Wie Le Pen noch stärker werden will

Europa hat den Angriff der Populisten vorerst abgewehrt. Diese blasen aber bereits wieder zum Angriff. Die gestern unterlegene Marine Le Pen will nun mehr in die Mitte rücken.

Le Pen zeigt sich nach ihrer Niederlage als Rockerin und feiert zu «I love Rock 'n' Roll».

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Es ist eine Dreifach-Klatsche: In den vergangenen sechs Monaten haben Rechtspopulisten in drei EU-Ländern Wahlen verloren - oder zumindest die hochfliegenden Ziele nicht erreicht, von denen sie träumten. Man könnte folgern, dass die zerstörerische Fähigkeit der Populisten, alte Welten niederzureissen, ohne einen glaubwürdigen Entwurf für eine neue zu haben, erst einmal eingedämmt ist - wenigstens im westlichen Europa.

Auch die Zeitungskommentatoren zeigten sich über die Wahl Macrons zum Präsidenten erfreut, weil es «nach Brexit und Trump keinen neuen Coup» gegeben hat:

In Österreich, den Niederlanden und nun in Frankreich sind Norbert Hofer, Geert Wilders und Marine Le Pen nicht in höchste Staatsämter oder die Schaltzentralen der Macht gewählt worden - Hofer kam im Dezember bei der Präsidentenwahl in Österreich dem mit 46 Prozent noch am nächsten. Der Abstand Le Pens auf Emmanuel Macron dürfte bei gut 30 Prozent liegen.

Die unterlegene Kandidatin wünschte ihrem Gegner, dass er im Interesse Frankreichs Erfolg hat:

Die etablierten politischen Parteien in Europa können erst einmal aufatmen - nachdem sie lange die Luft angehalten hatten. Der populistische Zug, der im vergangenen Jahr 52 Prozent der Briten davon überzeugte, dass ihre Zukunft ausserhalb der Europäischen Union eine bessere sei und amerikanische Arbeiter glauben machte, dass ein Reality-TV-Star und Milliardär ihre Interessen im Weissen Haus vertreten wird, ist gestoppt. Aber wie lange?

Populismus ist noch nicht geschlagen

Trotz der einstweiligen Rückschläge - der Populismus in Europa ist nicht geschlagen. Le Pen zog nicht nur zum ersten Mal in ihrer politischen Laufbahn in eine Präsidentenstichwahl ein, sie erhielt auch wesentlich mehr als die 5,5 Millionen Stimmen, die ihr noch sehr viel weiter rechts stehender Vater Jean-Marie Le Pen 2002 in der entscheidenden Runde bekam.

Sie blickte auch schnell nach vorn, bezeichnete ihre Front National und Verbündeten als grösste Oppositionskraft in Frankreich und deutete an, noch etwas mehr vom rechten Rand in die Mitte zu rücken - um noch stärker zu werden. Mit 48 Jahren ist ihr politischer Weg wohl noch nicht zu Ende gegangen.¨

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Macron wird als französischer Präsident...






Auch in den Niederlanden überdeckte im März die Erleichterung darüber, dass ohne die Wilders-Partei eine Regierung gebildet werden konnte, das Phänomen, das seine «Partei für die Freiheit» mit einem einseitigen, antiislamischen, einwandererfeindlichen Pamphlet als Wahlprogramm zweitstärkste Partei im Parlament wurde.

Versprechen an die sozialen Verlierer

In Frankreich hat die Präsidentenwahl die politische Landschaft umgepflügt. Die Mainstream-Parteien sind in der ersten Runde von Macron und Le Pen abgehängt worden. Le Pens Populismus verkaufte sich wie warme Baguettes. Die sozialen Verlierer der Globalisierung fanden Le Pens «Frankreich zuerst» chic, egal, wie halbgar ihre Vorstellungen blieben. Sie versprach, Franzosen vor Migranten zu beschützen, die ihnen Arbeit und Sicherheit wegnähmen, sie gegen mörderische islamische Extremisten zu verteidigen, den Verdrängungswettbewerb, die offenen EU-Grenzen und den offenen Handel - kurz, gegen die grosse schlechte Welt.

Der «Champagner-Populist» Emmanuel Macron

Auch Macron folgte dem populistischen Zeitgeist. Wie Donald Trump und Le Pen stellte sich der 39-Jährige als politischer Aussenseiter vor, als Mann des Wandels. Auch er versprach - wenn auch nicht im Sprachstil Trumps oder Le Pens - den Sumpf der französischen Politik trocken zu legen, Vetternwirtschaft zu beenden, Karrierepolitiker mit Normalbürgern zu ersetzen und die Zahl der Abgeordneten und Senatoren in der Nationalversammlung um ein Drittel zu verringern.

Manche nannten es Champagner-Populismus, was der Sohn von Landärzten, der eine elitäre Ausbildung genoss und Investmentbanker war, versprach. Sein Versprechen: «Ich bin nicht wie die anderen» muss er schnell einlösen; schon im Juni ist Parlamentswahl und dann braucht er eine Mehrheit, um effektiv regieren zu können. Dafür hat er seine Bewegung «En Marche!» - «Vorwärts!» gegründet, die nun vor ihrer Wahlfeuertaufe steht. (Uwe Käding/AP)

Erstellt: 08.05.2017, 08:52 Uhr

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