Will Geert Wilders an die Macht?

Alles dreht sich bei den Parlamentswahlen vom 15. März in den Niederlanden um Wilders. Doch dessen Verhalten gibt Rätsel auf.

Funktioniert nur als Ein-Mann-Show: Rechtspopulist Geert Wilders. Foto: Obin van Lonkhuijsen (EPA, Keystone)

Funktioniert nur als Ein-Mann-Show: Rechtspopulist Geert Wilders. Foto: Obin van Lonkhuijsen (EPA, Keystone)

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Es ist die Rolle, aus der er sein politisches Kapital schöpft: «Die Antifaschisten sind die Faschisten von heute», twitterte Geert Wilders gestern. Der Islamkritiker hetzt vor den niederländischen Parlamentswahlen vom 15. März lauter denn je und sieht sich selber als Opfer, als Verfolgten. Wilders wollte eigentlich morgen in einem Tierheim von Zaandam etwas ausserhalb von Amsterdam auftreten. Doch als lokale Antifa-Aktivisten sich ankündigten, bekamen die Gastgeber kalte Füsse. «Wir mussten fürchten, dass die Sicherheit von Menschen und Tieren nicht garantiert werden kann», sagt die Leiterin des Tierheims.

Und so ist wieder mit einem kleineren medialen Knall einer der letzten Wahlkampftermine des Chefs der Freiheitspartei (PVV) geplatzt. In einem Wahlkampf, in dem sich fast alles um den 53-jährigen Rechtspopulisten dreht und der sich auch selber gerne rarmacht. Das Image des bedrohten und isolierten Einzelkämpfers, das verschafft ihm zumindest bei den Sympathisanten Glaubwürdigkeit.

Geert Wilders ist zwar selbst seit bald 20 Jahren Berufspolitiker im Haager Parlament. Er hat es aber geschafft, sich zur Ikone im Kampf gegen eine korrupte Elite hochzustilisieren. Ob sich das auszahlt, wird sich in einer Woche zeigen. Vor ein paar Tagen war Wilders nach einem längeren Höhenflug mit seiner Freiheitspartei leicht hinter die führenden Rechtsliberalen von Premier Mark Rutte abgerutscht. Das musste für ihn wie ein Schock sein. Einige seiner Anhänger finden es zwar gut, dass der Donald Trump der Niederlande Krawall macht und das Establishment aufscheucht. Nicht alle glauben jedoch, dass ihr Idol auch Lösungen hat.

Eindimensionale Tweets

Vielleicht hat der Einbruch auch damit zu tun, dass Wilders kürzlich vorübergehend alle öffentlichen Auftritte abgesagt hat. Dies, nachdem ein Sicherheitsleck bei seinem Personenschutz publik geworden war. Seit der Filmemacher Theo van Gogh 2004 von einem islamischen Fundamentalisten ermordet wurde, wird Geert Wilders rund um die Uhr von Leibwächtern bewacht. Einer der Polizeibeamten – mit Verbindungen zu einer kriminellen Marokkanerbande – soll Informationen weitergegeben haben. Auch diesen Vorfall schlachtete Wilders per Twitter aus, trotz ausdrücklicher Sicherheitsgarantien der Regierung.

Wilders als Mittelpunkt des Wahlkampfes habe ein Alibi gefunden, um noch selektiver mitzumachen, kritisierte die konservative Tageszeitung «NRC Handelsblad». Wilders ziehe es offenbar vor, den Wahlkampf fern von der öffentlichen Debatte mit seinen eindimensionalen Tweets zu betreiben. Der Niederländer macht nicht nur in den sozialen Medien auf Donald Trump. Auch den Spruch, dass er die Niederlande wieder gross machen will, hat er vom US-Präsidenten abgekupfert. Wie sein Vorbild feuert er über Twitter rund um die Uhr seine Salven ab. Es sind kurze Botschaften ohne Nuancen.

Dafür hat er bisher fast alle Fernsehdebatten geschwänzt. Er ist nicht einer, der gerne debattiert. Sein Programm hat er auf einer DIN-A4-Seite zusammen­gefasst. Er will aus der EU austreten, den Islam verbieten und die Moscheen in den Niederlanden schliessen. So viel ist klar. Moscheen bezeichnet er auch schon mal als «Nazi-Tempel», den Koran vergleicht er mit Hitlers «Mein Kampf», und auf Kopftücher wollte er schon eine Steuer erheben. Wenige Auftritte und seltene Interviews reichen ihm da, um die Schlagzeilen zu setzen. Kritische Fragen geht er stets geschickt aus dem Weg. Wo immer er erscheint, sind Sicherheitskräfte und Medien gegenüber den Sympathisanten in der Regel ohnehin in der Überzahl.

Geert Wilders braucht den direkten Kontakt zum Volk nicht wirklich. Er lebe «entfremdet vom normalen Leben», sagte sein älterer Bruder Paul kürzlich in einem Interview. Schon als Jugendlicher sei er eine entsetzliche Plage gewesen, egozentrisch und aggressiv. Nach der Schule ging er länger nach Israel, erlebte hautnah den Konflikt mit den Palästinensern. Das soll eine prägende Erfahrung gewesen sein. Wilders ist heute ein grosser Freund der rechtsnationalen Regierung in Jerusalem. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in den USA und dem Mord am Filmemacher Theo van Gogh begann er, sich als Islamgegner zu profilieren. Es gab diesbezüglich eine Lücke im bisher politisch korrekten und toleranten Holland.

Ausser Politik hat Geert Wilders heute nicht viel im Leben. Stets bewacht und beschützt, kann der niederländische Trump schon lange nicht mehr abends spontan ins Kino oder in ein Restaurant gehen. Es ist ein Leben wie in der Zelle, in einem Gefängnis. Seit zwölf Jahren unter Polizeischutz, muss Geert Wilders alle paar Nächte die Unterkunft wechseln. Seine langjährige Ehefrau, eine ungarische Diplomatin, soll er nur ein- oder zweimal pro Woche sehen.

Das schlechteste Szenario

Wilders reicht der Nachrichtendienst Twitter, um volksnah zu sein und die Empörung zu bewirtschaften. Immerhin hat er dort bald 800'000 Follower, mehr als die Zeitungen des Landes Abon­nenten. Und auch so schafft er es mit seinem blondierten Schopf immer wieder auf die Titelseiten. Dabei geht es den Niederlanden eigentlich so gut wie schon lange nicht mehr. Die Wirtschaft ist im vergangenen Jahr mit 2,1 Prozent gewachsen, die Arbeitslosenquote auf 5,5 Prozent zurückgegangen.

Doch die Regierungskoalition aus Ruttes Rechtsliberalen (VVD) und Sozialdemokraten (PvdA) kann nach fünf Jahren mit ihrer recht positiven Bilanz nicht punkten. Geert Wilders polarisiert und setzt die Themen mehr denn je. Das Land debattiert jetzt über Identi­tät, über den Platz des Islam im Land und ob der Zwarte Piet, der traditionelle Begleiter des Samichlaus, weiterhin schwarz sein darf. Und selbst Minis­terpräsident Mark Rutte hat während des Wahlkampfs in einem offenen Brief die Zuwanderer aufgefordert, sich niederländisch zu verhalten oder wieder zu gehen.

Wenn alle schwach sind, kann Wilders die Konkurrenz noch besser vor sich hertreiben.

Wenn Wilders etwas geschafft hat, dann die politische Landschaft nach rechts zu rücken und die Fragmentierung weiter voranzutreiben. Mehr als ein Dutzend Parteien dürften im neuen Parlament in Den Haag vertreten sein, und keine wird am Ende mehr als 20 Prozent der Stimmen erzielen. Wenn alle schwach sind, kann Geert Wilders die Konkurrenz noch besser vor sich hertreiben. Alle rechnen damit, dass es diesmal für eine Regierung eine Koalition von mindestens vier Parteien brauchen wird. Mit Wilders will jedenfalls niemand. Bei «null Prozent» liege die Wahrscheinlichkeit, dass er es noch einmal mit Wilders versuche, sagte Mark Rutte kürzlich.

Doch auch Geert Wilders’ Anhänger glauben nicht wirklich, dass der Rechtspopulist nach der Macht strebt. In Frankreich übt Marine Le Pen sich im gemässigteren Auftritt und gibt sich fast schon präsidial. In den Niederlanden wird Wilders immer radikaler, um interessant und im Gespräch zu bleiben. Donald Trumps Einreisesperre findet er selbstverständlich gut. Mal verspricht er seinem Publikum, muslimische Einwanderer zu deportieren. Dann bezeichnet er die Marokkaner auf den Strassen als «Abschaum».

Aber ein Geert Wilders an der Macht, das wäre wohl nicht nur für das Land, sondern auch für den niederländischen Rechtspopulisten das schlechteste Szenario. Denn Wilders traut nie­mandem ausser sich selbst, und Widerspruch duldet er schon gar nicht. Eine besondere rechtliche Konstruktion macht es möglich, dass er Präsident und einziges Mitglied seiner Freiheitspartei ist. Der Rechtspopulist funktioniert nur als Ein-Mann-Show.

Erstellt: 07.03.2017, 22:40 Uhr

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