss sich jetzt wohl bald zeigen. Im Jahr 2000, als der ÖVP-Kanzler Wolfgang Schüssel mit der FPÖ eine Koalition einging, hatten diese Aufrechten mobilgemacht gegen die Rechten. Auf dem Wiener Heldenplatz demonstrierten damals 300'000 Menschen gegen die schwarz-blaue Regierung, zwei Jahre lang zog an jedem Donnerstag ein Protestzug durch die Stadt, und Kulturschaffende wie Elfriede Jelinek spielten öffentlich mit dem Gedanken, das Land zu verlassen.

Rechtsruck in Österreich. Video: Reuters

Und heute? Vieles hat sich eingeschliffen, und die meisten warten ab. Ein Häuflein von 200 Menschen ist am Sonntagabend vors Parlament gezogen, mit roten Fahnen, «Nazi raus!»-Schildern und Bierdosen. Notiz hat kaum einer davon genommen, und nach einer Weile hat sich alles friedlich aufgelöst.

Politik ist in Österreich nie eindeutig, nicht schwarz-weiss. Die FPÖ hat gewonnen und ist enttäuscht. Kurz hat gewonnen und ist, hört man, heimlich enttäuscht; er hatte sich einen Kantersieg, einen Triumph von 40 Prozent gewünscht und zugetraut. Und die SPÖ? Die hat ihr schlechtestes Ergebnis von 2013 nicht verbessert, einen grauenhaften Wahlkampf hingelegt, ihre jahrzehntelange Vormachtstellung verspielt, das Gleichgewicht von Macht und Posten in der Republik zerstört. Und jubelt.

Jubelt? «Bei der nächsten Wahl holen wir die Absolute», ruft Wahlverlierer Christian Kern, in den tosenden Lärm hinein, als die Nachricht kommt, die SPÖ liege einen halben Punkt vor der FPÖ. Sebastian Kurz wird man ertragen, alles hätte man ertragen. Aber nicht: hinter der FPÖ zu landen.

Erstellt: 16.10.2017, 20:49 Uhr

Artikel zum Thema

Kurz muss sich entscheiden

Kommentar Wie Österreichs Wahlsieger eine Chance für Europa sein könnte. Mehr...

Die Rechten stoppt man nicht mit dem eigenen Sündenfall

Analyse Das wird sich rächen: Um den Aufstieg der Populisten zu bremsen, haben Österreichs Grossparteien deren Ideen kopiert. Mehr...

Die Mission des Sebastian Kurz

Sebastian Kurz ist angetreten, Österreichs politisches System aufzubrechen. Kann er als Kanzler auch das Land voranbringen? Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Ganz schön angeknipst: Ein Mitglied des Bingo Zirkus Theater steht anlässlich des 44. internationalen Zirkusfestivals in Monte Carlo auf der Bühne. (16. Januar 2020)
(Bild: Daniel Cole ) Mehr...