Wie die Boulevardpresse den Brexit beeinflusst

Liverpooler hassen das Boulevardblatt «Sun». In der englischen Stadt herrscht weniger EU-Skepsis, zeigt eine Studie der Universität Zürich.

Die täglich erscheinende britische Boulevardzeitung «The Sun» hat aus ihrer Einstellung zum Brexit nie einen Hehl gemacht. Foto: Getty

Die täglich erscheinende britische Boulevardzeitung «The Sun» hat aus ihrer Einstellung zum Brexit nie einen Hehl gemacht. Foto: Getty

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Die britische Boulevardzeitung «Sun» ist berüchtigt für reisserische Überschriften und gepfefferte Kommentare. Das hat ihr nicht nur einige erbitterte Gegner, sondern auch viele begeisterte Leserinnen und Leser eingebracht. In der Region Merseyside, welche die Stadt Liverpool und die dazugehörigen Vororte umfasst, hat sie jedoch nur wenig zu melden. Wer dort am Kiosk nach einem Exemplar der auflagenstärksten britischen Tageszeitung fragt, erntet verständnisloses Kopfschütteln.

Grund dafür ist die Berichterstattung der «Sun» über das Hillsborough-Desaster im Jahr 1989. Damals waren durch eine Massenpanik bei einem Fussballspiel des FC Liverpool 96 Fans der Mannschaft getötet und fast 800 verletzt worden. Durch Probleme beim Einlass strömten kurz vor Anpfiff Hunderte Fans in das Stadion, weswegen die Tribüne überfüllt und zahlreiche Stadionbesucher an den Absperrungen erdrückt wurden. Kurz nach der Katastrophe berichtete die «Sun» unter der Überschrift «The Truth», dass Fans des FC Liverpool die Massenpanik verursacht hätten. Ausserdem seien Rettungskräfte attackiert und Opfer bestohlen worden.

Liverpool-Fans versuchen verzweifelt, dem Gedränge auf den Rängen zu entfliehen: 96 Menschen sterben bei der Massenpanik 1989. Foto: Keystone

Diese Meldung stellte sich schnell als falsch heraus. Dementsprechend gross war die Entrüstung über die Berichterstattung in Merseyside, wo viele der Verunglückten lebten – seitdem wird die Zeitung dort boykottiert.

Forscher der London School of Economics und der Universität Zürich nutzten dieses Phänomen, um den Zusammenhang zwischen der EU-feindlichen Berichterstattung der «Sun» und dem Ergebnis des Brexit-Referendums zu untersuchen. Dazu verglichen sie Umfragedaten aus Merseyside mit Messungen aus ähnlichen Regionen des Landes.

Die Forscher kommen zu dem Ergebnis, dass euroskeptische Ansichten und die Unterstützung für den Brexit in Merseyside deutlich ausgeprägter wären, wenn die «Sun» nicht boykottiert worden wäre. Die Forscher weisen jedoch darauf hin, dass sich dieses Ergebnis nicht unmittelbar auf andere Regionen im Vereinigten Königreich übertragen lasse, weil die demografische Zusammensetzung dort zu anderen Ergebnissen führen könnte.

Dennoch ist das Ergebnis der Untersuchung bemerkenswert, denn schon lange wird über die Rolle der britischen Boulevardmedien beim Brexit gestritten. Viele Politiker und Wissenschaftler erklären die britische Abneigung gegenüber der Europäischen Union mit der euroskeptischen Rhetorik des Boulevards.

Meinungsumfragen reichen nicht aus, um Ursache und Wirkung des Medienkonsums zu unterscheiden

Tatsächlich verbreitete insbesondere die «Sun» vor der Abstimmung mehrmals gezielt Falschnachrichten über die EU und warb bei ihren Lesern offen für den Brexit. Inwiefern die euroskeptischen Artikel jedoch die Meinung der Leserschaft beeinflussten, war bislang fraglich. Schlichte Meinungsumfragen reichen nämlich nicht aus, um Ursache und Wirkung des Medienkonsums voneinander zu unterscheiden. Das hängt mit folgender kniffligen Fragestellung zusammen: Sehen Wähler die EU skeptisch, weil sie eine bestimmte Zeitung lesen oder lesen sie eine bestimmte Zeitung, weil sie der EU kritisch gegenüberstehen?

Häufig lösen Forscher dieses Kausalitätsproblem durch Experimente im Labor. Dabei werden Probanden, ähnlich wie in einer Medikamentenstudie, in zwei Gruppen eingeteilt und zu ihrer politischen Haltung befragt. Dann manipuliert man den Medienkonsum einer der beiden Gruppen und wiederholt die Befragung. Doch diese Herangehensweise erlaubt nur Erkenntnisse über die kurzfristigen Auswirkungen des Medienkonsums. Deswegen nutzt die jüngst erschienene Studie ein «natürliches Experiment». Dabei werden die Probanden durch ein nicht durch die Wissenschaftler kontrolliertes Ereignis (in diesem Fall die Hillsborough-Katastrophe) in eine Experimental- und eine Kontrollgruppe eingeteilt.

Die Skepsis gegenüber der EU wäre höher, wenn die Menschen die «Sun» lesen würden, zeigt die Stude: Demonstration gegen den Brexit in Liverpool. Foto: Keystone

«Wir wissen, dass die Menschen in Merseyside nicht aufgehört haben, die ‹Sun› zu lesen, weil sie ihnen zu euroskeptisch war, sondern weil sie mit der Berichterstattung über die Hillsborough-Katastrophe nicht einverstanden waren», erklärt Florian Foos, einer der Autoren der Untersuchung. Die zufällige Einteilung in zwei Gruppen, erstens Bewohner von Merseyside und zweitens Briten, die in demografisch vergleichbaren Regionen leben, ermögliche es, den Einfluss der «Sun» auf die politische Haltung ihrer Leserschaft zu ermitteln. Dafür nutzen Foos und sein Schweizer Kollege Daniel Bischof die Daten der «British Social Attitudes»-Umfrage, bei der seit 1983 jedes Jahr mehr als 3000 Briten unter anderem nach ihrer Meinung zur EU befragt werden.

Langfristige politische Kampagnen beeinflussen die öffentliche Meinung nachhaltig

«Dadurch können wir belegen, dass der Euroskeptizismus in Merseyside um elf Prozent höher wäre, wenn die ‹Sun› dort nicht boykottiert werden würde», fasst Florian Foos die Ergebnisse der Studie zusammen. Die Bewohner von Merseyside seien vor der Hillsborough-Katastrophe überdurchschnittlich euroskeptisch gewesen, was sich mit der Zeit jedoch umgekehrt habe. 1989 sprachen sich noch 34 Prozent der Befragten in Merseyside für einen EU-Austritt aus, in vergleichbaren Regionen des Vereinigten Königreichs waren es damals 25 Prozent. 2004 befürworteten nur noch 14 Prozent der Bewohner Merseysides einen Brexit – im Vergleich zu 18 Prozent in ähnlichen Regionen.

Die Forscher argumentieren, dass die Veränderung der öffentlichen Meinung sich auch auf das Ergebnis des Brexit-Referendums ausgewirkt habe. In Merseyside stimmten 49 Prozent der Wähler für und 51 gegen den Brexit. Laut Berechnungen der Studie wäre das Verhältnis ohne Boykott der «Sun» 60 zu 40 zugunsten des Brexit gewesen. Daher bestätige die Untersuchung, dass langfristige politische Kampagnen, wie die der «Sun» gegen die EU, die öffentliche Meinung nachhaltig beeinflussen. Es sei deswegen auch wenig überraschend, dass die kurzfristige «Remain»-Kampagne gegen die jahrzehntelange Anti-EU-Rhetorik der Brexit-Befürworter verloren habe.

Erstellt: 17.10.2019, 12:23 Uhr

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