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«Wie in Wuhan» – so ist die Lage in Italiens roter Zone

Menschenleere Gassen, rasant steigende Infektionszahlen: Was die isolierten Menschen in Norditalien sagen.

Miniaturausgabe von Wuhan: Die Strassen von Codogno sind fast menschenleer. Video: AP

Zunehmend bestimmt in Norditalien der Mundschutz das Strassenbild und eine ganz junge Seuche macht den Menschen Angst: Das neuartige Coronavirus Sars-CoV-2 ist im Land (zum Nachrichten-Ticker). Wie grossflächig es schon um sich gegriffen hat, lässt sich derzeit kaum absehen.

Es ist der weitaus schlimmste bekannte Ausbruch von Sars-CoV-2 in Europa. In der stark betroffenen Stadt Codogno waren viele Strassen am Wochenende menschenleer. «Hier ist keine Menschenseele mehr auf der Strasse. Es ist, als wären wir in Wuhan», sagte ein Bewohner gegenüber dem italienischen Staatsfernsehen. Die Stadt wirkte wie eine italienische Miniaturausgabe der abgeriegelten chinesischen Millionenstadt. «Wir erleben eine absurde Situation, hier in der Stadt reden wir über nichts anderes. Die meisten Menschen haben heute getan, was ich tun werde: Vorräte kaufen, wo noch Geschäfte geöffnet sind, und dann in mein Haus zurückkehren», erzählt ein Mann dem «Corriere del Ticino».

Angst greift um sich

Unter den Infizierten ist auch mindestens ein Unilever-Beschäftigter, Mitarbeiter der lokalen Fabrik tragen auf der Strasse Mundschutz - und immer mehr Anwohner tun es ihnen gleich. Etliche Schulen und Geschäfte sind geschlossen, zig Sportveranstaltungen und andere Grossevents abgesagt.

Für die Menschen Norditaliens ist die rasante Entwicklung kaum zu fassen, Angst greift um sich. Bis Mittwoch schien die Welt noch in Ordnung, nur drei Infektionen waren landesweit bekannt, alle drei wurden früh erkannt. Am Donnerstag folgte der Schock: Bei einem schwer erkrankten 38-Jährigen in einer Klinik in Codogno wurde das Virus nachgewiesen.

Die italienischen Behörden reagierten schnell, stellten zig Menschen unter Quarantäne, veranlassten umfassende Tests auf das Virus bei Spitalpersonal, Verwandten, Arbeitskollegen und Freunden des Mannes.

Doch das Virus hatte da schon längst Dutzende weitere Menschen erfasst, darunter Ärzte und Krankenschwester der Klinik in Codogno. Unterdessen wurde ein weiterer, zunächst deutlich kleinerer Ausbruch in Venetien bekannt. Dort starb in der Gemeinde Vo ein 78-Jähriger wohl an Covid-19, der vom Virus verursachten Lungenkrankheit, wie die Behörden annehmen.

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Mehr als zehn Menschen in seinem Umkreis sind ebenfalls infiziert. In der Lombardei wurde das Virus bei einer am Donnerstag verstorbenen 77-Jährigen nachgewiesen. Am Samstagabend greift die italienische Regierung hart durch, um eine weitere Ausbreitung von Covid-19 im wirtschaftlich wichtigen Norden einzudämmen: Knapp ein Dutzend Orte südöstlich von Mailand mit etwa 50'000 Einwohnern sowie Vo mit rund 3000 Bewohnern werden abgeriegelt.

Virus womöglich unwissentlich eingeschleppt

«Das Betreten und Verlassen dieser Gebiete ist verboten», sagte Regierungschef Giuseppe Conte. Sicherheitskräfte würden eingesetzt. «Wenn nötig, werden es auch die Streitkräfte sein.» Wer versuche, die Absperrungen zu umgehen, dem drohe «strafrechtliche Verfolgung». Auch ein verfrühtes Ende des eigentlich noch bis Dienstag dauernden Karnevals in Venedig wird erwogen.

Derweil wird nach dem Ursprung beider Ausbrüche gesucht. Möglicherweise brachten Touristen oder Geschäftsleute aus China das Virus irgendwann unwissentlich mit. Die Statistiker zählen in Italien rund 300'000 Chinesen, dazu kamen zuletzt jährlich 5,3 Millionen Übernachtungen aus dem Land.

«Wir dürfen nicht eines Tages zurückblicken und es bereuen, dass wir von diesem Zeitfenster nicht Gebrauch gemacht haben.»

Tedros Adhanom Ghebreyesus, WHO-Chef

Die Entwicklung in Italien zeigt ebenso wie die zunehmend kritische Situation in Südkorea, dem Iran und anderen Ländern, dass eine Pandemie, ein unaufhaltsamer weltweiter Siegeszug des Virus, wohl nicht mehr aufzuhalten ist.

Noch am Freitag hatte der Chef der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gewarnt, dass das Zeitfenster dafür immer kleiner werde. «Wir dürfen nicht eines Tages zurückblicken und es bereuen, dass wir von diesem Zeitfenster nicht Gebrauch gemacht haben», so Tedros Adhanom Ghebreyesus.

In immer mehr Ländern fällt erst auf, dass das Virus längst grosse Kreise gezogen hat, wenn Menschen schwer erkranken oder sterben. So war es im Iran, so war es in Südkorea, so ist es nun auch in Italien.

Schweiz ergreift keine weiteren Massnahmen

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) ergreift trotz der zunehmenden Anzahl an Coronavirus-Erkrankten in Italien bislang keine weiteren Massnahmen wegen des Virus. Erstmals wurden auch Fälle in den norditalienischen Regionen Piemont und Emilia Romagna registriert. Die Schweizer Behörden beobachten die Situation in Italien «genau».

Das teilte das BAG am Sonntag der Nachrichtenagentur Keystone-SDA mit. Die Situation könne sich jedoch schnell ändern. In Bezug auf die Situation in Italien sagte das BAG, dass es sich um einen lokalen Ausbruch handle, der mit allen Mitteln unter Kontrolle gebracht werden müsse.

Italien zählt aktuell die meisten Infektionen mit dem Virus SARS-CoV-2 in Europa. Nach den beiden Todesfällen, die am Freitag und Samstag gemeldet wurden, ist die Zahl der Infizierten inzwischen auf mehr als 100 gestiegen.

(SDA)

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