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«Wir haben Toleranz falsch verstanden»

Der niederländische Soziologe Paul Scheffer sieht im Erfolg des Populisten Geert Wilders unterdrückte gesellschaftliche Konflikte aufbrechen.

Die Niederlande bekommen eine Regierung von Geert Wilders Gnaden. Ist dies das Ende der Niederlande als Hort der Toleranz?Das war schon immer eine sehr oberflächliche Wahrnehmung. Die Niederlande sind ähnlich wie die Schweiz, Dänemark, Österreich oder Belgien eine stark organisierte Gesellschaft, in der Konsens hochgehalten wird. Wir tun uns schwer, Konflikte offen auszutragen. Es war immer eine Toleranz in gewissen Grenzen.

Wir sind also einem Klischee aufgesessen. Kippen die Niederlande mit Wilders als Juniorpartnereiner Regierung nun ins andere, repressive Extrem?Es ist kein völliger Bruch, aber einiges, was vorher unter der Oberfläche war, wird nun sichtbar. Ich habe schon vor mehr als 20 Jahren ein Buch mit dem ironischen Titel «Eine zufriedene Nation» geschrieben. Wir haben mit dieser Selbstzufriedenheit gut gelebt. Homo-Ehe, Euthanasie, liberale Drogenpolitik haben zu diesem Klischee gehört. Es gab auch eine gewisse Abschottung, das hat uns die Migration deutlich gemacht. Ein Versorgungsstaat wie der unsere tut sich schwer, Menschen von aussen aufzunehmen. Die Hürden sind hoch. Länder wie die USA oder Kanada sind da durchlässiger. Unsere Freizügigkeit ging Hand in Hand mit Konformismus. Die Gefahr ist, dass jetzt ein Klischee durch ein anderes ersetzt wird.

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