Wie findet man Frieden?

Vor 20 Jahren endete der Kosovokrieg. Was wir von jenen, die ihn als Kinder erlebt haben, lernen können.

Junge Leute in Kosovo feiern gerne. Über ihre schwierigen Erinnerungen sprechen sie selten, obwohl sie bis heute mit den Konsequenzen der Gewalt von 1998/99 leben.

Junge Leute in Kosovo feiern gerne. Über ihre schwierigen Erinnerungen sprechen sie selten, obwohl sie bis heute mit den Konsequenzen der Gewalt von 1998/99 leben. Bild: Keystone

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In diesen Tagen im Juni vor 20 Jahren endete das Bombardement der Nato im Kosovokrieg. Für Aussenstehende verschwinden die Schauplätze eines Konfliktes danach schnell aus den Köpfen. Ein Friedensvertrag wurde unterzeichnet, internationale Schutztruppen wahren bis heute die Ruhe, das Land ist seit 2008 unabhängig. Die Medien berichten über Kriegsverbrecherprozesse oder über Jahrestage, an denen an die Vermissten erinnert oder der Opfer von Massakern gedacht wird – was unbestritten wichtig ist. Für das Zwischendurch bleibt jedoch oft wenig Raum und Aufmerksamkeit. Doch in diesen Zwischenräumen wuchs eine ganze Generation auf, die als Kinder einen Krieg erlebt hat.

Man sieht den vielen jungen Leuten, die das Strassenbild in der kosovarischen Hauptstadt Pristina prägen, nicht an, dass mit kaum dreissig teilweise Unvorstellbares hinter ihnen liegt. Wenn man mit ihnen spricht, erzählen sie, dass sie eine gute Ausbildung machen und später einen Job finden wollen. Am Abend vergnügen sie sich in Bars und Clubs. Über das, was sie vor 20 Jahren und auch in der Zeit nach dem Krieg erlebt haben, sprechen sie kaum. Auch nicht untereinander. Sie wollen nach vorne schauen.

Hier kommen sie in diesen Tagen nun zu Wort, jene, die sich bereit erklärt haben, über ihre Erinnerungen zu sprechen. Sie erzählen, wie sie flüchteten und danach in ihr Leben zurückfinden mussten, von dem nur noch Trümmer übrig waren. Sie erzählen, was sie Jahre später noch in Albträumen heimsucht, dass sie bis heute Angst vor Polizisten haben und bis heute die Schreie jener hören, die den Krieg nicht überlebt haben. Und sie sprechen darüber, wie sie an der Versöhnung zwischen Albanern und Serben arbeiten. Denn obwohl sie nicht zur Gewalt beigetragen haben, spüren junge Albaner wie Serben bis heute die Konsequenzen der Gewalt.

Krieg ist mehr, als wenn nicht mehr geschossen wird

Einige sind entschlossen, der Teilung und dem gegenseitigen Misstrauen ein Ende zu bereiten. Sie wollen die nationalistische Rhetorik beider Seiten nicht akzeptieren. Sie wollen auf Menschen zugehen – und stossen dabei nicht selten auf Widerstand, in ihrem Freundeskreis und bei ihren Familien. Sie bezeichnen ihre Friedensarbeit als Balanceakt. Sie wollen jene, denen Fürchterliches widerfahren ist, nicht vor den Kopf stossen. Sie wollen aber auch nicht im Hass gefangen bleiben, sondern auf Menschen zugehen, auf jene der «anderen» Seite.

Ihre Geschichten sind Zeitzeugnisse. Sie zeigen, dass Versöhnung nicht einfach an einem Tisch in Brüssel ausgehandelt wird, sondern ebenso zwischen einzelnen Personen, die dafür nicht die Anerkennung der EU oder der weiteren internationalen Gemeinschaft erhalten – kein Händeschütteln, kein Fototermin, keine Zeremonie. Es sind viele oft unhonorierte, aber wichtige Schritte dieser jungen Menschen, im Alltag eines Landes, wo bis heute unsichtbare, aber oft scheinbar unüberwindbare Grenzen existieren. Die Offenheit und der Mut, diese Grenzen zu überwinden, sind zutiefst beeindruckend.

Die Geschichten dieser jungen Leute zeigen auch, dass ein Krieg nicht vorbei ist, sobald keine Schüsse mehr fallen. Es kann Jahre dauern, bis jemand für sich Frieden geschlossen hat, mit dem Erlebten und mit den «anderen». Wann der Zeitpunkt dazu ist, obliegt nicht Aussenstehenden zu bestimmen. Wir, die Aussenstehenden, sind da, um zuzuhören, zu verstehen, zu unterstützen und jenen, die ihren Weg in die Zukunft suchen, ohne Vorurteile zu begegnen. Das wünschen sie die jungen Menschen aus Kosovo heute. Und dass die Kriegsgeschichten jener, die sprechen wollen, gehört werden. Sie sollen sich nicht wiederholen. Jene Geschichten über Versöhnung sollen ebenso gehört werden, denn sie sollen in Zukunft immer mehr werden.

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(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 10.06.2019, 20:54 Uhr

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