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«Wie Kinder auf dem Spielplatz»

Berlin erhält ein neues Denkmal, das an die Wiedervereinigung erinnern soll. Es ist noch nicht gebaut – und bereits hoch umstritten.

Das Werk, das an die Wiedervereinigung Deutschlands erinnern soll, ist eine fünfzig Meter lange, flache Schale. Sie schwebt auf einem Sockel, und wenn genügend Menschen sie erklettern, beginnt sie sich zu bewegen. Auf der Oberfläche prangt der Schriftzug «Wir sind das Volk. Wir sind ein Volk.»

Die Jury aus Politikern und Kunstkennern – sie brauchte vier Jahre, um sich zu entscheiden – begründet ihren Entscheid damit, dass das Denkmal «kollektives Erleben» und «Begegnung» ermögliche. «Die Botschaft: Nur gemeinsam können wir einen Staat oder eine Gesellschaft in Bewegung halten und verändern.»

Verordnete Harmonie

Entworfen haben das neue Denkmal das Architektenbüro Milla und die Künstlerin Sasha Waltz, wie der Kulturbeauftragte der deutschen Regierung, Bernd Neumann, heute informierte. Insgesamt waren 386 Entwürfe eingereicht worden.

Der Kostenvoranschlag für das Projekt beträgt 10 Millionen Euro. Allerdings, so schreibt die Jury bereits jetzt in ihrer Begründung, sei fraglich, ob dieser Rahmen eingehalten werden könne, wenn das Werk tatsächlich beweglich sein und auf Dauer funktionieren solle.

Heute wurde der Entscheid bekannt, und bereits wird er heftig diskutiert. Die beinahe einhellige Meinung der Medien: Der Entwurf sei kindlich, harmlos, er blende die schwierigen Erfahrungen der Wiedervereinigung aus und setze stattdessen auf verordnete, langweilige Harmonie. Es sei nicht erstaunlich, schreibt Sueddeutsche.de, dass sich prominente Künstler von diesem Projekt mit seiner vorgeschriebenen positiven Botschaft ferngehalten hätten.

«Brav»

Der Entwurf weise einen «politisch gewünschten pädagogischen Eifer» auf, schreibt die Zeitung weiter. «Wie Kinder auf dem Spielplatz sollen die Bürger den Wert ihrer Staatsform nicht intellektuell, sondern körperlich erfahren.» Die Passanten würden genötigt, sich auf eine Seite der Schale zu schlagen, damit diese in Gang kommt. Die deutsche Einheit werde «bildlich bereinigt von dem Unbehagen und der Widerborstigkeit», die sie doch erst ermöglicht hatten.

Das Urteil der Zeitung: Ein «braves» Denkmal, das es an Zwiespalt missen lässt. Gute Gegenwartskunst sei selten harmonisch, «ihr geht der Bruch mit der Konvention voraus».

«Wie in einer nicht besonders glücklichen Ehe»

Ähnliches sagte selbst ein Jurymitglied heute im «Deutschlandradio Kultur». Der Kurator Matthias Flügge gab an, gegen den Entwurf gestimmt zu haben, «weil dort sozusagen alle kritischen, alle widerborstigen Elemente, die der Vereinigungsprozess ja auch mit sich bringt und mit sich gebracht hat, sozusagen unter Blattgold wegpoliert werden». Genau darum gefalle er natürlich den Politikern besonders gut.

«Spiegel online» – der seinen Artikel spöttisch mit der Aussage beginnt, damit «der beklagenswerte Zustand der deutschen Einheit nicht allzu deprimierend auf den Gemütszustand des Volkes» durchschlage, müsse das Jahrhundertereignis «regelmässig gebührend gefeiert werden» – kritisiert ebenfalls den harmlosen Glanz, der hier über eine auch schwierige Erfahrung gelegt wird. «Es ist ein wenig wie in einer nicht besonders glücklichen Ehe: Für die Kinder und die Nachbarn wird so getan, als sei alles in bester Ordnung.»

Dennoch sei der Entwurf als gelungen zu bezeichnen. Denn er symbolisiere die Wiedervereinigung auf geradezu erfrischende Art und Weise selbst – wenn auch unfreiwillig, schreibt das Portal zynisch:

«Wenn die Kosten sich nach den geplanten zwei Jahren Bauzeit unweigerlich auf zwanzig Millionen verdoppelt haben werden, wird das an die Kosten der Wiedervereinigung gemahnen. Wenn nach erfolgter Fertigstellung im Wippbetrieb die ersten Denkmalsbesucher zermalmt werden, erinnert das an die vielen durch die Wende abgebrochenen Biografien – nicht von DDR-Funktionären, sondern von ganz normalen Ost-Arbeitnehmern, die im neuen System niemals Fuss fassen konnten. Und vielleicht fühlen die Denkmalsbesucher ähnlich wie die DDR-Bürgerrechtler beim Vollzug der Einheit: Sie werden verschaukelt.»

So gesehen also, bilanziert «Spiegel online», sei dies wohl das ehrlichste Denkmal, das sich der Wiedervereinigung errichten lasse.

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