Willfährige Helfer des IS

Terroranschläge mit rechtsextremem Hintergrund waren bisher selten, könnten aber bald zunehmen. Das ist genau das, was sich der IS wünscht.

Eine Polizistin spricht mit Muslimen nach dem Anschlag in der Nähe des Finsbury Park. Foto: Carl Court (Getty Images)

Eine Polizistin spricht mit Muslimen nach dem Anschlag in der Nähe des Finsbury Park. Foto: Carl Court (Getty Images)

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Terroristen bleiben Terroristen, egal welcher Ideologie sie folgen, welchen Gott sie anbeten oder welche Hautfarbe sie haben. Wenn man Zeugen des Anschlags vom Londoner Finsbury Park glauben darf, hat der Attentäter gesagt, er wolle Muslime töten. Auch die Auswahl der Opfer – Moscheegänger, die eben erst das Nachmitternachtsgebet im Ramadan verrichtet haben – deutet auf Muslimhass als Tatmotiv hin.

Müssen wir neben dem schon fast alltäglichen islamistischen Terror nun auch noch mit Anschlägen von Rechtsextremen leben lernen? Neben Finsbury Park bleibt vor allem der Terroranschlag auf eine Moschee im kanadischen Québec in Erinnerung. Dabei hatte ein Rechtsextremist Ende Januar sechs Muslime erschossen und 19 verwundet. Schon weiter zurück liegen die Attentate des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) in Deutschland. Die rechtsextremen Terroristen ermordeten zwischen 2000 und 2006 zehn Personen, unter ihnen acht Türkischstämmige. Und in der somalischen Moschee im Zentrum von Zürich schoss ein Okkultist erst vor kurzem mit einer Pistole auf Muslime und verletzte drei von ihnen, bevor er sich selber richtete. Bis heute ist nicht klar, ob Muslimhass das Tatmotiv war. Es wäre höchste Zeit, dass die Polizei über den Stand der Ermittlungen Auskunft gäbe. Es geht nicht an, der Öffentlichkeit solch wichtige Informationen vorzuenthalten. Tut man es dennoch, läuft man Gefahr, den Jihad-Sympathisanten in die Hände zu spielen, die Muslime immer in der Opferrolle sehen.

Spätestens seit den islamistischen Terrorattacken von Manchester und auf der London Bridge hetzen Rechtsextreme in den sozialen Medien verstärkt gegen alles, was mit dem Islam zu tun hat. Diese Leute müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, Täter wie jenen von Finsbury Park angestiftet zu haben. Dabei tun sie genau das, was der IS mit seinen Anschlägen in Europa beabsichtigt: Er versucht, Religions­gemeinschaften gegeneinander aufzuhetzen in der Hoffnung, die Muslime würden sich irgendwann vom demokratischen Rechtsstaat im Stich gelassen fühlen und sich radikalisieren.

Nur so wäre es denkbar, dass sich Muslime in Europa zusammenrotten – aus Angst vor rechtsextremen Attacken oder Pogromen. Erst dann laufen einige Stadtviertel und Banlieues Gefahr, zu unregierbaren Zonen zu werden, allenfalls mit der Scharia als oberstem Recht. Das wäre ein Chaos nach dem Geschmack der Terrormiliz Islamischer Staat, denn dort würde ihre krude Auslegung des Korans auf fruchtbaren Boden fallen. Genau so haben sich ihre Vorläuferorganisationen mit ihren Anschlägen auf Schiiten und Christen im Irak verhalten. Islamhasser, von denen es auch in der hiesigen rechten und christlichen Szene einige gibt, sind somit die nützlichen Idioten des IS.

90 Gefährder in der Schweiz

Was tun die Nachrichtendienste gegen die Gefahr von rechts aussen? Auf der jihadistischen Gefährderliste der Schweizer Schlapphüte stehen 90 Namen. Von einer vergleichbaren Liste rechts- oder linksextremer Gewalttäter ist nichts bekannt. Dennoch beobachtet der Nachrichtendienst des Bundes (NDB) auch diese Szenen recht genau. Noch weiter geht der deutsche Verfassungsschutz, der immer wieder auch Zahlen zur Grösse und dem Gefahrenpotenzial des rechtsextremen Spektrums veröffentlicht.

In Deutschland hat die Zahl rechtsextremer Gewalttaten gegen Flüchtlinge und Asylunterkünfte in den letzten Jahren stark zugenommen. Sieht man sich dagegen die Statistik der europäischen Terroranschläge in den letzten 36 Monaten an, dann versteht man, warum nicht nur die Nachrichtendienste, sondern auch die meisten Medien in erster Linie vom islamistischen und nicht vom rechtsextremen Terrorismus sprechen: Von 39 Attentaten gingen europaweit 31 auf das Konto von Islamisten, bei 7 steckten Rechtsextreme dahinter, und bloss in einem Fall ging die Gewalt von Linksextremen aus. Noch krasser sieht es in der Opferstatistik aus: Von den 331 Toten waren für 329 islamistische Terroristen ­verantwortlich. Das sind mehr als 99 Prozent. Zwei Todesopfer waren bei Terrorakten mit rechtsextremem Hintergrund zu beklagen. Von den 1301 Verletzten gingen 98 Prozent auf das Konto von Islamisten.

Die islamistische Gefahr ist also real, doch könnte es sein, dass sich die rechtsextreme Gewalt gegen Muslime und Migranten allgemein schon bald verstärken könnte. Hier sind die Staaten gefordert, rechtsextreme Hetze möglichst schon im Keim zu ersticken. Terroristen jeder Couleur sollte man nicht nur das Gewaltmonopol und Strafverfolgung entgegenhalten. Vielmehr wäre es entscheidend, auch die dahintersteckenden Ideologien ernst zu nehmen, zu analysieren und zu bekämpfen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.06.2017, 23:08 Uhr

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