Macrons Aufstieg zum jüngsten Präsidenten Frankreichs

Es war ein Duell der Extreme. Drei Faktoren erklären den Weg des En-Marche-Chefs an die Spitze Frankreichs.

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So ungewöhnlich die zwei Kandidaten in der Stichwahl auch waren, der Sozialliberale Emmanuel Macron und die Rechtspopulistin Marine Le Pen haben etwas gemeinsam. Beide verkörpern eine Umwälzung der politischen Landschaft in Frankreich, eine Zäsur in der Fünften Republik, in der sich Sozialisten und Konservative bisher an der Staatsspitze abwechselten.

Mit Macron ist nun ein 39-jähriger ehemaliger Investmentbanker Präsident geworden, der sich zum ersten Mal überhaupt einer Wahl gestellt hat. Nicht nur das ist ein Alleinstellungsmerkmal. Sondern auch seine Parteilosigkeit, seine Positionierung als «Mann der Mitte». Und trotzdem haben die Franzosen ihn gewählt – oder gerade deshalb. Es gibt drei Faktoren, die seinen Weg in den Élysée-Palast erklären.

Macron steht für den Wandel

Der Verdruss über die politische Klasse hat in Frankreich nach François Hollande den Höhepunkt erreicht. Mit dem Sozialisten und seinem konservativen Vorgänger Nicolas Sarkozy waren zuletzt zwei dermassen unbeliebte Präsidenten im Amt, dass die Wähler sich enttäuscht abwandten.

Macron, zuerst als Wirtschaftsminister und Zögling Hollandes selbst Vertreter dieser Klasse, gründete seine eigene Bewegung. Er nannte sie «En Marche!», «Vorwärts», und positionierte sich weder rechts noch links. Ein Motto, das sich verkaufen liess, und ihn überraschend zum grossen Favoriten machte. Der charismatische Politneuling wurde zur Projektionsfläche für all die Hoffnungen der verzagten Franzosen, brachte auch Menschen in seine Bewegung, die sich bisher nicht für Politik interessiert hatten.

Kontrahenten nahmen sich selbst aus dem Spiel

Den Sieg verdankt Macron allerdings auch seinen schwächelnden Rivalen. Zum ersten Mal in der Geschichte der Fünften Republik fand das Rennen im entscheidenden, zweiten Durchgang ohne Kandidaten der Konservativen und der Sozialisten statt. Beide Parteien stehen nun kurz vor den Parlamentswahlen im Juni zersplittert und ohne Spitzenkandidaten da.

Der grösste Favorit zu Beginn des Jahres war der frühere Premier François Fillon. Zwar ein Erhalter des Systems, aber so ein Urgestein in der Politik; ein Mann, der für viele vor allem Kontinuität und Sicherheit verkörperte. Nach seiner Wahl zum Kandidaten der Konservativen im November schien das Rennen schon gelaufen. Aber ein Skandal um die Scheinbeschäftigung seiner Frau demontierte ihn. Anstatt zurückzutreten, zog er seine ganze Partei mit in den Abgrund.

Die Sozialisten schickten hingegen den farblosen Utopisten Benoît Hamon, der von Anfang an bei einstelligen Umfragewerten dahindümpelte. Aus den grossen Volksparteien gab es damit keine wählbare Alternative. Als demokratischer, europafreundlicher Kandidat blieb nur er: Emmanuel Macron.

Le Pen ist zu radikal

Mit Macron in der Stichwahl war schliesslich Marine Le Pen, die rhetorisch brillante Erbin der rechtsextremen Familienpartei Front National. Obwohl sie wochenlang die Umfragen anführte, erreichte sie im ersten Durchgang nur den zweiten Platz. Schon das ein Dämpfer für sie, der recht unerwartet kam. Nachdem Le Pen sich im Wahlkampf bisher gemässigt zeigte, drehte sie die vergangenen zwei Wochen allerdings auf. Sie sabotierte einen Kampagnentermin von Macron, griff ihn unaufhörlich an.

Beim einzigen Wahlduell vergangenen Mittwoch zeigte sie nochmal ihr wahres Gesicht: aggressiv, hämisch und alles andere als staatstragend. Obwohl sie sich als Vertreterin des Volkes inszenierte und damit bei vielen Menschen punkten konnte, war sie einem Grossteil der Franzosen zu extrem – und Macron selbst für seine Kritiker das eindeutig geringere Übel. Dieser erreichte nun mehr als 65 Prozent, ein Ergebnis, das seiner Präsidentschaft den nötigen Rückhalt aus der Bevölkerung gibt – auch wenn die Wahlbeteiligung so niedrig war wie seit 1969 nicht mehr und sehr viele Stimmberechtigte ungültig wählten.

Misslingt die «Revolution», profitiert Le Pen

Der Wahlkampf beginnt jetzt erst richtig für ihn. Denn in einem Monat sind Parlamentswahlen – und nur mit einer Mehrheit dort, kann Macron tatsächlich regieren. Seine Bewegung muss nun in vier Wochen die nötigen Kandidaten aufstellen oder aus anderen Parteien gewinnen.

Macron wird kämpfen müssen, damit er die versprochenen Veränderungen für das Land bringen kann und die Lähmung der Innenpolitik nicht fortsetzt. Um die extreme Rechte zu stoppen, muss er liefern. Denn wenn seine verheissene «Revolution» misslingt, steht in fünf Jahren wieder Le Pen im Ring. Grösser denn je.

Erstellt: 07.05.2017, 21:25 Uhr

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