«Für jeden toten Deutschen einen toten Ausländer»

Die Hetzjagd auf Ausländer in Chemnitz sorgt für Entsetzen. Die ostdeutsche Stadt gilt als Hochburg der rechtsextremen Szene.

«Hetzjagden» auf Migranten: Angela Merkel hat via ihren Sprecher mit scharfen Worten auf die Ausschreitungen eines rechten Mobs in Chemnitz reagiert. (Tamedia/Twitter)
Video: Andreas Seidel/dpa/AFP

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Handyfilme von Teilnehmern und Beobachtern zeigen Jagdszenen am helllichten Nachmittag: Schwarz gekleidete Männer rotten sich zusammen, zu Hunderten, marschieren und rennen los, auf der Suche nach ausländisch aussehenden Menschen, nach denen sie treten oder Flaschen werfen, sobald sie sie aufspüren. Menschenketten der Polizei, die den Strom aufhalten wollen, sprengen sie ohne Mühe. Endlos brüllen sie Parolen: «Das ist unsere Stadt!», «Deutsch, sozial und national», «Für jeden toten Deutschen einen toten Ausländer!». Die Ausländer beschimpfen sie als «Kanaken», «Viehzeugs», «Zecken». «Ihr seid hier nicht willkommen!», schreien sie ihnen ins Gesicht, und wenn diese vor den Attacken fliehen, spotten sie ihnen hinterher: «Wie die rennen, die Zecken, das gibt es ja gar nicht!»

Mehr als eine Stunde lang hat am Sonntagnachmittag in der Innenstadt von Chemnitz, einer sächsischen Stadt mit 250'000 Einwohnern, ein rechtsextremer Mob regiert. Mindestens 800 Aktivisten waren gekommen, nachdem die rechtsradikalen Fussballfans von Kaotic Chemnitz in den sozialen Medien zu einer Demonstration aufgerufen hatten. Auslöser war eine Messerstecherei am Rande des Stadtfestes zur 875-Jahr-Feier von Chemnitz gewesen, bei der in der Nacht auf Sonntag nach einem Streit ein 35-jähriger Deutscher ums Leben gekommen und zwei weitere Deutsche verletzt worden waren. Unter Tatverdacht nahm die Polizei einen 23-jährigen Syrer und einen 22-jährigen Iraker fest. Gegen die beiden Männer wurde am Montag Haftbefehl erlassen. Gerüchte in den sozialen Medien, der Getötete habe versucht, Frauen vor sexueller Belästigung zu schützen, dementierte die Polizei.

Polizei hoffnungslos unterlegen

Die Politik reagierte mit Entsetzen auf die Ereignisse. Der Mord habe sie schockiert, sagte die Chemnitzer Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD). Dass sich danach aber Leute verabredet hätten, um durch die Stadt zu rennen und Menschen zu bedrohen – und damit gar das Stadtfest zum Abbruch gebracht hätten, das empfinde sie als besonders schlimm. Der Sprecher der Bundesregierung von Angela Merkel (CDU), Steffen Seibert, äusserte sich am Montag in Berlin unmissverständlich. Der Tod des Mannes sei schrecklich, die Justiz werde sich um die Täter kümmern. Für «Selbstjustiz» hingegen, für «Gruppen, die auf den Strassen Hass verbreiten», sei in Deutschland kein Platz. «Solche Zusammenrottungen, Hetzjagden auf Menschen anderen Aussehens, anderer Herkunft – das nehmen wir nicht hin.»

Die Polizei war dem Mob am Sonntag zunächst hoffnungslos unterlegen gewesen. Nach Beobachtungen der Chemnitzer «Freien Presse» standen den gewaltbereiten Demonstranten zu Beginn lediglich etwa 50 Polizisten gegenüber. Erst nach einer guten Stunde traf aus anderen sächsischen Städten Verstärkung ein. Die sächsische Polizei war am Wochenende über viele Veranstaltungen im Bundesland verteilt gewesen. Linke und Rechte riefen für Montagabend zu weiteren Demonstrationen auf.

Hochburg der rechtsextremen Szene

Angriffe von Rechtsextremen auf Ausländer sind in Deutschlands Osten schrecklich alltäglich. In kleinen sächsischen Städten wie Freital, Heidenau, Clausnitz und Bautzen hat es in den vergangenen zwei Jahren ebenfalls pogromhafte Jagden gegeben wie nun in Chemnitz. Besonders an dem Vorfall von Sonntag war vor allem die Grösse des Mobs, dessen straffe Organisation und die Tatsache, dass er die Hauptstrassen und Plätze einer ziemlich grossen Stadt an einem strahlenden Wochenendnachmittag in Besitz zu nehmen wagte, als sich auch viele unbeteiligte Passanten dort aufhielten.

Sicherheitsexperten warnen schon länger, dass Chemnitz eine Hochburg der rechtsextremen Szene sei. Das sächsische Landesamt für Verfassungsschutz registrierte in der Stadt zuletzt vermehrt Auseinandersetzungen zwischen gewaltbereiten Rechtsextremisten und ausländisch aussehenden Menschen. Besonders aktiv seien die Kaotic-Hooligans aus dem Umfeld des Chemnitzer FC sowie deren Gesinnungsgenossen, die NS-Boys. Beide Gruppierungen gelten als rechtsextrem und werden vom Verfassungsschutz beobachtet. Die NS-Boys haben beim Chemnitzer FC bereits seit 2006 Stadionverbot. Beide Gruppierungen bilden ein Netzwerk mit bekannten Neonazis.

Nicht nur Hooligans und Rechtsextreme, auch die Alternative für Deutschland (AfD) hatte am Sonntag zu einer spontanen Protestaktion in Chemnitz aufgerufen, für einen Zeitpunkt eine Stunde vor den Fussballfans. Markus Frohnmaier, Bundestagsabgeordneter der AfD, twitterte: «Wenn der Staat die Bürger nicht mehr schützen kann, gehen die Menschen auf die Strasse und schützen sich selber. Ganz einfach! Heute ist es Bürgerpflicht, die todbringende ‹Messermigration› zu stoppen.»

Video: AfD distanziert sich von Gewalt

AfD-Bundestagsabgeordneter Jens Maier spricht sich gegen gewalttätige Kundgebungen aus, man soll seine Bestürzung über die Vorkommnisse friedlich zeigen. (Reuters)

Erstellt: 27.08.2018, 16:40 Uhr

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