Wien ist kein Vorbild

Obwohl der soziale Wohnungsbau gross geschrieben wird: In Österreichs Hauptstadt ist der Wohnungsmarkt kein Paradies.

Wien ist in Sachen Wohnungsmieten eine Zweiklassengesellschaft. Foto: iStock

Wien ist in Sachen Wohnungsmieten eine Zweiklassengesellschaft. Foto: iStock

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Stadt Wien ist die grösste Hausverwaltung Europas: 220'000 Gemeindewohnungen nennt Wien sein Eigen, die Stadt ist Vermieterin für mehr als ein Viertel aller Wiener, rund 500'000 Menschen. Hinzu kommen weitere rund 200'000 durch den Wiener Wohnbau geförderte und damit kostengünstige Mietwohnungen. 60 Prozent aller Mietwohnungen in Österreichs Hauptstadt werden dem sozialen Wohnungsbau zugeordnet.

Die niedrigen Mieten in Wien sind legendär. So fragte auch der «Tages-Anzeiger» kürzlich: «Wien als Vorbild für Zürich?» Bitte nicht, kann man da nur sagen. Denn die Berichte über das Wiener Wohnparadies spiegeln die Wirklichkeit nur unzureichend wider.

Mieter im Gemeindebau, im Genossenschaftsbau und mit geerbten Altverträgen zahlen in der Tat äusserst wenig. Noch heute leben 10 Prozent der Wiener mit besonders günstigen Altmietverträgen. Kinder und deren Kinder können in diese Verträge eintreten, die Tarife wurden über die Jahrzehnte nur marginal angehoben.

All jene, die über keinerlei Mieterprivilegien verfügen, müssen aber deutlich tiefer in die Tasche greifen. Das gilt vor allem für jüngere Menschen, die von zu Hause ausziehen, und für junge Familien, die mehr Platz brauchen. Den gibt es aber oft nicht oder wenn, dann nur zu deutlich höheren Preisen. Von insgesamt etwa 650'000 Mietwohnungen in Wien werden nur zwölf Prozent am freien Markt verhandelt – und sind aufgrund der hohen Nachfrage entsprechend teuer.

Wien wächst stark, das Angebot an bezahlbarem Wohnraum kommt dieser Entwicklung nicht einmal ansatzweise hinterher. Für Privatinvestoren lohnt sich die Mühe kaum, weil die Renditen niedrig sind und ihnen die Bürokratie eine Vielzahl an Steinen in den Weg legt. Zudem verunsichern immer wieder aufflammende Diskussionen über weitere Regulierungen die Vermieter. Gleichzeitig sind die Wartelisten im roten Wiener Gemeindebau und bei den Gemeinnützigen lang – man muss sich schon gedulden oder jemanden kennen, der jemanden kennt. Am besten «in der Partei».

Einmal drin, muss man nicht mehr raus

Die Zeit ist dann aber auch die höchste Hürde, denn weitere Bestimmungen zur Vergabe gibt es kaum. Auch keine Bedarfsprüfungen nach dem Einzug – wer einmal drin ist, muss nicht mehr raus. Unter bestimmten Voraussetzungen können geförderte Wohnungen an Verwandte weitergegeben werden – ganz unabhängig von deren finanzieller Situation.

Überhaupt sind nur 22 Prozent der Bewohner der günstigsten Sozialwohnungen in Österreich Niedrigverdiener, gehören also zu den 20 Prozent mit niedrigstem Einkommen. Mittelverdiener stellen 66 Prozent der Mieterschaft, und die Topverdiener machen immerhin noch ganze 12 Prozent aus. Ob all das noch sozial ist, darüber könnte trefflich gestritten werden.

In Wien sind die Einkommensgrenzen für eine Gemeindewohnung so hoch, dass an die 90 Prozent der Bürger Anspruch darauf haben. Die Sozialdemokraten rechtfertigen das damit, dass sie eine soziale Durchmischung wollen.

Nun spricht nichts dagegen, dass Menschen, die im Laufe der Zeit in der Einkommensleiter nach oben klettern, nicht aus der für sozial Schwache gedachten Gemeindewohnung ausziehen müssen. Aber dann sollen sie dort Marktmieten bezahlen, und die Stadt könnte mit diesen zusätzlichen Einnahmen neuen Wohnraum schaffen, so das politisch gewollt ist.

Die Regulierungen des Wohnungsmarkts und der soziale Wohnungsbau schaffen somit eine Zweiklassengesellschaft: Es gibt Insider, die trotz guter Einkommen geschützt und bessergestellt werden, und Outsider, denen der Zugang zu günstigem Wohnraum erschwert wird. Das ist die Schattenseite im «Wiener Wohnparadies».

*Michael Christl ist Volkswirt bei Agenda Austria, einem Wiener Thinktank.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.01.2018, 20:03 Uhr

Artikel zum Thema

Wien als Vorbild für Zürich?

Reportage 60 Prozent der Wiener leben in subventionierten Wohnungen. Wie das funktioniert und ob das auch in Zürich denkbar wäre. Mehr...

Vor den Toren Wiens entsteht die Superstadt

Die Seestadt Aspern ist ein Bauprojekt der Superlative. Mitten in der Retortenstadt: ein Schweizer, der sein Glück gefunden hat. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Es gibt Besseres als Escorts

Echte Erotik und richtigen Sex, bei dem beide Lust aufeinander haben, findet man nicht bei Escorts. Aber dafür beim Casual-Dating im Internet.

Kommentare

Blogs

Never Mind the Markets Wie man ein Land ruiniert

Mamablog Gelassen bleiben – aber wie?

Die Welt in Bildern

Schall und Rauch: Kiffer versammeln sich vor dem kanadischen Parlamentshaus in Ottawa, um bei der jährlichen sogenannten «4/20»-Demonstration teilzunehmen. Das Land hat den Cannabiskonsum legalisiert. (20. April 2018)
(Bild: Chris Wattie ) Mehr...