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Wie kam das Gift ins UNO-Tribunal?

Während das UNO-Tribunal rätselt, wie sich Slobodan Praljak vergiften konnte, wird er in Kroatien bereits als Märtyrer gefeiert.

Slobodan Praljak betritt das Gericht in Den Haag. Bild: Keystone
Slobodan Praljak betritt das Gericht in Den Haag. Bild: Keystone

Der Gerichtssaal ist zum Tatort geworden, und am Tag danach gibt es nur eine dürre Auskunft der niederländischen Staatsanwältin: «Alles, was ich fürs Erste sagen kann, ist, dass eine chemische Substanz in diesem Behälter war, die den Tod verursachen kann», sagte Marilyn Fikenscher. Ihr obliegt nun die Aufgabe, Licht ins Dunkel des Selbstmords zu bringen, den der bosnisch-kroatische General Slobodan Praljak unmittelbar nach seiner Verurteilung zu 20 Jahren Haft im Haager Tribunal inszenierte.

Wie konnte der Angeklagte die Substanz unbemerkt in den Gerichtssaal bringen? Beschuldigte werden zweimal durchsucht, beim Verlassen des Untersuchungsgefängnisses und bei der Ankunft am Gericht. Aber der Fokus liegt auf Waffen, mit denen sie andere gefährden könnten; nicht auf Nahrungsmitteln oder Getränken, die sie mit sich führen dürfen. Kurz bevor ein Angeklagter vor den Richtern auftritt, bekommt er zudem ein paar ungestörte Minuten mit seinem Verteidiger in einem Nebenraum. Anwälte müssen in der Regel nur durch Metalldetektoren. Gift wird da nicht erkannt.

Was wusste die Anwältin?

Ob Praljaks Anwältin eingeweiht war, ob sie ihm gar half bei dem Suizid, das muss nun erst die Polizei aufklären. Es war Praljaks Anwältin, die den Richtern auf Englisch erklärte, er habe Gift genommen. Aber das macht sie nicht zwingend zur Mitwisserin. Denn Praljak hatte zuvor dasselbe auf Serbokroatisch gesagt. Sie übersetzte.

Auch in der Untersuchungshaft gäbe es Möglichkeiten zur Übergabe, auch dort werden Besucher in der Regel nur nach Metall und Waffen durchsucht. Seine 13 Jahre in Den Haag verbrachte Praljak in keinem Hochsicherheitstrakt, sondern in einem Hafthaus für mutmassliche Kriegsverbrecher. Ein Gerichtsinsider in Den Haag weist darauf hin, es sei denkbar, dass Praljak das Gift schon seit Jahren in seinem Besitz hatte.

In Den Haag war die Aufsicht nie sehr streng, auch nach dem Schock von 2006 nicht: Der ehemalige serbische Präsident Slobodan Milosevic starb damals in seiner Untersuchungshaftzelle, nachdem er monatelang seine Herzmedikamente in falscher Weise eingenommen hatte. In voller Absicht? Ganz aufklären liess sich das nie, aber bei vielen in der Justiz blieb der Eindruck eines Freitods auf Raten. Zudem hatten sich zuvor bereits zwei Angeklagte in ihren Zellen in Den Haag erhängt: Milan Babic im März 2006 und Slavko Dokmanovic 1997.

Schock nicht so gross wie bei Milosevic

Der Schock über Praljaks Tod ist in der internationalen Justiz gross, allerdings nicht so gewaltig wie damals bei Milosevic. Der war als Stratege der Jugoslawienkriege bedeutsamer, und ihm war es – zumindest sofern man der Suizidthese folgt – tatsächlich gelungen, sich seinem Urteil zu entziehen. Er starb als Unbestrafter, kein Richter hat ihn je schuldig sprechen können. Das hat nun Praljak nicht einmal versucht. Stattdessen hat der Kroate erst den letztinstanzlichen, damit rechtskräftigen Schuldspruch gegen sich angehört.

In Kroatien aber geht sein vermeintliches Kalkül auf, sich mit dem Gifttod zum Märtyrer zu stilisieren. Praljak habe eine Botschaft an das Tribunal senden wollen, dass seine Verurteilung ungerecht sei, sagte Ministerpräsident Andrej Plenkovic. In seiner Kondolenzadresse an die Familie lobte er den General als Patrioten. Der Premier trifft damit den Nerv eines Grossteils der politischen Klasse und der Bevölkerung – einschliesslich der kroatischen Gebiete in Bosnien.

Im kroatischen Teil von Mostar wurden zu Ehren Praljaks die Flaggen auf halbmast gesetzt, Hunderte Menschen zündeten Kerzen an und beteten für den Toten. Dragan Covic, der kroatische Vertreter im dreiköpfigen bosnischen Staatspräsidium, erklärte, das Urteil sei «ein Verbrechen gegen alle Kroaten in Bosnien-Herzegowina». In Zagreb kam am Donnerstag das Parlament zu einer Schweigeminute zusammen.

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